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Niedersachsen "Der Schulstreit erinnert an die Lokführer"
Nachrichten Politik Niedersachsen "Der Schulstreit erinnert an die Lokführer"
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12:11 20.05.2015
Von Heiko Randermann
Zu viele Debatten um die Schulpolitik? Es müsse mal Ruhe einkehren, meinen auch die Schuldirektoren. Quelle: dpa
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Göttingen

Herr Schimpf, es scheint eine sehr angespannte Lage zu geben zwischen Schulen und Lehrern auf der einen und dem Kultusministerium auf der anderen Seite. Ist das auch Ihr Eindruck?
Die Nerven liegen bei einigen blank. Das verwundert auch nicht, da das Kultusministerium derzeit viele offene Baustellen hat. Insbesondere zwischen dem Ministerium und der Schulform Gymnasium ist die Lage angespannter, als sie sein müsste. Das liegt auch an mangelnder Kommunikation. Wir erleben immer wieder, dass man uns vor vollendete Tatsachen stellt anstatt uns einzubeziehen.

Wie kann es weitergehen, etwa in den Auseinandersetzungen um Lehrerarbeitszeiten und Klassenfahrtenboykott?
Der Streit ist festgefahren, das erinnert schon ein wenig an den Streik der Lokführer. Die Enttäuschung der Lehrer ist groß, denn sie haben seit Jahren das Gefühl, auf einer Dauerbaustelle zu arbeiten. Die versprochene Rückzahlung des Arbeitszeitkontos wurde als Abmilderung dieses Chaos’ empfunden. Die Arbeitszeiterhöhung löst nebenbei bemerkt auch keine Probleme in der Unterrichtsversorgung, sondern führt zu neuen Problemen. Einige Schulen, die schon vorher eine gute Ausstattung im Fachunterricht hatten, haben jetzt eine noch bessere. Doch eine Schule, die 108 Prozent Unterrichtsversorgung hat, aber 40 Kilometer vom nächsten Gymnasium entfernt liegt, kann ihren Überfluss nicht abgeben. Der Ausgleich funktioniert dann nur in der Statistik: Da haben dann alle Gymnasien im Schnitt über 100 Prozent Unterrichtsversorgung.

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Die Gymnasien haben noch eine weitere Baustelle: Die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren. Wie sehen Sie das?
Die Diskussion um G 8 und G 9 ist damals sehr emotional geführt worden, und es hat auch unter den Direktoren der Gymnasien eine große Mehrheit für eine Rückkehr zu G 9 gegeben. Inzwischen hat sich dieser Blick aber verändert, weil immer deutlicher wird, dass dieser Schritt strukturelle Probleme mit sich bringt. Die Euphorie über das Abitur nach 13 Jahren ist vorbei.

Zur Person

Wolfgang Schimpf ist Vorsitzender der Niedersächsischen Direktorenvereinigung (NDV). Die NDV vertritt die Interessen der Direktorinnen und Direktoren der niedersächsischen Gymnasien. Ihr gehören 201 Schulleiter der öffentlichen Gymnasien an. Schimpf ist Schulleiter am Max-Planck-Gymnasium in Göttingen.

Können Sie das erläutern?
Es sind viele Details, die Schwierigkeiten machen. Ein Beispiel: Wir arbeiten mittlerweile viel häufiger als früher mit Doppelstunden, was sich als pädagogisch sehr sinnvoll herausgestellt hat. Dadurch aber, dass die Stundenzahl der Fächer jetzt von acht auf neun Jahre gestreckt wird, kommt es dazu, dass einige Fächer in mehreren Jahrgängen nur noch mit einer Stunde pro Woche eingeplant sind. Da können Sie keine Doppelstunden geben. Oder auch die Schulbücher: Die sind auf G 8 ausgerichtet.

