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Niedersachsen Diether Dehm - Rüpel mit politischem Feingespür
Nachrichten Politik Niedersachsen Diether Dehm - Rüpel mit politischem Feingespür
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12:52 20.11.2010
Von Klaus Wallbaum
Dieter Dehm übergibt sein Amt als Vorsitzender der Linken in Niedersachsen an den linksradikalen Manfred Sohn.
Dieter Dehm übergibt sein Amt als Vorsitzender der Linken in Niedersachsen an den linksradikalen Manfred Sohn. Quelle: dpa
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Ohne Provokation geht bei ihm nichts, und so hat Diether Dehm noch vor wenigen Tagen in einem Abschiedsbrief an die „lieben Genossinnen und Genossen“ gegenüber dem Landesvorstand der Linken kräftig ausgeteilt. Ein Seitenhieb auf die „Karrierespekulierenden“ war auch dabei. Aber die niedersächsischen Parteifreunde, die ihn in den vergangenen sechs Jahren als Landesvorsitzenden oft mehr ertragen als verehrt haben, gehen gnädig mit solcher Schelte um. So ist er eben. Heute sagt der 60-Jährige der aktiven Parteipolitik Lebewohl.

Es geht der Landesvorsitzende Diether Dehm, der Dramaturg und Entertainer, es kommt sein Vertrauter Manfred Sohn aus Peine, bisheriger Chef der Landtagsfraktion. Sohn kann gut reden und charmant auftreten, aber im Vergleich zu Dehm ruht in ihm, dem früheren DKP-Funktionär, ein zutiefst systemfeindlicher Kern. In einem vor wenigen Wochen geschriebenen Aufsatz preist Sohn die außerparlamentarischen Bewegungen an, die die Abgeordneten unter Druck setzten sollten, rechtfertigt das alte marxsche Ziel der Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln und beklagt sich, dass die Linke bisher „nicht in der Lage ist, die Medienlandschaft umzupflügen“. Auf den schillernden Dehm folgt also der Ideologe Sohn.

Ob der neue Chef in der Partei so gut gelitten sein wird wie der alte? Es war gerade die Aura der Ausnahmeerscheinung, die ihn so stark hat werden lassen. Dehm war eigentlich immer schon Politiker, Künstler und Geschäftsmann zugleich. Sein Lebenslauf ist auch dreigeteilt: In den siebziger Jahren singt er Protestlieder, engagiert sich in der Frankfurter SPD, am linken Rand der Partei, nennt sich „Lerryn“ – eine Mischung aus Larry und Lenin. Er wirkt an der Seite von Günter Wallraff, organisiert Konzerte „Rock gegen rechts“ und textet Lieder, die bis heute Ohrwürmer geblieben sind – „Was woll’n wir trinken, sieben Tage lang“, „Tausendmal berührt“ oder die SPD-Hymne „Das weiche Wasser bricht den Stein“. Stasi-Vorwürfe werden gegen ihn laut, bis heute aber ist nicht bewiesen, ob die Dienststellen in der DDR ihn nicht abgeschöpft hatten. Als er sich 1977 für Wolf Biermann ausspricht, beendet der DDR-Geheimdienst den Anwerbeversuch.

Als Musikmanager mehrt sich sein Erfolg immer stärker, aber in der SPD bringt er es nicht weit. 1998 verlässt er die Partei, schließt sich der PDS an und wird im folgenden Jahr stellvertretender Bundesvorsitzender. Er manövriert sich ins Abseits, scheitert 2003 bei der Wiederwahl in den Vorstand. Im nächsten Jahr dann übernimmt er die Führung des damals noch kleinen niedersächsischen Landesverbandes der PDS, eines in sich tief zerstrittenen Häufleins.

Dehm, der zum Flügel der „Sozialistischen Linken“ gehört und von einem breiten linksradikalen Oppositionsbündnis träumt, schafft einen Burgfrieden mit den Realos, die in der PDS einen möglichen Partner für SPD und Grüne sehen. Gleichzeitig paktiert er mit der orthodox-kommunistischen DKP, was ihm später parteiintern Probleme bringt. Doch wirklich gefährlich werden seine strategischen Winkelzüge für ihn nicht, denn politisch geht die Rechnung auf: Im Februar 2008 erreicht die niedersächsische Linke bei der Landtagswahl 7,1 Prozent, das bisher beste Ergebnis in einem westdeutschen Flächenland. Der unerwartete Erfolg festigt seine Stellung unter den mittlerweile 3500 Mitgliedern des Landesverbandes, und seine Kritiker sehen über die Macken und seinen eigenwilligen, manchmal machohaften Stil hinweg.

Das Sprücheklopfen ist seine Sache immer gewesen. In jüngster Zeit wurden seine oft unbedachten Äußerungen derber. „Ist mir so rausgerutscht“, pflegt er dann zu antworten. Vor dem Landtag sagt er „Affenarsch“ in Gegenwart eines Polizisten. Eine Beamtenbeleidigung? Dehm behauptet später, seinen Genossen Manfred Sohn gemeint zu haben. Vor der Bundespräsidentenwahl Ende Juni vergleicht Dehm die Bewerber Wulff und Gauck mit Stalin und Hitler, erregt damit erheblichen Unmut und rudert später zurück.
In Zukunft will Dehm noch mehr Romane schreiben, er arbeitet an der Gründung eines linken Fernsehsenders. Derweil wird sein Nachfolger Sohn beweisen müssen, ob er den Landesverband ähnlich gut zusammenhalten kann.

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