Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Niedersachsen Bundespräsident Wulff und Gattin erobern den Norden
Nachrichten Politik Niedersachsen Bundespräsident Wulff und Gattin erobern den Norden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:11 09.03.2011
Bundespräsident Christian Wulff auf Antrittsbesuch im Norden.
Bundespräsident Christian Wulff auf Antrittsbesuch im Norden. Quelle: dpa
Anzeige

Nasskaltes Schmuddelwetter und ein rauer Wind empfangen Bundespräsident Christian Wulff im Fährhafen von Dagebüll (Kreis Nordfriesland). Zum Auftakt seines Antrittsbesuchs in Schleswig-Holstein am Mittwochmorgen begrüßt um 9.25 Uhr zunächst die in Trachten gekleidete Frauengruppe „Frasch Scheew“ (Friesischer Tisch), die sich für den Erhalt der friesischen Sprache einsetzt, das Staatsoberhaupt. Doch wenige Schritte weiter am Anleger wird es politisch brisant: Eine Mahnwache der Bürgerinitiative Schleswig-Holstein protestiert mit Fahnen und Transparenten gegen mögliche CO2-Endlager in Schleswig-Holstein.

Wulff und Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) gehen auf die Demonstranten zu und sprechen freundlich mit ihnen. Carstensen ist auf ihrer Seite, seit langem kämpft er dafür, dass die Bundesländer ein Vetorecht gegen solche Lager auf ihrem Boden gesetzlich verbrieft bekommen - gegen Widerstand aus der schwarz-gelben Regierungskoalition in Berlin. Auch der Bürgermeister von Wyk auf der Nordeseeinsel Föhr, Heinz Lorenzen, spricht das Thema nach herzlichen Begrüßungsworten klar an: Die Insulaner seien entschieden dagegen, „unsere Landschaft als CO2-Endlager zu misshandeln und zu belasten“. Wulff signalisiert Sympathie. Die CO2-Verpressung verunsichere die Bevölkerung immens, sagt er. „Ich nehme mit, wie stark es die Menschen hier verängstigt, verunsichert.“

Die politische Duz-Freunschaft zwischen dem Niedersachsen Wulff und dem Dithmarscher Carstensen schimmert immer wieder durch. Carstensen betont, dass Wulff als niedersächsischer Ministerpräsident und der damalige Hamburger Bürgermeister Ole von Beust (alle CDU) die Interessen des Nordens gemeinsam vertreten hätten.

Buchstäblich im nordischen Sturm erobern Wulff und seine charmante Frau Bettina die Herzen der Menschen. Konzentriert fachsimpeln beide auf der sich durch Regen und Wellen kämpfenden Fähre von Dagebüll nach Wyk mit Schülern, die sich an einem Projekt zum Nationalpark Wattenmeer engagieren. In Wyk spielt zur Begrüßung eine Kapelle Blasmusik, Frauen in friesischen Trachten überreichen Gastgeschenke. Es wird viel gelacht, Dutzende Zuschauer recken die Hälse und noch höher ihre kleinen Digitalkameras, um den Bundespräsidenten zu fotografieren, der die Nähe der Menschen sucht und Autogramme gibt.

Der Wyker Klingelmann, ein Original in Kapitänsuniform, läutet mit einer Schiffsglocke den Bundespräsidenten zu sich und begrüßt ihn mit einem friesischen Gedicht. „Habt ihr das verstanden?“. „Klar“, antworten Wulff und Carstensen. Weiter geht’s zu Fuß durch Wyk zum Kurhaus. Immer wieder legt Wulff zärtlich den Arm um seine Frau Bettina, die mit blondem Pferdeschwanz, Perlen-Ohrhängern und strahlenden Lächeln Blickfang ist.

In seinen Grußworten lobt Wulff Föhr als „Perle unter den deutschen Inseln“, er preist den 800 Jahre währenden Freiheitsdrang der Friesen und die ungeheure Schönheit der Landschaft. Das Museum Kunst der Westküste mit seiner Bildersammlung zur Nordseekünste und „der einzige friesischsprachige Radiosender der Welt“, wie Carstensen humorvoll sagt, sind weitere symbolträchtige Stationen des Besuchs.

„Wir wollen dem Bundespräsidenten zeigen, was wir Schleswig-Holsteiner unter den Füßen haben, und am Nachmittag, was wir im Kopf haben“, erklärt Carstensen das Programm. Mit „unter den Füßen“ meint er Heimatverbundenheit, die Erdung der Menschen im Norden. Am Nachmittag ging es an die Uni-Kiel, um dort ein Labor zur Nano-Spitzenforschung zu besichtigen, ehe eine Rede im Landtag den Abschluss des eintägigen Besuchs bedeutete.

Was Deutschland von Schleswig-Holstein lernen könne, fragte ein Journalistin. Wulff holte weit aus und erinnerte an die Aufnahme zahlreicher Vertriebener nach dem Zweiten Weltkrieg. Und vom Umgang Schleswig-Holsteins mit der dänischen Minderheit könne ganz Deutschland und ganz Euopa lernen. Die Menschen im Norden seien offen für neue Sprachen und Kulturen. „König Christian X.“, wie ihn Bürgermeister Lorenzen in Anspielung auf frühere dänische Könige und sein Amt als zehnter Bundespräsident nannte, hatte endgültig die Sympathien der Schleswig-Holsteiner gewonnen.

dpa