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Deutschland / Welt Zentralrats-Präsidentin Knobloch verzichtet auf weitere Amtszeit
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18:17 07.02.2010
Verzichtet auf eine zweite Amtszeit: Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland Charlotte Knobloch. Quelle: dpa
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Historische Zäsur beim Zentralrat der Juden in Deutschland: Die 77-jährige Präsidentin Charlotte Knobloch kündigte am Sonntag vor den Spitzengremien der Organisation in Frankfurt am Main ihren Verzicht auf eine weitere Amtszeit an. Als unumstrittener Anwärter für ihre Nachfolge bei der Neuwahl im Herbst gilt der bisherige Vizepräsident Dieter Graumann. Der 59 Jahre alte Volkswirt wäre der erste Spitzenrepräsentant der mehr als 100.000 Juden in Deutschland, der den Holocaust nicht miterlebt hat.

Von dem Führungswechsel wird daher auch eine neue Akzentsetzung erwartet: Der Zentralrat der Juden soll sich nicht mehr allein über die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der NS-Zeit definieren. Stattdessen sollen Fragen der Gegenwart eine größere Rolle spielen und den Zehntausenden in den letzten Jahren aus Osteuropa zugewanderten Juden mehr Beachtung geschenkt werden.

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Nach den Spekulationen der letzten Tage über einen Verzicht Knoblochs schuf die seit 2006 amtierende Präsidentin am Sonntag Klarheit über ihre Pläne: Auf einer gemeinsamen Sitzung von Direktorium und Präsidium des Zentralrats am Frankfurter Flughafen gab sie bekannt, dass sie ihre bis November gehende Amtszeit zu Ende führt, dann aber nicht noch einmal kandidiert. Das Präsidium und auch das mit 34-köpfige Direktorium sprachen Knobloch „das volle und uneingeschränkte Vertrauen aus“, wie es in einer von der amtierenden Präsidentin vor Journalisten verlesenen Erklärung hieß.

Sofortigen Rücktritt abgelehnt

Dabei wurde sie von Graumann und dem anderen Vizepräsidenten Salomon Korn flankiert, alle drei wollten aber keine weitere Erklärung abgeben. Es herrsche Übereinstimmung, dass die Zentralratspräsidentin ihr Amt bis zum Ende der Wahlperiode ausüben werde, heißt es weiter in der Pressemitteilung. Mit nur etwas mehr als vier Jahren wird die im Juni 2006 gewählte erste Frau in dieser Position die kürzeste Amtszeit aller bisherigen Zentralratspräsidenten gehabt haben.

In Presseberichten war in den letzten Tagen von Meinungsverschiedenheiten an der Spitze des Zentralrats die Rede gewesen, zu der neben Knobloch, Graumann und Korn auch der in Frankfurt ebenfalls anwesende Generalsekretär Stephan Kramer gehört.

Knobloch hatte schon in der „Süddeutschen Zeitung“ deutlich gemacht, dass sie ihre bis Herbst laufende Amtszeit zu Ende führen will. Gerade als Zeugin der Gräuel der Naziherrschaft mache sie ihre Aufgabe als Präsidentin des Zentralrats „glücklich“. Sie gebe ihr Kraft, dafür zu arbeiten, „dass jüdisches Leben in unserem gebrochenen Land wieder gelingen kann.“

Graumann gilt als Mann klarer Worte

Vizepräsident Graumann gilt für die Neuwahl im November als klarer Favorit. Er gehört wie sein Amtskollege Salomon Korn der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main an. Der 1950 in Israel geborene Betreiber einer Liegenschaftsverwaltung wäre der erste Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, der erst nach der NS-Zeit aufgewachsen ist. Er gilt zugleich als Pragmatiker und Mann klarer Worte im Kampf gegen Antisemitismus, Rechtsextremismus und Islamismus. Mehrfach hat er sich prononciert für ein Verbot der NPD ausgesprochen.

Kritisch hat sich Graumann auch zum Schweizer Votum für einen Stopp von Minarettbauten geäußert. Zugleich forderte er aber auch die muslimische Gemeinschaft in Deutschland auf, stärker gegen Antisemitismus unter jungen Leuten in ihren Reihen vorzugehen. Ansehen hat sich Graumann zudem als Verhandlungspartner der Bundesregierung in Sachen Finanzierung der 107 Jüdischen Gemeinde in Deutschland erworben.

ap