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Niedersachsen Carsten Maschmeyer und die Last der wilden Jahre
Nachrichten Politik Niedersachsen Carsten Maschmeyer und die Last der wilden Jahre
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18:12 12.03.2011
Von Albrecht Scheuermann
Carsten Maschmeyer und Lebensgefährtin, die Schauspielerin Veronica Ferres, auf dem „Ball des Sports“.
Carsten Maschmeyer und Lebensgefährtin, die Schauspielerin Veronica Ferres, auf dem „Ball des Sports“. Quelle: dpa
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König Midas, Herrscher von Phrygien in der heutigen Türkei, soll unglaublich reich gewesen sein. Allerdings trug er, wie die Sage erzählt, unter seiner Mütze Eselsohren. Nur sein Barbier wusste davon. Dieser wollte sein Geheimnis zwar keinem Menschen verraten, konnte es aber auch nicht ganz für sich behalten. Deshalb grub er am Flussufer ein Loch und rief dreimal hinein: „König Midas hat Eselsohren!“ Doch die Binsen hörten mit und trugen es mit dem Wind weiter – bis es alle Welt wusste.

Eine Binsenweisheit ist es auch, dass der hannoversche „Midas“ Carsten Maschmeyer nicht durch Strümpfestricken oder Brötchenbacken zu seinem mächtigen Vermögen gekommen ist. Maschmeyer hat sein Geld mit Finanzgeschäften gemacht. Der Glanz des Geldes hat aber auch eine dunkle Kehrseite – viele Tausend kleine Geldanleger, die durch die Geschäfte des charismatischen Emporkömmlings geschädigt wurden und nicht selten bis heute nicht wieder auf einen grünen Zweig gekommen sind.

Maschmeyers Anfänge schienen lange Zeit vergessen, doch plötzlich interessieren sie wieder. Kritische Berichte im Fernsehen, in Magazinen und Illustrierten, immer wieder Fotos von ihm zusammen mit dem früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder oder Bundespräsident Christian Wulff, bitterböse Videos, die das andere Gesicht von Maschmeyer zeigen, wie er auf ziemlich vulgäre Art seine Vertriebsmannschaft zu Höchstleistungen anspornt – der Mann aus Hannover hatte wohl noch nie so viel öffentliche Aufmerksamkeit wie gerade jetzt.

Nach öffentlicher Anerkennung hat der heute 51-Jährige immer gelechzt, aber nicht nach der Art von Veröffentlichungen, die jetzt auf ihn niederprasseln. Sie werfen vor allem Schlaglichter auf die frühen Jahre, als Maschmeyer vom ausgestiegenen Medizinstudenten zum Superstar unter den Finanzunternehmern mutierte.

Seinen ersten Kontakt zu der damals schillernd-verruchten Branche der sogenannten Strukturvertriebe hat er dem 2008 verstorbenen Gründer des Kölner Finanzunternehmens Objektive Vermögensberatung (OVB), Otto Wittschier, zu verdanken. Dieser gehörte zu den Gründungsvätern der freien Allfinanz-Vertriebe in Deutschland. Sie sind allesamt im Dunstkreis des berüchtigten Investors Overseas Services (IOS) entstanden, der in den sechziger Jahren mit viel Getöse weltweit Millionen von Anlegern angelockt hatte und später mit noch mehr Getöse zusammengebrochen war.

Maschmeyer verdiente Mitte der achtziger Jahre bei Wittschiers Truppe mit dem Verkauf von Lebensversicherungen und anderen Finanzprodukten seine ersten Sporen und Millionen. Dann nahm er das Geld, warb dem OVB die halbe Mannschaft ab und startete 1988 sein eigenes Geschäft in Hannover. Der Anfang im Bredero-Hochhaus hinter dem Hauptbahnhof war bescheiden, der Erfolg phänomenal. „Deutschlands Milliarden-Magier“ – so der Titel eines Buches, dessen Erscheinen er verhindert hat – erwies sich als begnadeter „Menschenfischer“. Teils von der Straße weg wurden die späteren „Finanzberater“ angeworben und in Schnellkursen auf den Verkauf von Versicherungen und Finanzanlagen getrimmt.

Damals waren die Zeiten wild und die Regeln locker. Maschmeyers AWD verdiente in seinen ersten Jahren viel Geld auf dem völlig unkontrollierten „grauen Kapitalmarkt“ mit dem Verkauf von sogenannten geschlossenen Fonds. Dabei handelte es sich um unternehmerische Beteiligungen – mit beträchtlichen Risiken bis hin zum Totalverlust. Die Prospekte waren dick, die Chancen für die Anleger dagegen oft beschränkt, weil das eingezahlte Geld zunächst für Provisionen, Verwaltungskosten, Treuhandgebühren, Depotkosten und Ähnliches benötigt wurde. Anders gesagt: Die Geldanleger wurden erst mal kräftig geschröpft – und für die eigentlichen Investitionen blieb deshalb oft gar nicht genug Geld übrig, um überhaupt auf vernünftige Renditen zu kommen.

