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Niedersachsen Die Kandidatin mit dem Hillary-Effekt
Nachrichten Politik Niedersachsen Die Kandidatin mit dem Hillary-Effekt
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13:37 10.01.2012
Von Michael B. Berger
Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder und seine Frau Doris am 31. August 2009 auf dem Opernplatz in Hannover. Quelle: dpa
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Hannover

Sie hatte schon mal einen Schreibtisch im Kanzleramt. Der Raum war extra für Doris Schröder-Köpf eingerichtet worden, damals, als ihr Mann Bundeskanzler wurde. Nicht, weil die Eheleute einander in ihrer noch jungen Ehe ständig nahe sein wollten, sondern weil Doris Schröder-Köpf immer ihren eigenen Kopf hatte. Den wollte sie einsetzen, auch als Kanzlergattin. Von diesem Schreibtisch aus hat sie zum Beispiel die „Nummer gegen Kummer“ mitorganisiert, ein Sorgentelefon für Kinder in Not. Und sie hat ein Buch geschrieben für Kinder und Jugendliche: „Der Kanzler wohnt im Swimmingpool oder: Wie Politik gemacht wird“.

Der Kanzler wohnt längst in einer hübschen Villa in Hannover-Waldheim. Und die Politik will die Autorin jetzt selbst machen. Nicht als „die Frau an seiner Seite“, sondern als gewählte Abgeordnete der SPD im niedersächsischen Landtag.

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Kaum machte die erste Nachricht die Runde, dass die 48-jährige Frau von Gerhard Schröder nach einem politischen Mandat strebt, witzelten die Ersten über „Niedersachsens Hillary“. Der Vergleich ist eigentlich ein Kompliment. Nach langen Jahren, in denen sie ihre eigenen Ambitionen zugunsten derer ihres Mannes zurückgesteckt hat, hat Hillary Clinton als Senatorin und US-Außenministerin eine beeindruckende Karriere hingelegt.

Den Clintons ist Schröder-Köpf als Frau des Bundeskanzlers begegnet. Sie kennt Gott und die Welt, zumindest einen seiner Stellvertreter auf Erden, Papst Benedikt XVI. Jacques Chirac soll von ihrem Charme ganz hingerissen gewesen sein, Wladimir Putin zählt zu den persönlichen Freunden der Schröders. Und nun der Wahlkreis 24 (Hannover-Döhren).

„Sie ist persönlich bescheiden geblieben, eine Sozialdemokratin mit Herzblut“, schwärmt Bernd Rödel, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Kirchrode, Bemerode, Wülfel. Er ist einer von vierzig Männern und Frauen, die Mitte März darüber entscheiden werden, ob Doris Schröder-Köpf bei der Landtagswahl 2013 für diesen Wahlkreis kandidieren kann.

Die SPD-Landtagsfraktion konnte sich am Montag der Anfragen von Nachrichtenagenturen und Talkshows kaum erwehren. Die Bewerberin selbst hielt sich bedeckt. „Aus Respekt vor den Parteigremien will sie sich erst später zu ihren Absichten äußern“, teilte Stefan Schostok, der Vorsitzende der Landtagsfraktion, mit. Denn noch liegen vor Schröder-Köpf mehrere Vorstellungsrunden in Hannover. Am Montagabend etwa im Freizeitheim Döhren, morgen im Stadtteil Kirchrode.

Noch ist nicht ausgemacht, ob die SPD-Basis, mit der ihr Mann in seinen späten Amtsjahren zuweilen seine liebe Mühe hatte, Doris Schröder-Köpf als künftige Abgeordnete überhaupt will. Denn die Sozialdemokratin ohne kommunales Mandat tritt gegen eine altbewährte Landtagsabgeordnete an, gegen Sigrid Leuschner (60). Die ist zwar nicht sehr prominent, dafür aber im hannoverschen Klein-Klein bestens vernetzt. „Die kennt doch jede Kinderkrippe und jedes Altenheim“, heißt es. Die frühere Gewerkschaftssekretärin gilt als solide Arbeiterin, fleißig, präsent, doch ohne große Auftritte im Landtag. Den Ruf, fleißig und engagiert zu sein, hat auch Doris Schröder-Köpf – zumindest bei denen, die die gebürtige Bayerin näher kennen.

