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Deutschland / Welt Zwei Wochen ist Kopenhagen die Welthauptstadt des Klimas
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22:31 07.12.2009
Der Vertreter des westafrikanischen Guinea-Bissau war der Erste, der sich an den Konferenztisch setzte – mit großen Erwartungen. Quelle: afp

100 Bilder zeigen hier, worum es geht: „100 Orte, an die man denken sollte, ehe sie verschwinden“ heißt die Ausstellung, die den Betrachter dorthin führt, wo schon in wenigen Jahren unschätzbare Kulturwerte der Verwüstung und Zerstörung anheimfallen könnten, wenn dem Klimawandel nicht Einhalt geboten werde.

Da sind die tropischen Malediven, die zu ertrinken drohen, wenn der Meeresspiegel steigt. Da ist der Schnee am Kilimandscharo, der nach Prognosen 2020 verschwunden sein wird. Da ist das Gangesdelta, dessen Überflutung die Kornkammer Bangladeschs zerstört, da ist die Kalahari-Wüste in Namibia, in der sich die Trockenheit so ausbreitet, dass sie auch die abgehärteten Stammesvölker vertreibt, da sind die Kitzbüheler Alpen, deren Gletscher dahinschmelzen. Klimaaktivsten halten Mahnwache und trommeln den Verantwortlichen ins Gewissen. Eine halbe Million Menschen hat den Aufruf „Seal the Deal“ unterschrieben: Besiegelt das Abkommen jetzt, fordern sie die Politiker auf, die jetzt zwei Wochen lang im Kopenhagener Bella Center über die Rettung des Klimas entscheiden müssen.

„Der Klimawandel hat keine Grenzen, er geht uns alle an“, sagte Dänemarks Premier Lars Løkke Rasmussen am Montag beim Konferenzauftakt und mahnte „schwere, aber notwendige Entscheidungen“ an. Ein Abkommen sei in Reichweite, die bestehenden Differenzen könnten überwunden werden, „wenn der politische Wille da ist, und ich glaube, er ist da“. Konferenzpräsidentin Connie Hedegaard warnte davor, eine historische Möglichkeit zu verpassen: „Nie hat die Wissenschaft klarer gesprochen, nie waren die Lösungen zahlreicher, nie der politische Wille stärker.“ Eine derartige Gelegenheit werde vielleicht nie wieder kommen: „Lasst uns anpacken!“ Um die Erderwärmung in den Griff zu bekommen, müsse der globale CO2-Ausstoß spätestens ab 2016 gesenkt werden, mahnte auch Rajendra Pachauri, der Vorsitzende des Weltklimarats IPCC. Da den armen Ländern die Chance auf weiteres Wirtschaftswachstum nicht genommen werden darf, müssen vor allem die Industriestaaten ihre Emissionen kräftig bremsen – nach IPCC-Berechnungen um 25 bis 40 Prozent bis 2020. „Noch “, warnte Hedegaard, „sind wir nicht dort.“

Aber immerhin haben sich mehr als hundert Staats- und Regierungschefs angesagt, 15.000 Delegierte, 5000 Journalisten und Zehntausende Freiwillige aus aller Welt, denen das Thema so wichtig ist, dass sie die Vorweihnachtstage opfern, um mit Gleichgesinnten zu debattieren, zu lernen und zu demonstrieren. Vor sieben Jahren fand in Kopenhagen der EU-Gipfel statt, bei dem die Osterweiterung beschlossen wurde. Auch das war eine Mammutveranstaltung. „Die hier ist zwanzigmal größer“, heißt es im Außenministerium. Acht Millionen Stück Papier werden bedruckt werden, 15 Tonnen Kartoffeln verzehrt, ökologische, versteht sich, 1200 Kilometer Kabel werden verlegt, bis zu 80.000 Handygespräche gleichzeitig vermittelt. Auf 40.500 Tonnen schätzen die Veranstalter die zusätzliche CO2-Belastung durch den Gipfel, für die sie sich Ablass erkaufen, indem sie ein Ziegelwerk in Bangladesch mit Energiespartechnik ausrüsten.

Vor dem Parlament und an anderen zentralen Orten stehen Eisskulpturen, die während der Konferenz symbolträchtig wegschmelzen sollen. Der riesige Weihnachtsbaum auf dem Rathausplatz wird mit dem Strom beleuchtet, den freiwillige Radler erstrampeln. Je härter sie treten, desto heller strahlt der Baum. Über ihnen schwebt ein 20 Meter hoher Globus, das Symbol für „Hopenhagen“, in dem man die Wunschbotschaften sammelt, in denen Menschen aus allen Erdteilen ihren Hoffnungen für den Klimagipfel Ausdruck geben.

Kopenhagen selbst will mit gutem Beispiel vorangehen. Bis 2025 will die Stadt CO2-neutral sein, als erste Metropole der Welt. Auch die für die Gipfelprominenz gemieteten Limousinen werden mit Alternativbrennstoff wie Strom, Biodiesel oder Wasserstoff betrieben. Doch für den Großteil der Teilnehmer gilt: Fahrrad oder Metro. Mit dem Pkw kommt man nicht zum Bella Center. Auch die Kopenhagener tun gut daran, das Auto stehen zu lassen und die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen. Ihre Stadt platzt aus allen Nähten. Wer noch ein Hotelzimmer sucht, muss weit in die Provinz oder gar nach Schweden ausweichen, und viele Studenten bessern ihre Bafög auf, indem sie ihre Buden vermieten. 1000 Kronen, fast 150 Euro, pro Bett und Nacht sind normal.

Weniger komfortabel werden es Demonstranten haben, die von der Polizei in Gewahrsam genommen werden. Auch für Randalierer hat Kopenhagen vorgesorgt: mit 346 Drahtkäfigen in einer alten Fabrikhalle, je zwölf Quadratmeter groß und nur mit zwei Sitzbänken ausgestattet, in denen bis zu zehn Festgenommene 24 Stunden lang interniert werden können. „Unter dem Mindeststandard für Menschenrechte“ kritisiert Amnesty International die provisorischen Verliese, worauf Polizeisprecher Per Larsen erwidert: „Wer sich ordentlich benimmt, kommt nicht hierher. Ich hoffe, die Käfige bleiben leer.“ Auch Dänemarks erster Wasserwerfer soll am liebsten nicht zum Einsatz kommen, wenn am 12. Dezember bis zu 100 000 Teilnehmer in einer Großdemonstration zum Bella Center ziehen.

Schlechter als jedem Demonstranten aber geht es jetzt schon vielen Afrikanern, denen der Klimawandel die Ausbreitung von Hunger, Not und Tod bringt. „Mehr als 180 Millionen Menschen im Schwarzafrika südlich der Sahara könnten durch den Klimawandel bis zum Ende des Jahrhunderts sterben“, fasst Greenpeace die globalen Prognosen zusammen. Die 53 Staaten Afrikas fordern daher, dass die reiche Welt ihre Treibhausgase bis 2020 um 40 Prozent unter das Niveau von 1990 reduziert. Die EU ist derzeit zu 20 Prozent bereit. Zudem wollen die Afrikaner Hilfen für ihre Umweltpolitik und gegen die verursachten Klimaschäden.

von Hannes Gamillscheg

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