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Niedersachsen Bis zu 7000 Flüchtlinge sollen nach Fallingbostel
Nachrichten Politik Niedersachsen Bis zu 7000 Flüchtlinge sollen nach Fallingbostel
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22:28 04.11.2015
Von Michael B. Berger
Die Bürgermeisterin der Stadt Fallingbostel, Karin Thorey (r) spricht neben dem niedersächsischen Ministerpräsident Stephan Weil (SPD, l). Quelle: dpa
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Bad Fallingbostel

"Diese Tage", sagt Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, "werden nicht als größte Zeit der deutschen Politik eingehen". Weil spricht über die Flüchtlingskrise. Über Streit in der deutschen Politik, den man jetzt vermeiden sollte. Er spricht am Mittwochabend in Bad Fallingbostel zum ersten Mal in einer Bürgerversammlung über ein Thema, das derzeit alle anderen verdrängt. Und elektrisiert. "Werden die Leute denn richtig registriert?", will ein älterer Mann wissen. "Wenn erst die Schleuser kommen, dann kommen doch auch Kriminelle", fürchtet eine ältere Frau aus der hintersten Reihe im vollbesetzten Schiff der Dionysiuskirche.

"Bei so vielen Menschen, die jetzt zu uns kommen, kann keiner behaupten, es seien keine Huckeduster darunter", sagt der Ministerpräsident. Das hannöversche Wort "Huckeduster" muss in Fallingbostel übersetzt werden, Menschen, die im Dunklen sitzen. "Spitzbuben", erklärt Fallingbostels Bürgermeisterin. Ein Bürger findet dieses Wort "verniedlichend". Ein anwesender Polizeiverantwortlicher beruhigt: "Es gibt, was das Strafaufkommen angeht, überhaupt keinen Grund zur Beunruhigung." Der Polizist warnt davor, Gerüchte zu verbreiten. Man habe den einen oder anderen Diebstahl mehr, aber man habe auch tausende Menschen mehr.

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Werden es am Ende 15.000 sein?

"Erst hieß es, es kämen 1500 nach Fallingbostel. Werden es am Ende 15.000 sein", will eine junge Frau wissen. "Derzeit leben hier 3600. Nach den Planungen wird das hier bis zu 6000 bis 7000 Menschen aufwachsen", sagt der Ministerpräsident. Eine echte Neuigkeit. Ein leichtes Raunen geht durch das Kirchenschiff. Die Kernstadt Fallingbostel hat 7500 Einwohner. Weil beruhigt. Das vor den Stadttoren gelegene Camp, das noch bis zum Mai dieses Jahres die Briten nutzten, habe besonders gute Bedingungen. "Es ist ungeheuer weitläufig. Und je weitläufiger das Gelände, umso entspannter ist die Situation." Die Menschen im Camp Fallingbostel würden im Schnitt nur vier Wochen bleiben und dann auf andere Stationen verteilt, sagt der Ministerpräsident.

Zum dritten Mal kommen die Bürger Fallingbostels an diesem Mittwoch in der Dionysiuskirche zusammen.  Die 450 Plätze des Kirchenschiffs sind fast komplett besetzt. Es ist ein zentraler, aber auch neutraler Ort. Wichtig für heikle Debatten.

"Ich bin glücklich, dass wir diese 'location' gefunden haben", sagt Karin Thorey, die Bürgermeisterin. Die Leute äußerten sich in so einem Raum doch etwas anders als etwa in der größeren Heidmarkhalle. "Die Kirche ist ein besonderer Ort, sie zwingt zur Sachlichkeit", sagt Pastor Torsten Schoppe, der Gastgeber. Und das sei gerade jetzt wichtig.

Bei der ersten Versammlung vor einigen Wochen sei die Stimmung im Ort noch geradezu euphorisch gewesen, beseelt vom Geist "wir schaffen das", berichtet Pastor Schoppe. Doch schon bei der zweiten Bürgerversammlung vor drei Wochen sei die Stimmung etwas angespannter gewesen, habe es Zwischenrufe gegeben und seien die ersten Gerüchte aufgekommen, von vermeintlichen Diebstählen, einer Schlägerei. "Das stimmte alles nicht, aber es entstand so ewas wie eine Kultur der Gerüchte", sagt der Pastor. "Dagegen hilft nur eines: Information, Information, Information", sagt die Bürgermeisterin. Deshalb stünden auf den Versammlungen auch Männer und Frauen Rede und Antwort, die Verantwortung trügen - von den ehrenamtlichen Helfern bis zu den Häuptern der Polizei.

Am Anfang der Veranstaltung war sie noch etwas aufgeregt, wie es diesmal ausgeht. Nach eineinhalb Stunden kann sie beruhigt sein. Die Lage ist angespannt, aber nicht aufgeregt. Ein Syrer, der in Englisch erzählt, Deutschland sei ein gutes Land und man sei sehr bemüht, rasch Deutsch zu lernen, bekommt in Sankt Dionisius Applaus. Und Lacher, als er sagt, man achte sogar darauf, sich an die vielen Verkehrsampeln zu halten. "Wenn einer nicht ordentlich über die Straße geht, finden wir das auch nicht in Ordnung."

Die letzte Frage stellt ein Bürger, der sich Gedanken um die Zukunft seiner Stadt macht. Wie wirkt sich der Zuzug aus. "Das ist doch nichts Schlimmes, was hier passiert", sagt Bürgermeisterin Thurey. Die Stadt werde bunter. Aber das sei auch eine Sache der Gewöhnung. "Als die Engländer hier im Mai dieses Jahres abzogen, 4000 waren hier, haben wir uns Gedanken gemacht über die vielen Leerstände. Jetzt müssen wir uns keine Gedanken mehr machen, dass eine Schule bei uns zumacht." Fallingbostel sei zwar an der Peripherie. Aber der Draht zum Innenministerium sei jetzt besser. "Fallingbostel ist durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen", sagt der Ministerpräsident. Jetzt habe man einen Nachzug für die Menschen, die weggegangen seien. "Warten wir es mal ab", sagt Weil; "Ich bin beeindruckt für diese Gelassenheit, aber auch spürbare Menschenfreundlichkeit."

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