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Deutschland / Welt Wulffs Türkeireise steht im Zeichen der Zuwanderungsdebatte
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22:32 18.10.2010
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So fremd sich Deutsche und Türken manchmal scheinen mögen, so ähnlich sind sie sich doch zumindest in einer Hinsicht: in ihrer durchschnittlichen Intoleranz. Das legen jedenfalls demoskopische Studien in beiden Ländern nahe – in Deutschland die in der vergangenen Woche von der Friedrich-Ebert-Stiftung vorlegte Untersuchung zur „Mitte in der Krise“, in der Türkei verschiedene Studien renommierter Universitäten aus den vergangenen Monaten. Bei völlig unterschiedlichen gesellschaftlichen Problemen kommen Mehrheiten beider Völker zu demselben Schluss: Die jeweilige religiöse Minderheit ist eine arge Gefahr für Land und Leute.

Die Themen Integration und religiöse Toleranz stehen im Mittelpunkt des Türkei-Besuches von Bundespräsident Christian Wulff, der nach der Ankunft am frühen Montagabend an diesem Dienstag offiziell mit der Begrüßung des Gastes durch den türkischen Staatschef Abdullah Gül beginnt. Kurz vor dem Besuch wurden in den Umfragen aus beiden Ländern interessante Parallelen zwischen Deutschen und Türken deutlich.

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So finden über 58 Prozent der Deutschen, dass die Religionsausübung für Muslime in Deutschland „erheblich eingeschränkt“ werden solle. Ziemlich genau ebenso viele Türken – nämlich 59 Prozent – sind nach einer Erhebung der Istanbuler Sabanci-Universität dafür, öffentliche Kundgebungen von nicht muslimischen Religionen in der Türkei zu untersagen. Ebenfalls 59 Prozent sind nach einer Studie der Istanbuler Bosporus-Universität der Meinung, dass Atheisten ihre Überzeugungen für sich behalten sollten. 28 Prozent meinen demnach, dass auch Angehörige nicht muslimischer Religionen sich nicht öffentlich als Christen, Juden, Buddhisten bekennen sollten.

Mehr als 55 Prozent der Deutschen geben laut Ebert-Studie an, dass sie Araber als unangenehm empfinden oder es zumindest verstehen können, wenn andere es tun. In der Türkei bekennen sich nach einer mit EU-Unterstützung erarbeiteten Studie 35 Prozent der Bevölkerung dazu, keine Christen als Nachbarn haben zu wollen. Juden als Nachbarn lehnen demnach 42 Prozent der Türken ab, Atheisten im Nachbarhaus gar 57 Prozent. Ausländer sind im Vergleich noch relativ gut gelitten, gegen ausländische Nachbarn haben nur 18 Prozent etwas einzuwenden. Ein harter Kern von 13 Prozent lehnt als Nachbarn sogar solche Moslems ab, die einer anderen islamischen Glaubensrichtung angehören als sie selbst.

Eine deutliche Mehrheit der Türken von 55 Prozent lehnt dieser Studie zufolge eine Beschäftigung von Angehörigen der nicht muslimischen Minderheiten – also Christen und Juden – bei der Justiz oder den Sicherheitskräften ab. Selbst im Gesundheitswesen wollen 44 Prozent der türkischen Bevölkerung keine christlichen oder jüdischen Ärzte oder Krankenschwestern sehen. Fast jeder zweite Türke würde nach Erhebung der Sabanci-Uni keinen Politiker wählen, der eine andere Religion hat als sie selbst.

Wulffs Gastgeber Gül gehört zu den türkischen Politikern, die ihre Landsleute immer wieder zu mehr Toleranz auffordern und sie ermuntern, die kulturelle Vielfalt des Landes als Reichtum zu begreifen, und nicht als potenzielle Gefahr für die nationale Einheit. Nicht zuletzt deshalb verspricht sich die türkische Seite viel vom persönlichen Kontakt zwischen den beiden Präsidenten, die während des Besuches viel Zeit miteinander verbringen werden: Gül und Wulff treffen sich während der fünftägigen Visite in Ankara, in Kayseri und in Istanbul.

Als erstes deutsches Staatsoberhaupt wird Wulff, der von seiner Frau Bettina und einer Wirtschaftsdelegation begleitet wird, vor der türkischen Nationalversammlung eine Rede halten. Wulff, der bei seiner Rede zur deutschen Einheit gesagt hatte, dass auch der Islam zu Deutschland gehöre, will sich nun am Bosporus für die Rechte der rund 120 000 Christen einsetzen. Geplant sind Unterredungen mit dem Vorsitzenden der türkischen Religionsbehörde und mit Würdenträgern aller christlichen Kirchen.

Susanne Güsten

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