Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Der Mann aus einer anderen Welt
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Der Mann aus einer anderen Welt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:16 05.08.2014
Von Reinhard Urschel
„Man muss den Sieg im Kopf haben“: Wladimir Putin, hier bei einer Gedenkfeier am Kreml, gibt freiwillig nur selten Einblick in sein persönliches Befinden.Foto: rtr
„Man muss den Sieg im Kopf haben“: Wladimir Putin, hier bei einer Gedenkfeier am Kreml, gibt freiwillig nur selten Einblick in sein persönliches Befinden.Foto: rtr Quelle: © RIA Novosti / Reuters
Anzeige
Moskau

Der Mann liebt die kalten Stunden, er arbeitet am liebsten in der Nacht. Schläft bis 11 Uhr am Morgen, trinkt nach dem Aufstehen ein Vollfruchtgetränk mit Joghurt, isst Hüttenkäse und Omelett. Die Lebensmittel stammen nicht aus einem gewöhnlichen Ladengeschäft, sie kommen von den geheiligten Ländereien des Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche, Kyrill. Nach dem Frühstück geht Wladimir Putin schwimmen. Manchmal zwei Stunden lang. Moskau hasst er. In den Kreml begibt er sich nur, wenn es unbedingt nötig ist. Er gibt den Tierfreund, jagt aber mit sichtbarer Freude geschützte Tiere. In der freien Natur entledigt er sich häufig unvermittelt seines Hemdes. Seit ein paar Tagen kennt die westliche Welt ein paar mehr Details aus dem Leben des russischen Zaren: Belanglosigkeiten, wie sein narzisstisches Morgenritual, aber auch Interessanteres, Gewohnheiten, Spleens, die für sich genommen harmlos erscheinen, in der Summe aber den Eindruck erwecken können, der Mann sei nicht ganz richtig im Kopf.

Er habe panische Angst, vergiftet zu werden. Er erlaube kein Lachen in seiner Nähe. Er komme mit dem Internet nicht zurecht. Er zwinge seine Bodyguards zum Eishockeyspielen. Er schleppe Kindheitstraumata mit sich herum. In seinem Kopf herrsche der (Größen-)Wahnsinn. Solche Einschätzungen, die die Medien in aller Welt begierig aufgreifen, können gefährlich sein. Krankheiten, ob wahr oder erfunden, bekommen im Umkreis des Kremls seit zaristischen Zeiten sehr schnell eine politische Dimension.

„Putin lebt in einer anderen Welt“

Es ist natürlich kein Zufall, dass solche Geschichten derzeit Konjunktur haben. Die Welt versucht, den großen Unbekannten im Osten zu begreifen, aber freiwillig gibt er so gut wie nichts preis von sich. Zuletzt hat ein Reporter des US-Magazins „Newsweek“ Details aus Putins Alltag recherchiert und aufgeschrieben, unter dem schönen Titel „Der Paria“. Drei Jahre lang habe er daran gearbeitet, sagt Autor Ben Judah; er habe das Bild vom privaten Putin aus Interviews mit Ministern und ehemaligen Premierministern, mit Beratern und persönlichen Assistenten Putins und ganz normalen Leuten herausgefiltert.

Das sei eher unwahrscheinlich, sagt ein früherer Mitarbeiter der deutschen Sicherheitsbehörden, an solche Details kämen Journalisten in Russland nicht heran. So, wie die Informationen derzeit weitergereicht würden, in dieser angespannten Weltlage, fühle er sich jedoch sehr an die Hochzeiten des Kalten Krieges erinnert. Da waren es in der Regel die feindlichen Nachrichtendienste, die die Medien mit pikanten Erkenntnissen aus dem Leben der Mächtigen fütterten. John F. Kennedys Amouren, Leonid Breschnews Trunksucht, auch Willy Brandts Affären und Erich Honeckers Luxusleidenschaft, der Sexfilmkonsum des Politbüros.

NKWD, CIA, Stasi, BND, die noch bestehenden und die verflossenen Spionageorganisationen, haben alle ihr eigenes Süppchen gekocht. Intime Kenntnisse von Schrullen und Obsessionen fremder Staatsführer in die Öffentlichkeit zu zerren wird von den Geheimdiensten als legitime Waffe im Kalten Krieg angesehen. Wenige wissen das besser als Putin höchstselbst, der fünf Jahre lang, bis 1990, als KGB-Mann in Leipzig und Dresden seine eigenen Beobachtungen angestellt hat. US-Präsident Barack Obama hat dieser Tage, ohne dass er ausdrücklich danach gefragt worden wäre, mit Blick auf das Verhältnis zu Russland gesagt: „Wir haben keinen Kalten Krieg.“ Wer den Kalten Krieg in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts erlebt hat, wird ihm zustimmen. Aber es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass der Herr im Kreml die Landnahme auf der Krim und die Söldnertruppen in der Ostukraine zu verantworten hat und Europa damit in eine hochgefährliche Lage treibt. Niemand will, dass ein noch nicht Kalter Krieg in einen heißen Krieg umschlägt.

