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Niedersachsen „Angebote nur für Muslime? Brauchen wir nicht“
Nachrichten Politik Niedersachsen „Angebote nur für Muslime? Brauchen wir nicht“
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06:15 29.04.2012
Von Marina Kormbaki
Niedersachsens Sozialministerin Aygül Özkan im Gespräch mit der HAZ. Quelle: Surrey
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Hannover

Frau Özkan, halten Sie das Betreuungsgeld für eine gute Idee?

In der Diskussion wird zurzeit viel durcheinandergeredet. Ich will mich erst dazu äußern, wenn die Details des Gesetzentwurfes vorliegen. Was mich jedoch an der jetzigen Debatte stört, ist die reflexartige Grundannahme, dass Familien mit Migrationshintergrund ihre Kinder bloß aus Kostengründen nicht in eine Kita schicken würden.

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Wären denn die 100 Euro monatlich kein Anreiz für bedürftige Familien, ihre Kinder daheim zu betreuen?

Da ist eine zu einfache, verkürzte Annahme. Nicht die Sorge ums Geld treibt Zuwandererfamilien bei der Frage um, ob sie ihre Kinder in eine Kita geben oder nicht, sondern die Sorge um das Wohlergehen der Kinder. In vielen Familien mangelt es am Vertrauen in staatliche Einrichtungen. Die Fragen, die man sich in Deutschland vor 20, 30 Jahren gestellt hat - Ist es richtig, mein Kind in fremde Hände zu geben? Versage ich als Mutter? -, diese Fragen stellen sich Migranten jetzt. Statt reflexartig davon auszugehen, dass Migranten nach Mitteln und Wegen zur Abschottung suchen, sollten wir uns lieber anstrengen, ihr Vertrauen in die Krippen- und Kita-Betreuung zu gewinnen.

Wie lässt sich Vertrauen schaffen?

Die Betreuungseinrichtungen sind gerade beim jetzigen Ausbau der Krippenplätze gefordert, sich mehr für Erzieher mit Migrationshintergrund zu öffnen. Und zwar nicht nur als Hilfskräfte, sondern auch in Leitungspositionen. Die meisten Eltern mit Migrationshintergrund sind sehr leistungsorientiert, sie wollen, dass ihre Kinder erfolgreich sind, und sie in ihrer Bildungslaufbahn begleiten. Das scheitert oft an Sprachproblemen. Umso wichtiger ist es da, dass sie sich mit den Erziehern verständigen können.

Aber stehen die Eltern nicht auch in der Pflicht, die deutsche Sprache zu beherrschen?

Klar, es gibt keine Veranstaltung, in der ich nicht betone, wie wichtig Deutschkenntnisse für jede Familie sind. Nicht hilfreich ist es aber, wenn Eltern, die bloß gebrochenes Deutsch sprechen, dieses ihren Kindern zu Hause vermitteln. Eltern sollten sich mit ihren Kindern in der Sprache unterhalten, die sie am besten beherrschen. Entscheidend bleibt aber, dass das Deutsche noch vor dem fünften Lebensjahr erlernt wird.

In welcher Sprache unterhält sich Familie Özkan?

Mein Sohn hat bis zu seinem zweiten Lebensjahr ausschließlich türkisch gehört. Als er dann in die Krippe kam und anfangs ein wenig hilflos wirkte, da habe ich mich schon gefragt: War das richtig? Ja, es war richtig. Seitdem haben wir klare Regeln: Wenn wir zu Hause sind, sprechen wir türkisch, und wenn wir draußen sind, sprechen wir deutsch.

Und die Regeln werden befolgt?

Mein Mann hält sie gut ein, ich bin manchmal ein bisschen inkonsequent: Wenn mein Sohn mich auf die Schnelle etwas auf Deutsch fragt, antworte ich auch auf Deutsch. Und wenn er Hausaufgaben auf Deutsch besser erklären kann, dann halte ich es für richtig, ihm auch auf Deutsch zu antworten.

Gibt so etwas wie einen Gradmesser für Integration?

An solch einem Instrument arbeiten wir zurzeit. Wir möchten in Niedersachsen ein „Integrationsmonitoring“ schaffen: Also sämtliche, auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene bereits verfügbaren Daten über Bildungsstand, Erwerbstätigkeit und Wohnumfeld bündeln, um zu sehen, welche Programme wirksam sind.

Was nicht an den Landesbetrieb für Statistik übermittelt wird, sind deutsch-türkische Kindergeburtstagsfeiern oder russisch-deutsche Klönrunden - Integration im Alltag also.

Auf informeller Ebene tut sich bereits viel, meistens aber beschränkt sich das Engagement auf den eigenen Kulturkreis. Wir müssen mehr Migranten für ehrenamtliche Tätigkeiten gewinnen, denn darüber - im engen Austausch mit Einheimischen - findet gesellschaftliche Teilhabe statt. Das habe ich selbst erfahren: Es waren die deutschen Nachbarn, die meine Eltern im Hamburg der siebziger Jahre über Betreuungsangebote aufgeklärt haben. Ich bin mit drei Jahren in die Kita gegangen, und wenn es damals Krippenplätze gegeben hätte, wäre ich wohl auch in die Krippe gegangen, denn auch meine Mutter hat zeitlebens gearbeitet. Und ich bin mir sicher, dass ich all das, was ich heute erreicht habe, der Tatsache zu verdanken habe, dass ich mit drei Jahren deutsch gelernt habe.