Seit gut 15 Jahren lebt Schröder-Köpf, die 1996 erstmals öffentlich gemeinsam mit Gerhard Schröder fotografiert wurde und 1997 den damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten heiratete, in Hannover. Sie sei bereits vor der Landtagswahl 2008 gefragt worden, ob sie in Niedersachsen kandidieren wolle, heißt es in der Partei. Damals habe sie jedoch abgewinkt – vor allem wegen der beiden aus Russland stammenden Adoptivkinder, der jetzt zehnjährigen Viktoria und des sechsjährigen Gregor. Doch jetzt lassen die Kinder ihr mehr Zeit, die Tochter Klara aus einer früheren Beziehung, die sie in den ersten Jahren als Alleinerziehende betreute, ist längst erwachsen. Jetzt bricht die Lust an der Politik wieder durch.

Bei der „Augsburger Allgemeinen“ hat sie vor ihrer Ehe gearbeitet, bei „Bild“, bei „Focus“ und später, in Hannover, für kurze Zeit bei „Radio Antenne“. Mit Rücksicht auf ihren Mann hat sich die politische Journalistin 1998 von allen beruflichen Tätigkeiten zurückgezogen. Einem gewissen Frust mag es geschuldet gewesen sein, dass sie sich später mit einem von ihr entworfenen Adventskalender für Hunde, inspiriert vom Kanzlerhündchen Holly, ein bisschen in die Nesseln setzte. Als Schirmherrin diverser Kinder- und Jugendprojekte aber wirbt sie seit Jahren erfolgreich um Aufmerksamkeit und Spenden. Auch das Entgelt für ihr Aufsichtsratsmandat bei der Karstadt AG spendet sie angeblich. Aber ihr wahres Interesse hat sie nie ganz geleugnet: Während der Kanzlerschaft Schröders (1998 bis 2005) galt sie als Beraterin ihres Mannes. „Doris sagt das auch“, hat der gern gesagt, und eingeräumt, dass er ihren Rat schätzt.

Schröder-Köpf will nun in dem Wahlkreis antreten, in dem sie auch mit ihrem Mann Gerhard wohnt – in einem Wahlkreis, der vor allem bürgerliche bis großbürgerliche Wohnviertel hat. Hier hat das Landtagsmandat bei den letzten beiden Wahlen zweimal der Rechtsanwalt Dirk Toepffer „direkt“ erobert, der auch Hannovers CDU-Chef ist. Sozialdemokraten, die auf Schröder-Köpf setzen, finden es reizvoll, dem Anwalt Toepffer „eine so prominente Gegenkandidatin“ vor die Nase zu setzen. Toepffer selbst will sich dazu nicht groß äußern: „Das sollen mal die Sozialdemokraten unter sich entscheiden.“ Beide Kandidatinnen seien „nette Frauen, von denen die eine landespolitisch noch nicht sonderlich aufgefallen ist“.

„Keiner sollte denken, das Rennen sei bereits gelaufen“, betont demgegenüber der hannoversche Bezirksbürgermeister Rödel (SPD). Denn die Prominenz, die die Frau des ehemaligen Kanzlers habe, könne Segen wie Fluch bedeuten. Er persönlich finde, „frischer Wind“ tue den Sozialdemokraten gut, sagt Rödel, aber er bekundet auch hohen Respekt vor der derzeitigen Landtagsabgeordneten Leuschner. Die erfuhr erst am Donnerstagabend, dass sie in Schröder-Köpf eine Mitbewerberin um den Wahlkreis hat, über dessen Besetzung fünf SPD-Ortsvereine zu entscheiden haben. „Wir werden uns einen fairen Wettkampf liefern“, sagt sie. „Frau Schröder-Köpf ist eine anerkannte Person, die einen hohen Bekanntheitsgrad hat, aber ich habe auch etwas zu bieten.“

Der Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2013, Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil, der sich am Montag auf der Rückreise aus Chile befand, freut sich über das Interesse von Schröder-Köpf. „Sie verfügt über eine große politische Erfahrung, viel Sachverstand und kann gut auf Menschen zugehen“, gab Weil aus der Luft zu Protokoll. Aus Sicht der SPD sei es ein gutes Signal, dass sich zwei kompetente und sympathische Frauen um das Mandat bewürben. Eine klare Empfehlung gab der diplomatische Weil nicht ab.

09.01.2012
09.01.2012