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Deutschland / Welt Wirtschaftspolitiker nähern sich Steinbrück an
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Wirtschaftspolitiker nähern sich Steinbrück an
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11:34 02.09.2011
Von Stefan Koch
Ehemaliger Steinmeierhelfer: Harald Christ forder mehr Einsatz für Bildung. Quelle: dpa
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Berlin

Hätte Frank Walter Steinmeier 2009 die Wahlen gewonnen, so hieße der Bundeswirtschaftsminister heute vermutlich Harald Christ. Nach der Wahlniederlage jedoch hat sich der wirtschaftspolitische Fachmann der SPD zurückgezogen und ganz auf sein eigenes Unternehmen konzentriert. Doch jetzt betritt der 39-Jährige wieder die politische Bühne – mit einer Analyse der strukturellen Probleme in Deutschland und Ideen zur besseren Förderung der Ressourcen.

Ende des Monats veröffentlicht Christ ein Buch, das sich als Grundlage für ein Wahlprogramm eignen würde: „Deutschlands ungenutzte Ressourcen – Aufstieg, Bildung und Chancen für alle“. Über zwölf Monate hinweg ergründete der Finanzexperte die Bereiche Bildung, Forschung und Wirtschaft: „Mich beschäftigt die Frage, wie es bei uns zu Hause in zehn oder 20 Jahren weitergehen soll.“ Eine Herangehensweise, wie sie auch von seinem Parteifreund Peer Steinbrück gern gepflegt wird. Es ist von daher wohl auch kein Zufall, dass Christ in der kommenden Woche die „Berliner Wirtschaftsgespräche“ moderiert, bei denen zahlreiche Unternehmer aus der Hauptstadt zu Gast sind und Steinbrück den Gastvortrag hält. Die beiden tauschen sich eng aus. Und auf die Frage, wer der aussichtsreichste SPD-Kanzlerkandidat wäre, sagt der Autor: „In unserer Partei gibt es mehrere geeignete Kandidaten. Aber sicherlich spricht für Steinbrück, dass er eine besondere finanzpolitische Kompetenz besitzt.“ In diesen turbulenten Zeiten sei das selbstverständlich ein wichtiger Punkt.

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Doch um die Frage der Kanzlerkandidatur geht es zurzeit noch nicht, und Christ wünscht sich zunächst eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit den Strukturproblemen. Angesichts der dramatischen demografischen Veränderungen sei der Handlungsdruck im Bildungsbereich am größten. Der Wirtschaftsboom der vergangenen Monate täusche darüber hinweg, dass die Hochphase der Industrieproduktion schon in absehbarer Zeit vorbei sein könnte. „Als rohstoffarmes Land sind wir zwingend auf schlaue Köpfe angewiesen. Und genau daran könnte es bald gewaltig mangeln.“ Als ein Grundübel hat der Unternehmer, der im wirtschaftspolitischen Rat der Bundes-SPD tätig ist, den Bildungsföderalismus ausgemacht. Sicherlich sollten die Bundesländer im Schulbereich gewisse Kompetenzen behalten. Aber es sei nicht mehr zu erklären, warum sich das Schulwesen von Land zu Land so deutlich unterscheide. Die Rahmenrichtlinien müssten stärker vom Bund vorgegeben werden – nicht zuletzt auch deshalb, weil dies die Mobilität von Familien erleichtere.

Als Sohn eines Opel-Arbeiters aus Worms liegt dem Sozialdemokraten zudem die Chancengleichheit der Heranwachsenden am Herzen: Es sei nicht akzeptabel, dass es für zwei Drittel der Akademikerkinder selbstverständlich sei, ein Hochschulstudium aufzunehmen, während nur weniger als ein Drittel der Arbeiterkinder den Weg zu Universität finde. Den Investitionsbedarf in die Bildung nennt er „erheblich“, zumal auch die Zuwanderer gefördert werden müssten.

Diese Vorhaben seien angesichts der angespannten öffentlichen Haushaltslage nicht allein vom Staat zu stemmen. Notwendig sei ein Pakt für Bildung und Ausbildung, der gemeinsam von Staat, Unternehmern und Mittelständlern zu schließen ist, um die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.

Nicht zu unterschätzen sei darüber hinaus die Bedeutung einer gezielten Zuwanderung und einer gelungenen Integrationspolitik. Dabei kritisiert Christ die Positionen seinen Parteifreundes Thilo Sarrazin: „Wir müssen Zuwanderung als Chance und nicht als Risiko verstehen.“ Ängste zu schüren sei nicht angebracht. „Die Zuwanderung sichert unseren Wohlstand von morgen.“

Christ ist eine ungewöhnliche Persönlichkeit – deren Lebensweg zunächst ganz gewöhnlich begann: Er stammt aus einer Arbeiterfamilie, machte eine Lehre als Industriekaufmann, fing bei den Stadtwerken Worms an. Damals, Anfang der neunziger Jahre, hätte niemand vermutet, dass er ein gutes Jahrzehnt später ein vermögender Mann sein würde.

Nach diversen Stationen wird er mit 27 Jahren Direktor im Privatkundengeschäft der Deutschen Bank. Später wechselt er zu einer Investmentgesellschaft, die er an die Börse bringt. Heute ist Christ an mehreren Firmen beteiligt, unter anderem in der Schifffahrts- und Immobilienbranche. Doch was treibt einen Menschen an, der es schon in relativ jungen Jahren geschafft hat? Christ, der ebenso wie sein politisches Vorbild Helmut Schmidt gern zur Zigarette greift, setzt an zu einer längeren Antwort: „Als ich mit 16 in die SPD eingetreten bin, wollte ich etwas verändern. Ich wollte mich nicht damit abfinden, in einer nicht privilegierten Situation groß geworden zu sein. Es muss möglich sein, durch Einsatz und durch Leistung mehr aus seinem Leben zu machen.“