Ob Integration gelingt, hängt also auch von der Nachbarschaft ab?

Migrationsarbeit ist oft vom Engagement Einzelner abhängig, das muss sich ändern. Wir brauchen mehr Multiplikatoren, das gilt aber auch für die Arbeitswelt. Nehmen Sie den Pflegebereich: Zurzeit haben bloß acht Prozent aller über 65-Jährigen einen Migrationshintergrund, in 20 Jahren werden es bis zu 25 Prozent sein. Im Fall einer Demenz erlöscht bei vielen Patienten die erlernte Sprache - Deutsch -, und sie verstehen nur noch ihre Herkunftssprache. Umso wichtiger ist es da, dass wir heute um Pflegekräfte mit Migrationshintergrund werben. Das tun wir mit unserer Kampagne www.mensch-alter.de.

Eine interkulturelle Ausrichtung im Gesundheitswesen könnte doch auch bedeuten, dass zum Beispiel muslimische Vereinigungen als Träger von Pflegeeinrichtungen infrage kommen.

Ich bin gegen parallele Strukturen. Wir brauchen keine muslimischen Parallelangebote im Gesundheitsbereich und auch nicht im Schulwesen. Schulen und Heime nur für Muslime? Das ist nicht das, was ich mir unter einer integrierten Gesellschaft vorstelle.

Auch Ihr Ministerium muss angesichts der für das Jahr 2020 angepeilten Schuldenbremse sparen. Wie lange lassen sich noch Kleinstkrankenhäuser in ländlichen Gegenden aufrechterhalten?

Ich setze mich für eine qualitativ hochwertige und wohnortnahe Versorgung ein. Die Kunst wird es sein, beides zu vereinbaren. Heute arbeiten vielerorts Angebote aus der ambulanten, der stationären und der Pflegeversorgung nebeneinander her. Wir werden künftig bei der Mittelzuweisung die gesamte medizinische Versorgung einer Region in den Blick nehmen müssen: Notfallversorgung, ambulante Versorgung, medizinische Versorgungszentren plus Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen. Und nicht bloß die Anzahl an Klinikbetten.

Bei der Landtagswahl 2013 werden Sie im Bezirk Hannover-Mitte kandidieren. Sie leben in Hannover, Ihr Mann arbeitet in Hamburg. Karriere und Familie sind nicht leicht zu vereinbaren, oder?

Warum fragt man das bloß immer nur die Mütter? Minister, die in der Woche in Hannover arbeiten und am Wochenende ihre Familien sehen, sind in dieser Landesregierung nichts ungewöhnliches. Vereinbarkeit von Familie und Beruf bedeutet für mich auch, dass jeder Partner die Möglichkeit hat, seinen Beruf auszuüben.

Sind Sie schon heimisch in Hannover?

Ja, die Menschen hier begegnen mir mit großer Offenheit. Neulich war ich mit meinem Sohn am Maschsee spazieren und er fragte: „Mama, kannst du bitte deine Sonnenbrille aufsetzen, damit die Leute dich nicht erkennen?“

Die Fragen stellte Marina Kormbaki

Aygül Özkan – vor dem nächsten Aufstieg?

Das erste Erstaunen über Aygül Özkan hat sich gelegt. In Niedersachsen haben Land und Leute gelernt, dass eine 1971 geborene Frau, deren Eltern in den sechziger Jahren aus der Türkei kamen, heutzutage eine ganz normale Sozialministerin sein kann .

Özkans Vater war Gastarbeiter bei der Post, er machte sich später als Schneider selbstständig. Tochter Aygül, ein begabtes Kind, ging zum Gymnasium, studierte Jura und startete die Karriere als Trainee bei der Telekom. Manager von T-Mobile, darunter der damalige Vertriebschef für Deutschland, Stefan Gilica, loben bis heute ihre analytischen Fähigkeiten und ihr Führungstalent. Özkan weiß, dass ihr das hohe Ansehen in Managerkreisen auch ein ganz eigenes Standing in der Politik gibt: „Ich war jedenfalls keine Quotenfrau.“ Im Jahr 2004 trat Özkan, damals noch in Hamburg, der CDU bei. 2008 wurde sie in die Bürgerschaft gewählt. Im April 2010 holte Christian Wulff sie als Ministerin nach Hannover.

Ihr Nein zu Kruzifixen und Kopftüchern in der Schule trug ihr anfangs viel Kritik von Konservativen in der CDU und von muslimischen Vereinigungen ein, schadete ihr aber langfristig nicht. Sowohl in der Union wie auch bei Türken genießt Özkan heute Respekt. Ihre Entscheidung, bei der Wahl 2013 in Hannover um ein Landtagsmandat zu kämpfen, zeigt, dass sie politisch noch einiges vorhat. Spekuliert wird derzeit über eine Absicherung auf Platz zwei oder drei der CDU-Landesliste. Vielleicht sieht man Özkan am Ende – nach Art eines „running mates“ im US-Wahlkampf – hier und da als wichtigste Figur neben Ministerpräsident David McAllister, obwohl oder gerade weil sie anders ist als er: großstädtischer, multikultureller – und eben eine Frau.

Matthias Koch

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