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Niedersachsen Blitzattacken in den Wäldern des Wendlands
Nachrichten Politik Niedersachsen Blitzattacken in den Wäldern des Wendlands
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20:22 25.11.2011
Von Heinrich Thies
Die Polizei hat Mühe und Not die Demonstranten in den Griff zu bekommen. Quelle: dpad
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Hitzacker

Der Wald zwischen Hitzacker und Dahlenburg ist am Freitag wieder zum umkämpften Gelände geworden. Entlang der Bahnstrecke, auf der in Kürze elf Atommüllbehälter in Richtung Gorleben rollen sollen, lieferten sich militante Castor-Gegner heftige Gefechte mit Polizeibeamten. Die Polizei spricht von „massiven Einwirkungen durch rund 200 extrem gewaltbereite Demonstranten“ und ermittelt gegen jene, die die Polizeiautos mit brennbarer Flüssigkeit in Brand gesetzt haben sollen. Die Atomkraftgegner sprechen von Überreaktion und beklagen die „Brutalität der Polizei“, die all die Gewalt erst hervorgerufen habe.

Bereits am Vorabend ist es an der Bundesstraße 216 bei Metzingen in der Nähe von Hitzacker zu einem Zusammenstoß gekommen. Als gut 1000 Atomkraftgegner die Kreuzung besetzten, fuhr die Polizei Wasserwerfer auf und setzte Pfefferspray gegen die Castor-Gegner ein. Die wiederum warfen Böller, Steine und Farbbeutel, es kam zu Rangeleien und wechselseitigen Beschuldigungen. „Wir sind stinksauer“, sagt Carsten Niemann von der Bäuerlichen Notgemeinschaft. „Das war eine reine Machtdemonstration, die wollten nur ihre neue Technik vorführen.“ Es sei völlig unverhältnismäßig, dass die Polizei mit Wasserwerfern gegen eine friedliche Sitzblockade vorgehe – noch dazu auf einer Straße, die gar nicht für den Castor-Transport benötigt werde. „Das, was da passiert ist, ist ein Rückfall in frühere Zeiten“, beklagt der Biobauer. „Da ist die Eskalation unausweichlich.“

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Auch andere Atomkraftgegner sowie Grüne und Linke kritisieren, dass die Polizei vom Pfad der Deeskalation abgekommen sei. Tatsächlich scheint sich ein neuer Kurs anzukündigen. Polizeisprecher Torsten Oestmann bestätigt, dass anders als in früheren Jahren nun auch Blockaden auf Straßen geräumt werden, die nur als Verkehrswege genutzt werden. „Wir wollen es den Einsatzkräften nicht mehr zumuten, dass sie stundenlang ohne Essen und Trinken sind. Wir werden es nicht mehr hinnehmen, dass wir mit unserem Gerät nicht durchkommen und am Austausch unserer Kräfte gehindert werden.“

Mit ihrem Strategiewechsel reagiert die Polizei auch auf eine Kampagne der Autonomen unter dem Motto „Atomstaat stilllegen“. Die Gruppe hat dazu aufgerufen, „die Räume des Widerstands zu erweitern“ und „auch Logistik und Infrastruktur dieser Besatzung zu blockieren“. Die Atomkraftgegner im Wendland sprechen von einer kleinen unbedeutenden Minderheit, doch die Polizei nimmt die Drohungen ernst. „Sitzblockaden werden nicht mehr hingenommen“, verkündet daher der Sprecher der Bundespolizei, Fabian Hüppe.

Doch die Atomkraftgegner betrachten Blockaden als gewaltfreien Widerstand und rufen zu subversiven „Nachtspaziergängen“ auf. Am Freitag stand die „Rallye Monte Göhrde“ auf dem Programm. Einige Hundert brachen vom „Widerstandsnest Metzingen“ auf, um die Wälder der Umgebung zu erkunden, wie sie sagen – mit Isomatte und Schlafsack, festem Schuhwerk, robusten Handschuhen und dicker Kleidung. Wenn irgend möglich wollen sie die nächsten Tage auf den Schienen verbringen.

Zwischen Buchen und Kiefern haben bereits Suppenküchen Stellung bezogen. Musik schallt durchs Dickicht. Technojünger haben ihre Anlagen bereitgestellt, um den Blockierern den Marsch zu blasen. Aufpeitschend sind die Rhythmen der Sambatrommler. „Echt super“, schwärmt Jan, der an den verschwörerischen Waldspaziergängen Gefallen findet. Der verschwitzte Atomkraftgegner ist mit einer schwarzen Motorradkluft bekleidet und hat bis vor wenigen Stunden noch in einer nahegelegenen Schlachterei gearbeitet, wo er eine Lehre macht – eine Ausbildung, über die er jetzt aber nicht so laut sprechen möchte. „Die Vegetarier hier finden das nicht so toll.“