Die Elite setzt sich ab

Angst vor dem Ruin: Das Volk steht hinter Wladimir Putin. Jedenfalls der größte Teil des Volkes. 83 Prozent sind trotz – oder wegen – der Annexion der Krim mit seiner Politik immer noch einverstanden. Eine kleine Gruppe aber nicht: Die Elite des Landes setzt sich ab. Viele wollen auswandern – so schnell wie möglich. Die offiziellen Zahlen des russischen Statistikamts zeigen dem Magazin „Business Insider“ zufolge, dass im vergangenen Jahr etwas mehr als 186?000 Russen auswanderten. 2012 waren es noch knapp 123?000, 2011 nur 37?000. Es sind längst nicht nur Intellektuelle, die sich unter Putin nicht mehr zu Hause fühlen. Auch Russlands Milliardären fliehen. Sie fürchten, dass Moskaus Ukraine-Politik ihr Land ins politische Abseits und in den wirtschaftlichen Ruin treibt. Aus Angst vor Repressalien getraue sich zwar kaum jemand, Putins Politik offen zu kritisieren, sagte Igor Bunin vom russischen Thinktank Center for Political Technologies kürzlich. „Doch in der Wirtschaftselite herrscht Panik.“

Zur Erstellung seelenkundlicher Gutachten über Wladimir Putin - oder schlichter: beim Versuch zu begreifen, was diesen Mann antreibt - ist die westliche Welt freilich nicht auf Geheimdienste und die journalistische Aufarbeitung eigener und fremder Erkenntnisse angewiesen. Politiker haben sich geäußert, das Wort vom „lupenreinen Demokraten“ wird häufig genug hin- und hergewendet. Begierig ist Angela Merkels angebliche Bemerkung aufgegriffen worden, „Putin lebt in einer anderen Welt“.

Wie man nun Gerhard Schröder oder seine Nachfolgerin als Kronzeugen einstufen mag, ist jedem selbst überlassen, befangen sind sie beide. Jener aus den bekannten - wirtschaftlichen - Gründen, über die Kanzlerin gibt es eine ungeheuer aufschlussreiche Anekdote, die von Kreml-Höflingen vergeblich als Verschwörungstheorie hingestellt wurde. Von Merkel ist bekannt, dass sie die Gegenwart von großen Hunden nur schwer erträgt. Das ist eine Schwäche, die sie mit etlichen Menschen teilt, so wie manche halt das Geräusch eines Zahnarztbohrers nicht aushalten. Als Putin davon erfuhr, ließ er beim nächsten Treffen wie zufällig seine große, schwarze Labradorhündin Koni in den Saal. Das kräftige Tier beschnupperte den Gast ausgiebig. Merkel saß, für jedermann sichtbar, wie versteinert.

Später beschwerte sich die deutsche Delegation - natürlich nicht offiziell - über die sadistische Ader des Hundehalters. Die russische Seite wiegelte mit dem Hinweis ab, der Hund habe der Kanzlerin doch nichts getan. Für einen Menschen mit Hundephobie klingt das besonders zynisch. Man sagt, Putins Blick sei immer kalt und hart, wenn er einen Menschen anschaut - aber lebendig und warm, sobald ihm ein Tier unter die Augen kommt. Mit dem scherzt er auch.

Man könnte auch versuchen, die Bildersprache des „Wolodja“ Putin zu verstehen. Weshalb zeigt man sich als gut Sechzigjähriger mit nackter Heldenbrust hoch zu Ross, knietief im reißenden Fluss stehend oder mit umgehängtem Jagdgewehr, in der Symbolik irgendwo angesiedelt zwischen Rambo und Karl-May-Held? Weshalb lässt man das staatliche Fernsehen Bilder verbreiten, wie ein kleiner Mann mit schwarzem Judogürtel einen zwei Köpfe größeren Athleten mit einem Innenschenkelwurf (Ashi-uchi-mata) von den Beinen holt und mit einem Hüftfeger (Harai-goshi) zu Boden bringt? Wie mag man sich vorkommen, wenn goldberockte Lakaien meterhohe Flügeltüren aufschwingen lassen, durch die man zu den Klängen eines Triumphmarsches tritt und in der Folge wie ein Feudalherrscher die Reihe seiner Hofschranzen abschreitet? Im 21. Jahrhundert?

