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Niedersachsen Celler Stadtverwaltung testet anonymisierte Bewerbungen
Nachrichten Politik Niedersachsen Celler Stadtverwaltung testet anonymisierte Bewerbungen
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19:16 12.12.2010
Von Marina Kormbaki
Die Celler Stadtverwaltung testet anonymisierte Bewerbungen. Quelle: Nancy Heusel
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Ganz so sonderbar, wie Jockel Birkholz sich die Sache mit den anonymen Bewerbungen vorgestellt hatte, wird es wohl nicht kommen. Birkenstock ist Personalchef in der Celler Stadtverwaltung, und als sein Vorgesetzter, Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende, ihn von der Teilnahme an dem Projekt der Antidiskriminierungsbeauftragten des Bundes überzeugen wollte, wonach sich Bewerber anonym auf freie Stellen bewerben sollen, da sagte Birkholz: „Wie soll das denn gehen? Sitzen die Bewerber beim Vorstellungsgespräch etwa hinterm Vorhang?“

Aber so wird es wohl nicht kommen in den Celler Amtsstuben. Das derzeit bundesweit startende Pilotprojekt der Antidiskriminierungsbeauftragten Christine Lüders sieht lediglich vor, dass Bewerbungsunterlagen ohne Foto sowie Angaben zu Alter, Geschlecht, Herkunft und Familienstand auf die Schreibtische von Personalchefs landen – im Sinne der Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt. Große Unternehmen machen mit bei dem einjährigen, wissenschaftlich begleiteten Pilotprojekt, etwa die Deutsche Post DHL, die Telekom sowie die Konsumgüterkonzerne L’Oreal und Procter & Gamble. Und die Kreisstadt Celle ist auch dabei, als bundesweit einzige Kommune. Personalfachdienstleister Birkholz hat sich von seinem Chef doch noch überzeugen lassen.

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„Fast jede offene Stelle kommt bei uns für ein anonymes Bewerbungsverfahren infrage“, sagt Birkholz. Außer der des Bürgermeisters, klar, der werde ja gewählt. Und bei Saisonkräften, beispielsweise im Grünflächenbereich, wo sich viele Bewerber ohnehin schwertäten mit bürokratischen Abläufen, da wolle man die Hürden für einen Job auch nicht zu hoch setzen, sagt Birkholz. Bei allen anderen Stellen aber werde es zu jeder Ausschreibung im Internet ein Formular geben, das die Bewerber online ausfüllen können – ohne zu verraten, wie alt sie sind, ob sie Mann oder Frau sind, einen deutschen Pass haben oder einen ausländischen. So soll gleich zu Beginn des nächsten Jahres die Stelle eines Außendienstmitarbeiters im Bereich Finanzen besetzt werden.

In der Stadtverwaltung von Celle arbeiten rund 1050 Menschen, mehr als die Hälfte davon ist weiblich, jedenfalls unterhalb der Führungsebene. Der Anteil von Migranten ist verschwindend gering. „Es ist nicht so“, sagt Birkholz, „dass wir hier bisher diskriminiert haben bei der Vergabe offener Stellen – zumindest nicht bewusst.“ Birkholz ist ein ehrlicher Mensch. Er sagt: „Natürlich guckt man bei Bewerbungen zuerst auf das Foto, da schwingt dann ein positives oder eben ein negatives Grundgefühl mit.“

Von dem anonymisierten Bewerbungsverfahren erhofft sich die Celler Verwaltung nicht nur mehr Chancengleichheit für ihre Bewerber. „Bewerbungsverfahren könnten auch ökonomischer ablaufen als bisher“, sagt Birkholz. Denn die Daten in den Unterlagen sollen sich auf Aussagen über die Qualifikation des Interessenten beschränken: Schulausbildung, Berufserfahrung, weitere Kompetenzen, mehr nicht. Natürlich könne man daraus auch Rückschlüsse auf das Alter der Person ziehen oder ihr Geschlecht, gibt der Personaler zu: „Aber das steht nicht im Vordergrund.“

So sieht es auch die Antidiskriminierungsbeauftragte Lüders: „Es geht darum, dass Bewerber, die sonst schon allein wegen ihres Namens, Alters oder Aussehens ausgeschieden wären, überhaupt die Chance zu einem Vorstellungsgespräch erhalten“, sagt Lüders.

Spätestens dann, wenn die Bewerber Birkholz gegenübersitzen, ihre Bewerbungsunterlagen vor sich, dann fällt auch der Vorhang der Anonymität.