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Deutschland / Welt Wulff lässt Thyssen-Besichtigung in Brasilien platzen
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Wulff lässt Thyssen-Besichtigung in Brasilien platzen
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20:42 07.05.2011
Bundespräsident Christian Wulff Quelle: dpa
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Es sollte eine Reise des Bundespräsidenten ohne Fallstricke sein. Doch sie endete mit einem kommunikativen Super-Gau. Die Nachricht aus Deutschland über den Umbau des Stahlgiganten ThyssenKrupp, über zig-tausende gefährdete Arbeitsplätzen erwischte Christian Wulff völlig ahnungslos - wenige Stunden vor der Besichtigung eines Stahlwerks der Gruppe in Brasilien.

Wulff reagierte stocksauer und sagte den Termin kurzerhand ab. Von São Paulo wollte er am Samstag nicht mehr nach Rio, sondern direkt nach Deutschland zurückfliegen. Der Thyssen-Chef für Amerika, Hans Fischer, hatte noch am Tag zuvor bei einem Informationsabend das hohe Lied auf die Auslandsstrategie seines Unternehmens gesungen.

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Beim Abschiedsempfang des Bundespräsidenten in Brasilien am Freitagabend im Goethe-Institut von São Paulo wurde er nicht mehr gesichtet. Auch ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger, der den Bundespräsidenten in dem Stahlwerk bei Rio empfangen sollte, hatte Wulff nicht über die bevorstehenden Beschlüssen des Konzern-Vorstands informiert.

Selbst langjährige Begleiter von Bundespräsidenten auf Reisen können sich nicht daran erinnern, dass ein mit so großem Aufwand geplanter Besuchstermin aus innenpolitischen Gründen vom Staatsoberhaupt gekippt wurde. Wulff hatte in den Tagen seines Brasilien-Besuchs wiederholt das Werk an der Sepetiba-Atlantikbucht, rund 80 Kilometer westlich von Rio de Janeiro, als Vorzeige-Projekt gepriesen.

Mit 5,2 Milliarden Euro ist es die größte Investition der Konzerngeschichte. Millionen-Strafen wegen Umweltverstößen und massive Kostensteigerungen hatten das Mega-Projekt immer wieder in die Schlagzeilen gebracht. Wulffs Visite sollte ein Schlussstrich unter dem Dauerstreit um das Stahlwerk markieren.

Doch die ThyssenKrupp-Nachrichten aus Deutschland machten einen Strich durch diese Rechnung. „Er musste die Reißleine ziehen“, war man sich unter den deutschen Wirtschaftsleuten in der Wulff-Begleitung rasch einig. Mit dem Konzern-Umbau will sich Hiesinger von rund 35 000 seiner weltweit 177 000 Mitarbeiter trennen - 14 000 davon allein in Deutschland.

Fotos oder TV-Mitschnitte mit dem Bundespräsidenten, der sich fröhlich den Betrieb in Brasilien anschaut, während in Deutschland Tausende Beschäftigte des Konzerns um ihren Arbeitsplatz fürchten, waren für Wulff schlicht ein Unding. Auf das diskret übermittelte Angebot der Konzernspitze, die Visite ihrerseits abzusagen, ging er nicht ein und entschied selbst.

Doch der Medienprofi im Präsidentenamt fand nach dem Ausfall von Investor ThyssenKrupp schnell einen anderen deutsch-brasilianischen Werbeträger. Als er Ex-Bundesliga-Star Giovane Elber unter den Gästen der Abschiedsparty in São Paulo entdeckte, gab es trotzdem viele schöne Bilder mit einem strahlenden Präsidenten-Ehepaar.

Wer aber dachte, das wäre das Ende der Reise, wurde am Samstagfrüh nochmals überrascht. Während die Delegation im Fünf-Sterne-Hotel Grand Hyatt in São Paulo abmarschbereit zum Abflug in der Lobby stand, kam die Hiobsbotschaft, dass der Präsidentenflieger wegen einer technischen Panne streikte. „Defektes Kühlaggregat“, lautete die Diagnose.

Auch diesmal reagierte Wulff schnell. Er buchte einen Linienflug, um keine Zeit zu verlieren, denn am Montag ist er wieder in der Gastgeberrolle, wenn er um 10.00 Uhr im Schloss Bellevue Südkoreas Präsident Lee Myung Bak mit militärischen Ehren empfängt.

dpa