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Niedersachsen „Da müssen Sie hartgesotten sein“
Nachrichten Politik Niedersachsen „Da müssen Sie hartgesotten sein“
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11:23 10.01.2015
Von Heiko Randermann
Werden gebraucht: Vor allem in Großstädten fehlt es an Pflege-Eltern, die sich um fremde Kinder kümmern. Der Staat müsste dafür aber mehr Anreize setzen, meinen Kritiker. Quelle: Marc Tirl
Hannover

Stefan Uhlmeister ist stolz auf das, was er in den vergangenen Jahren geleistet hat. „Wir haben was auf der Welt bewegt. Wir haben diesen jungen Menschen einen Start ins Leben ermöglicht“, sagt er. Zusammen mit seiner Frau hat Uhlmeister insgesamt drei Kinder bei sich aufgenommen, die vom Jugendamt aus kaputten Familien herausgeholt worden waren. Für die Kinder würde er das jederzeit wieder machen, sagt er. Aber ihn ärgert, wie der Staat mit Pflegeeltern umgeht.

Uhlmeister heißt nicht wirklich so, aber er möchte seinen wahren Namen nicht in der Zeitung lesen. Auch die niedersächsische Kleinstadt, in der er mit seiner Familie lebt, soll ungenannt bleiben. Die Gruppe der Pflegeeltern ist klein, und das ist ein Problem. Denn eigentlich werden immer mehr von ihnen gebraucht. Immer häufiger trennen Jugendämter Kinder und Jugendliche von zerrütteten Familien. Die aktuellsten Zahlen beziehen sich auf 2013. In jenem Jahr nahmen die niedersächsischen Jugendämter 3738 Jungen und Mädchen in Obhut, 5 Prozent mehr als 2012. In der Folge werden vor allem in Städten Pflegeeltern dringend gesucht.

Pflegeeltern sind schwierig zu finden

Es gebe Gründe, warum es so schwer falle, Pflegeeltern zu finden, meint Franz Lammerding, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Jugendämter in Niedersachsen: „Viele Paare, die keine Kinder bekommen können, wollen lieber ein Kind adoptieren als ein Pflegekind aufzunehmen.“ Denn ein Pflegekind müsse die neue Familie womöglich wieder verlassen. Außerdem ist die sogenannte Inobhutnahme immer das letzte Mittel - vorher wurde schon alles getan, um die Situation in der leiblichen Familie zu stabilisieren. Wird das Kind dann doch vom Jugendamt von seinen Eltern getrennt, ist es meist schon älter, was die Erziehungsarbeit nicht leichter macht.

Uhlmeister nickt. „Am Anfang müssen Sie alles wegschließen.“ Die Kinder fassten wenig Vertrauen, manche hätten Drogenprobleme. Erst nach einigen Wochen könne man eine Geldbörse auch mal offen liegen lassen. „Das dürfen Sie nicht persönlich nehmen“, sagt Uhlmeister. Die Kinder seien traumatisiert und wissen, dass das Zusammenleben schnell wieder zu Ende sein könne. „Da müssen Sie hartgesotten sein“, sagt Uhlmeister. Eine enge emotionale Bindung wie zu eigenen Kindern, „das müssen Sie bei einem Pflegekind vergessen. Sie müssen Erziehung leisten und dabei die Emotionen herausnehmen.“

Eine schwierige, aber wichtige Aufgabe, denn nur so könnten die früh Gestrauchelten noch aufgefangen werden, glaubt Uhlmeister und zählt Beispiele auf - seine eigenen und die von befreundeten Pflegeeltern: ein Mädchen, das es mit viel Unterstützung der Familie durch die Ausbildung geschafft hat und jetzt seinen ersten Job hat. Ein Junge, der mit Polizeigewalt aus der Wohnung des alkoholkranken, prügelnden Vaters geholt wurde, und der jetzt nach schwierigen Jahren in der Schule sein Abitur macht.

Jugendamt behält Teil des Kindergeldes

Doch der Staat gebe Pflegeeltern nicht das Gefühl, dass er diese Leistung zu würdigen wisse, kritisiert Uhlmeister. Er nennt ein Beispiel: Das Jugendamt behalte jeden Monat vom Kindergeld 25 bis 50 Prozent. Warum, wisse er nicht, sagt Uhlmeister, schließlich solle das Kindergeld doch eigentlich vollständig den Kindern zugute kommen. Das erbost ihn erst recht vor dem Hintergrund, dass eine Unterbringung bei Pflegeeltern das Jugendamt zwischen 800 und 1300 Euro monatlich koste, ein Heimplatz dagegen zwischen 2500 und 5000 Euro.

Ein anderer Punkt sei die Sache mit den Rentenansprüchen. „Man sagt den Eltern, wenn sie ein Pflegekind übernehmen wollen, muss einer von ihnen den Job aufgeben“, sagt Uhlmeister, und er hat dafür Verständnis: „Das geht ja auch nicht anders. Es muss einer für das Kind da sein.“ Was ihn ärgert: In Formularen werde suggeriert, diese Zeit könne man wie bei eigenen Kindern bei der Rente geltend machen. Doch das gehe allenfalls bei Kindern unter drei Jahren, habe ihm die Rentenversicherung mitgeteilt - und das treffe auf Pflegekinder nur selten zu. Wer seinen Job für ein Pflegekind aufgibt, wird also auch bei der Rente benachteiligt.

Das mit der Rente „halte ich für ein Problem“, sagt auch Thomas Schremmer, Landtagsabgeordneter der Grünen. „Wenn wir wollen, dass mehr Eltern diese Rolle übernehmen, müssen wir bessere Anreize schaffen“, sagt die sozialpolitische Sprecherin der FDP, Sylvia Bruns. Dazu gehöre auch, das Kindergeld voll an die Pflegeeltern auszuzahlen.

„Die Jugendhilfe ist immer ein Reparaturbetrieb“, meint SPD-Sozialexperte Uwe Schwarz. Erstes Ziel der Politik müsse es sein, durch frühe Hilfe in den Familien eine Fehlentwicklung zu verhindern.

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