Über westliche Politiker, über ihren Charakter und ihr Politikverständnis kann man sich als Bürger in Biografien informieren, die in der Regel gründlich recherchiert sind. So gut wie alle psychologischen Betrachtungen zu Putin, über den man letztlich wenig Persönliches weiß, gehen bis heute auf eine nicht mehr lieferbare Autobiografie zurück, genauer gesagt, auf einen Interviewband, in dem Putin als frisch gewählter Präsident ausgewählten russischen Journalisten seine Lebensgeschichte erzählte, was ein einmaliger Vorgang war. Putin berichtet darin, dass sein Großvater und später auch sein Vater als Koch in den Diensten Stalins gearbeitet hätten, dass sein Bruder die Leningrader Hungersnot nicht überlebt und sein Vater gegen die Deutschen gekämpft habe. Die Familie lebte nach dem Krieg in ärmlichen Verhältnissen.

Eine scheinbar belanglose Episode über die Ratten im Hause Putin gibt womöglich tieferen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt des russischen Präsidenten als jede neue „Enthüllung“: „Im Aufgang hausten Ratten. Meine Freunde und ich jagten sie immer mit Stöcken. Einmal entdeckte ich eine riesige Ratte und begann mit der Verfolgung, bis ich sie in die Ecke getrieben hatte. Nun konnte sie nicht mehr entkommen. Da bäumte sie sich plötzlich auf und ging auf mich los. Das geschah völlig unerwartet, und ich war einen kurzen Moment geschockt. Jetzt hatte sie den Spieß umgedreht und jagte mich! Sie sprang über die Treppenstufen nach unten. Ich war aber doch schneller und schlug ihr die Tür vor der Nase zu.“

„Man muss den Sieg im Kopf haben“

Ist die Begegnung mit der Ratte das Trauma, das der Mann mit sich herumschleppt? Der vermeintliche Underdog kann zurückschlagen, wenn er seine Aggressivität bündelt, kann er den Feind in die Enge treiben, heißt das doch. Hochachtung vor der Ratte schwingt jedenfalls mit in dieser Erzählung. Wem die Sprache zu bildhaft wirkt, der Präsident kann auch mit Theorie dienen. Er verweist auf eine Kampftaktik, die aus russischer Perspektive in das frühe 19. Jahrhundert zurückreicht. Russlands erfolgreicher Partisanenkrieg gegen die napoleonische Armee setzte auf den nackten Zufall, auf Guerilleros, die die umständliche Ordnung und die Stellungen des Gegners zu sprengen vermochten: „Ich glaube, dass im Krieg immer viele Fehler gemacht werden. Das lässt sich nicht vermeiden. Aber wenn man Krieg führt und darüber nachdenkt, dass um einen herum alle Fehler machen, dann wird man niemals siegen. Man muss dazu eine pragmatische Einstellung gewinnen. Und man muss den Sieg im Kopf haben. Damals hatten sie den Sieg im Kopf.“

Es ist, als habe der Mann von Anfang an ein Drehbuch für die gefährlichste Krise seiner Amtszeit im Kopf gehabt. Darin hätte dann gestanden: Der Kriegsverlauf kann unordentlich sein, es kommt auf die kühl kalkuliert erzeugte innere Anteilnahme des Volkes an und nicht zwingend auf das Kriegs- oder ­Völkerrecht. So klingt nicht unbedingt einer, in dessen Kopf der Wahnsinn herrscht. Das klingt ziemlich zielstrebig.

Mehr zum Thema

Die sieben führenden Industriestaaten drohen Russland im Ukraine-Konflikt mit weiteren Sanktionen. Sollte Moskau seinen Kurs nicht ändern, werde der zu zahlende Preis weiter steigen.

30.07.2014
Deutschland / Welt Neue Sanktionen von EU und USA - Russland demonstriert Gelassenheit

Für die russische Wirtschaft sind die neuen Sanktionen ein Schlag. Die Moskauer Regierung jedoch sieht für einen Kurswechsel keinen Anlass. Sie zeigt, dass auch sie Mittel und Wege hat, den Westen zu treffen. Zum Beispiel Obst- und Gemüsebauern in Polen.

30.07.2014

Nach der EU kündigten auch die USA vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise weitere Sanktionen gegen Russland an. Am Dienstag appelierte US-Präsident Barack Obama mit klaren Worten an Putin, auf den Weg der Diplomatie zurückzukehren.

Stefan Koch 29.07.2014
02.08.2014
01.08.2014