Dazu gesellten sich jedoch noch üble Fehlgriffe. Zum Beispiel die „Dreiländerfonds“ der Stuttgarter Beteiligungsgesellschaft Kapital Consult. Einer davon, der DLF 94/17, sollte mit Investitionen in Immobilien in Deutschland, der Schweiz und Österreich, darunter ein Musicaltheater in Stuttgart, üppige Renditen für die Anleger einfahren. Der AWD soll allein für diesen Fonds 700 Millionen DM bei rund 14 000 Anlegern eingesammelt haben. Diese mussten ihre Unterschrift bitter bereuen. Das Ganze wurde zu einem Desaster.

Solche Fonds waren nicht nur beim AWD, sondern bei zahlreichen Konkurrenzunternehmen sowie Banken wegen der üppigen Provisionen äußerst beliebt. Ausgewiesen wurden als „Agio“ in der Regel nur fünf Prozent, aber tatsächlich bekamen die Vermittler 15 Prozent oder mehr Aufschlag beim Verkauf. Allerdings kassierte der Verkäufer, der beim Kunden auf dem Sofa die Prospekte überreichte, davon nur einen kleinen Teil. Der größere Teil wurde an die „Struktur“, also die Führungskräfte auf den verschiedenen Hierarchieebenen, verteilt. Und auch das Finanzunternehmen selbst schnitt sich seinen Teil ab – für die Verwaltungskosten und Gewinne.

Es gibt einen zweiten Grund, warum dieses Geschäft für viele Kunden so verhängnisvoll wurde: Zum Teil wurden die unsicheren Geldanlagen mit Krediten finanziert. Der Anleger steckte also nicht nur sein Erspartes in die Beteiligung, sondern nahm zusätzlich einen Kredit auf. Der Schuldendienst sei ja kein Problem, so die Vermarktungsmasche, weil die Renditen locker ausreichten, um auch die Kredite zu bedienen. Maschmeyer – und seine Kollegen von der Konkurrenz – reagieren auf Vorhaltungen wegen dieser Geschäfte immer mit den gleichen Argumenten: Die Kunden wurden über die Risiken aufgeklärt, und sollte das einmal nicht der Fall gewesen sein – es gibt überall schwarze Schafe. Es handele sich nur um Einzelfälle, die von Verbraucherschützern, Anwälten oder Medien aufgebauscht würden.

Alles falsch, meint ein Hannoveraner, der die Branche wie kaum ein anderer kennt. „Jeder, der auch nur einen Funken wirtschaftliche Ahnung hat, konnte schon damals sehen, dass dies für die Geldanleger wegen der enormen Kostenbelastung nicht funktionieren konnte“, sagt Waldemar von Roon, Gründer und Eigentümer des Finanzdienstleisters RWS. Auch damals habe man solche unternehmerischen Beteiligungen keinesfalls mit gutem Gewissen an Kleinanleger verkaufen können. Und das dann noch mit Kredit zu finanzieren und so doppelt Provisionen zu kassieren, sei eine „Riesenschweinerei“. Deshalb hat von Roon, der seine Finanzkarriere ebenfalls bei IOS begonnen hatte, von Anfang an entschieden, dass seine Firma keinerlei geschlossene Fonds oder Beteiligungen verkauft. „Ich habe das in den 30 Jahren keine Minute bereut“, sagt von Roon, obwohl dies die Wachstumsmöglichkeiten stark gemindert habe.

Die wilden Zeiten in der Finanzbranche sind vorbei, auch beim AWD. Das Unternehmen hat sich seitdem zu einem ganz normalen Finanzdienstleister gewandelt, der den Kunden Vorsorgeverträge oder Aktienfonds verkauft, wie sie auch der Sparkassenberater seinen Kleinsparern ans Herz legt. Tatsächlich schneiden heute die ausgebildeten AWD-Berater bei Tests der Beratungsqualität keineswegs schlechter, bisweilen sogar besser ab als manche Banken oder Konkurrenten.

Dennoch beschleicht immer noch viele Menschen ein ungutes Gefühl, wenn sie das Drei-Buchstaben-Logo mit der darüberschwebenden stilisierten Taube erblicken. Maschmeyers Truppe hat in den frühen Jahren allzu viele kleine und größere Tragödien angerichtet. Und auch viele Vermittler sind enttäuscht. Jahrelang hat ihnen der AWD-Chef und -Eigentümer eingehämmert, dass das hannoversche Unternehmen für alle Zeiten unabhängig bleiben müsse – unter der Führung von Maschmeyer. Ende 2007 entschloss er sich zum Verkauf an den Schweizer Versicherungskonzern Swiss Life, kassierte mehrere Hundert Millionen Euro für seine Anteile und zog sich zurück. Diesen Verrat an der Idee der Unabhängigkeit haben ihm viele frühere Mitarbeiter nicht verziehen.