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Niedersachsen Das Schicksal der Heimkinder
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20:27 07.10.2009
Von Heinrich Thies
„Das ist ein Sinnbild für die vielen Tausend Kinderseelen, die man in kirchlichen Kinderheimen ans Kreuz genagelt hat“, sagt Eckhardt Kowalke, der das Kreuz gemeinsam mit Gudrun Adrion gebaut hat. Quelle: Frank Wilde
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„Uns beschämt, dass die bedrückenden Einzelschicksale über lange Jahre verschwiegen wurden.“ Die Betroffenen zeigten sich zufrieden. „Großartig“, sagt der Sprecher der früheren Heimkinder, Jürgen Beverförden. „Diese klare Position haben wir gebraucht.“ Andere dagegen beklagen, dass von Entschädigungszahlungen und Rentenansprüchen in der Erklärung nicht die Rede ist. Diese Fragen soll dem runden Tisch überlassen bleiben, der unter Vorsitz der früheren Bundestagspräsidentin Antje Vollmer eine Vereinbarung auf Bundesebene herbeiführen will.

Die hannoversche Landeskirche will auf jeden Fall bei der Traumatherapie helfen – bei der Seelsorge sowieso. Mit einem Gottesdienst für ehemalige Heimkinder setzte Landesbischöfin Margot Käßmann am Mittwoch bereits ein Zeichen.

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"Man durfte nicht lachen"

Vor der Herrenhäuser Kirche steht ein Holzkreuz, an das Dutzende von Puppen genagelt sind. „Im Namen des Herrn“, steht darüber. Das Kreuz ist ein Kunstwerk. Es soll provozieren. Die Erwartung erfüllt sich. Eltern beschweren sich bei der Kirchengemeinde, dass der Anblick der angenagelten Puppen ihre Kinder auf dem Weg zum Kindergarten verstört. Die Künstler werden daher gebeten, das Kreuz abzubauen, weigern sich aber.

Die Aufregung ist groß, war aber einkalkuliert. „Das ist ein Sinnbild für die vielen Tausend Kinderseelen, die man in kirchlichen Kinderheimen ans Kreuz genagelt hat“, sagt Eckhardt Kowalke, der das Kreuz gemeinsam mit Gudrun Adrion gebaut hat – basierend auf eigenen Erfahrungen im Jugendheim Freistatt bei Diepholz. „Es ist verständlich, wenn dieses Kreuz Anstoß erregt“, sagt der frühere Zögling. „Aber das Thema darf einfach nicht länger unter den Teppich gekehrt werden.“

Dies sieht auch Christoph Künkel, der Direktor des Diakonischen Werks Hannovers so, der am Mittwoch ehemalige Bewohner diakonischer Kinder- und Jugendheime nach Hannover eingeladen hat. „Wir wollen offiziell ein Signal dafür geben, dass Menschen, die in Heimen gequält und gedemütigt wurden, Gehör finden“, sagt Künkel. „Wir wollen offiziell um Entschuldigung bitten.“

Rund 50 Heimbewohner sind gekommen. Als zwei von ihnen von ihren Erfahrungen berichten, stockt den Besuchern der Atem. Eine Frau bricht weinend zusammen und muss hinausgeführt werden. „Die Schläge waren unberechenbar, berechenbar war nur der Schmerz“, sagt Jörg Walter, der von 1959 bis 1963 im Kinderheim „Rübezahl“ in der Nähe von Eschershausen untergebracht war. „Man musste die Hose runterziehen, und dann nahm die Erzieherin die Peitsche und schlug auf einen ein. Wer weinte, bekam noch was drauf.“

Die sogenannten Erzieherinnen ließen sich „Tanten“ nennen. Besonders schlimm sei es beim Spießrutenlauf gewesen, sagt Walter. „Die Kinder mussten einen Tunnel bilden und mit Ruten auf einen Leidensgefährten einschlagen. Danach herrschte dröhnende Stille.“

Rita Schulz kam als Dreijährige in die Pestalozzi-Stiftung nach Großburgwedel, nachdem ihre Mutter versucht hatte, sie umzubringen. „Man durfte nicht lachen“, erinnert sich die heute 63-Jährige. „Niemand hat mich in den Arm genommen, man hat mich nur mit dem Nachnamen angesprochen.“ Als „Promenadenmischung“ sei sie verhöhnt worden, sagt die Frau aus Faßberg bei Celle. Bis heute habe sie das Gefühl, wertlos zu sein.

Mechthild Schulze kam 1960 als Kindergärtnerin in das gleiche Heim – „mit viel Idealismus“, wie sie sagt. Die Erzieherin kämpft mit den Tränen, als sie erzählt, was sie dort erlebte. „Der leitende Pfarrer hat ein Mädchen mit dem eigenen Schuh geschlagen. Als es am Boden lag, hat er einen Eimer Wasser über das Kind gegossen.“

Gerhard Haake, der von 1959 bis 1962 als Diakon im Stephansstift am Kronsberg in Hannover tätig war, hat den Eindruck, „dass einige Erzieher Vergnügen dabei hatten, wenn mal wieder einer richtig zusammengeschlagen wurde.“

Zu einem Eklat kommt es, als später der Archivleiter des Diakonischen Werks der EKD, Michael Häusler, sagt, dass es auch Kinder gegeben habe, die sich im Heim wohlgefühlt hätten. „Ich lach’ mich kaputt“, ruft jemand. Ein anderer brüllt: „Lüge.“ Ein Problem liegt darin, dass viele Akten bereits aus Datenschutzgründen vernichtet wurden, sodass manche heute ihr erlittenes Unrecht nicht mehr beweisen können. Niedersachsens Sozialministerin Mechthild Ross-Luttmann will mit gutem Beispiel vorangehen. „Wir haben 5000 Einzelakten gesichert. Jeder Betroffene sollte unbürokratisch Einsicht nehmen dürfen.“ Die persönliche Bilanz der Ministerin: „Außerordentlich beschämend.“