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Niedersachsen Von Scheichs und Grünkohlmassen
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00:18 11.03.2019
Michael B. Berger Quelle: HAZ
Hannover

Früher, als die Welt noch nicht aus den Fugen geraten war, fand der Karneval fast ausschließlich in katholischen Gegenden statt. Vor der Passionszeit konnte noch einmal so richtig die Sau, die doch fast in jedem von uns quiekt, rausgelassen und durchs Dorf getrieben werden, den Persiflagewagen und allerlei lustig Volk im Tross. Dann folgte die Fastenzeit. Irgendwann hat einer den sogenannten Politischen Aschermittwoch erfunden, der Karneval als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln betreibt. Eine Erfindung des Teufels. Denn noch einfältiger, noch gröber kann es doch wohl nicht kommen.

Zu hören sind Sätze wie: „Für die Grünen sind sechs Wochen Fastenzeit ein Vorbild für das ganze Jahr, so wollen sie es gerne haben: Nach Lust und Laune verbieten“ (Nicola Beer, FDP, über die Grünen). Anstrengung verrät ein Satz wie „die CSU ergrünt, ohne zu erröten“ (Henrike Hahn, Grüne, über die CSU). Aber wirklich komisch? Und warum regt sich alle Welt auf, wenn Annegret Kamp-Karrenbauer einen Herrenwitz über Stehpinkler und Sitzenbleiber macht, in dem dann noch das sogenannte Dritte Geschlecht vorkommt? Herrgott, Sakra: Der gesamte Karneval gehört abgeschafft, mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Tusch, Narhallamarsch. Küss die Hände, Ende!

Indes fanden wir den Rat einer Hamburger Kindertagesstätte, sich doch vielleicht als Senftube zu verkleiden, um niemanden zu verletzen, gar nicht von schlechten Eltern. Obwohl mir früher ein Betttuch reichte, um aus einem spröden Küstenbewohner einen stolzen Scheich zu zaubern. Früher ging das. Dabei sind und bleiben Scheichs komisch, wenn sie auch außerhalb der Wüste in Betttüchern und mit Sonnenbrillen herumlaufen. Aber Scheichs sind auch reich und mächtig, zuweilen politisch etwas unkorrekt , wenn sie aufsässige Untertanen in türkischen Botschaften hinmeucheln lassen, was nicht unbedingt im Sinne der UN-Menschenrechtskonvention sein dürfte. Und wenn der Karneval von „denen da unten“ entworfen sein sollte, bleibt doch der Scheich das ideale Objekt. Selbst wenn er im Nahen Osten zu den indigenen Völkern zählen sollte.

Als eine Art Karnevalsersatz für schlichten norddeutschen Humor betrachten Ethnologen das sogenannte Ollnborger Gröönkohl-Äten in Berlin, wo am kommenden Montag 250 geladene Gäste mal wieder zum Wohle Oldenburgs „Löffelschnaps“ saufen und Unmassen von Grünkohl, Fleischpinkel, Kasselerkotellett ohne Knochen, Kochmettwurst und geräucherten Speck verschlingen und Reden hören werden, die lustig sein wollen. Diesmal wird David McAllister (CDU), der wenigstens etwas Eleganz in die Politik brachte, das Grünkohl-Zepter an Robert Habeck (Grüne) weiterreichen, dessen Feenstaub die Lässigkeit sein dürfte. Nach diesem Hochamt für den Kohl ist die Karnevalszeit wohl endgültig vorbei.

Von Michael B. Berger

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