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Deutschland / Welt Islamisten hätten jederzeit losschlagen können
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Islamisten hätten jederzeit losschlagen können
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00:16 12.02.2017
Mehrere Waffen, darunter eine Machete, sowohl mutmaßliche IS-Flaggen wurden beschlagnahmt.  Quelle: dpa
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Göttingen

Die Polizei hat möglicherweise einen bevorstehenden Terror-Anschlag verhindert und in Göttingen zwei Männer aus der salafistischen Szene festgenommen. Es handele sich um einen 27-jährigen Algerier und einen 23-jährigen Nigerianer, teilten die Polizei in Göttingen und das niedersächsische Innenministerium am Donnerstag mit.

In Göttingen hat die Polizei zwei Männer festgenommen, die möglicherweise einen Anschlag geplant haben.

Nach den Ermittlungen der Polizei haben beide Männer einen Anschlag vorbereitet. Sie hätten diesen jederzeit ausführen können, sagte der Göttinger Polizeipräsident Uwe Lührig. Bei den Durchsuchungen in der Nacht zum Donnerstag seien umgebaute Waffen mit scharfer Munition gefunden worden. „Die Gefahrenlage war eindeutig“, sagte Lührig.

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Den Ermittlungen zufolge ging es um Anschläge, wie es sie in den letzten Monaten in Deutschland gegeben hat. Die Pläne seien nicht ausschließlich auf Göttingen bezogen gewesen. Die beiden Männer hätten jederzeit einen Anschlag ausführen können, sagte Lührig.

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) hatte den Einsatz zuvor als „sehr wichtigen Schlag gegen die Szene“ bezeichnet.

450 Polizisten im Einsatz

Die beiden als Gefährder eingestuften Männer lebten mit ihren Familien seit längerer Zeit in Göttingen und seien dort Mitglieder der islamistischen Szene.

Erste Erkenntnisse hatte die Polizei im März 2016 bei einer Durchsuchung bekommen. Jetzt hätten sich die Anschlagspläne verdichtet gehabt. Laut Polizeiangaben haben beide Terrorverdächtigen bisher keine Kampferfahrungen in den Krisengebieten in Irak oder Syrien gesammelt.

Nach Polizeiangaben handelt sich um einen 27-jährigen Algerier und einen 23-jährigen Nigerianer. Die beiden als Gefährder eingestuften Männer leben mit ihren Familien seit längerer Zeit in Göttingen und sollen Mitglieder der islamistischen Szene sein Quelle: dpa

Von dpa/RND/zys

Scharfe Waffen und IS-Fahnen

Der Schriftzug auf dem Auto fällt sofort auf. „Im Auftrag des Islam“ steht auf dem schwarzen BMW, der in einer Straße im Göttinger Stadtteil Geismar abgestellt ist. In einem der Wohnblocks wohnt ein 27-jähriger Algerier, der seit Längerem wegen salafistischer Umtriebe im Visier der Staatsschützer steht. Am Donnerstagmorgen um 5 Uhr geht die Polizei mit einem Großaufgebot von 450 Beamten gegen ihn und weitere mutmaßliche Anhänger der radikal-islamistischen Szene vor. Der 27-Jährige sowie ein 23-jähriger nigerianischer Staatsangehöriger wurden als Gefährder in Gewahrsam genommen. „Die Gefahrenlage war eindeutig“, erklärte der Göttinger Polizeipräsident Uwe Lührig gestern bei einer Pressekonferenz. Man habe Hinweise auf einen konkret bevorstehenden terroristischen Anschlag gehabt.

Unter den diversen Waffen, die die Polizei bei der Durchsuchung von insgesamt zwölf Wohnungen und Geschäftsräumen in Göttingen und Kassel sicherstellte, waren zwei umgebaute Schusswaffen mit scharfer Munition. Außerdem fanden sie mehrere Fahnen des sogenannten „Islamischen Staates“. Bereits im März vergangenen Jahres hatten die Ermittler Hinweise darauf, dass sich Göttinger Salafisten illegal Waffen beschaffen wollten. Damals hatte die Polizei den 27-jährigen Algerier schon einmal in Gewahrsam genommen, außerdem einen 20-jährigen Göttinger, der die deutsche und die türkische Staatsbürgerschaft besitzt. Da die Ermittler damals nur eine Gaspistole und einen Schlagstock fanden, wurden beide Männer nach einer sogenannten Gefährderansprache wieder auf freien Fuß gesetzt.

Der 20-Jährige ist ebenfalls in der islamistischen Szene aktiv. Auf seinem Handy fanden die Ermittler ein Foto, auf dem er gemeinsam mit einem 28-jährigen Mann aus Göttingen zu sehen ist, der sich im Sommer 2015 bei einem Selbstmordanschlag im Irak in die Luft sprengte. Andere Fotos zeigen, wie er gemeinsam mit dem späteren Selbstmordattentäter Molotow­cocktails bastelt.

All dies ließ bei der Polizei die Alarmglocken läuten. Im vergangenen Sommer wurde eine siebenköpfige Ermittlungsgruppe eingerichtet, die sich mit den Umtrieben der Islamisten-Szene befasste. Der 27-jährige Algerier und der 23-jährige Nigerianer, denen nun die Vorbereitung eines terroristischen Anschlags vorgeworfen wird, sind beide in Deutschland geboren und leben seit vielen Jahren mit ihren Familien in Göttingen. Nach Angaben der Polizei sollen sie enge Verbindungen zum berüchtigten Deutschsprachigen Islamkreis (DIK) in Hildesheim gehabt haben, wo im November ein wichtiger Vertreter des IS in Deutschland festgenommen wurde. „Sie haben sich aber auch weit darüber hinaus bewegt und auch Kontakte ins Ausland gehabt“, so Kripochef Volker Warnecke.

Die offenbar zum Teil gewaltbereite Göttinger Szene orientiert sich vor allem an Ideen des früheren „Kalifatstaats“ um Metin Kaplan, dem einstigen „Kalifen von Köln“. Kaplan war Chef der radikal-islamischen Vereinigung „Kalifatstaat“. Nach Aufrufen zu Mord und Glaubenskampf mit dem Ziel der Weltherrschaft des Islam wurde der heute 64-Jährige 2004 in die Türkei ausgewiesen und dort zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. In der verbotenen ehemaligen Kaplan-Moschee in der Göttinger Weststadt, die zumindest bis vor Kurzem weiterhin im Untergrund aktiv war, seien junge Göttinger radikalisiert und für den „Heiligen Krieg“ in Syrien und im Irak rekrutiert worden, sagen Insider.

Von Heidi Niemann
 und Matthias Heinzel