Was wäre die Alternative gewesen?
Vielleicht wäre es besser gewesen, G  8 zu entschlacken. Man hat jetzt im Grunde den gleichen Fehler gemacht wie 2004, als man erst den Beschluss gefasst hatte, die Zeit am Gymnasium um ein Jahr zu kürzen und sich dann um die Details gekümmert hat. Auch diesmal ist erst die grundsätzliche Entscheidung getroffen worden, ohne die Schwierigkeiten zu antizipieren oder sich um die Folgen Gedanken gemacht zu haben.

Manche Lehrer fordern bereits, die ewigen Strukturdebatten in der Schulpolitik zu beenden und die Schulen einfach arbeiten zu lassen. Sehen Sie das auch so?
In Nordrhein-Westfalen gibt es seit 2011 einen Schulkonsens, dass es bis 2023 keine Strukturveränderung in der Kultuspolitik mehr geben soll. Wir befürworten das uneingeschränkt. Wir könnten ein Stillhalteabkommen zwischen den Parteien in Niedersachsen gut gebrauchen, um endlich aufzuarbeiten, was die verschiedenen Reformen bewirkt haben.

Nachdem Schüler eines Gymnasiums in Brake unlängst gegen Schulministerin Frauke Heiligenstadt demonstrierten, wurde der Schulleiter von der Landesschulbehörde zum Dienstgespräch bestellt. Ist das ein Einzelfall oder kommt das häufiger vor?
Allein, dass dieser Fall zu einer Aktuellen Stunde im Landtag geführt hat, zeigt, dass es sich um einen außergewöhnlichen Vorgang handelt. Das ist meines Erachtens nicht der Normalfall im Umgang mit Schulleitern. Es gibt offenbar Gründe, dass sowohl das Kultusministerium als auch die Landesschulbehörde überreagiert hat. Die Ansprüche, die an uns Schulleiter gestellt werden, was ein professionelles Konfliktmanagement angeht, habe ich hier nicht verwirklicht gesehen. Mir ist auch kein Fall bekannt, in dem ein Schulleiter gleich mit fünf Dezernenten konfrontiert werden sollte. Damit wollte man offensichtlich jemanden einschüchtern, das hat schon den Charakter eines Tribunals.

Welche Rolle hat das Ministerium dabei gespielt?
Man wird sicherlich konstatieren müssen, dass es erhebliche Kommunikationsprobleme gegeben hat. Wenn die Ministerin immer wieder sagen muss, dass sie nicht eingebunden war, dann sehe ich das nur bedingt als Entschuldigung. Mit modernen Kommunikationsmitteln muss man eine Ministerin eigentlich immer auf dem Laufenden halten können.

Geht die Schulbehörde zu restriktiv mit Meinungsäußerungen von Schulleitern um?
Das kann ich so nicht bestätigen. Wir Direktoren machen sicherlich unterschiedliche Erfahrungen, und vieles ist auch von einzelnen Personen abhängig, aber dass man grundsätzlich restriktiv mit Schulleitern umgeht, das sehe ich nicht. Die Landesschulbehörde ist eine Aufsichtsbehörde, und deshalb muss sie Dienstgespräche führen können.

15.000 Stimmen gegen Stundenkürzungen

Zu wenig Musik: Mit Posaunen und Trompeten haben rund 150 Musik-, Kunst- und Theaterlehrer aus ganz Niedersachsen am Dienstagnachmittag bei einer Protestaktion vor der Staatskanzlei noch mal ihrem Unmut über Stundenkürzungen Luft gemacht. Sie übergaben eine Online-Petition mit rund 15 000 Unterschriften an Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). Im Zuge der Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren an den Gymnasien werde Musik in den Jahrgängen acht bis zehn nur noch einstündig unterrichtet, kritisierte Hartmut Geiling vom Verband Deutscher Schulmusiker.

Besonders bedauerlich sei es, dass für die Fächer Kunst, Musik und Darstellendes Spiel im elften Jahrgang, kurz vor der Oberstufe, zusammen nur zwei Stunden vorgesehen seien. „Kunst und Musik werden zu echten Nebenfächern degradiert“, sagte Daniel Simons von der IGS Roderbruch in Hannover.

Saskia Döhner

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