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Niedersachsen Freispruch – und jetzt?
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00:15 02.03.2014
Er kann wieder lächeln: der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff nach seinem Freispruch im Korruptionsprozess. Quelle: Reuters
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Hannover

Nun lächelt er, scheint befreit von einer Riesenlast, freut sich, stellt sich den zahlreichen Kameras vor dem Landgericht. „Ich bin natürlich sehr erleichtert, dass sich das Recht durchgesetzt hat“, sagt Christian Wulff, der Freigesprochene – und dankt allen, die in den vergangenen zwei Jahren zu ihm gehalten haben. Er wolle künftig auch jenen „etwas zurückgeben, die es noch schwerer hatten als ich“, sagt Wulff. Und verlässt den Gerichtsplatz mit seiner erwachsenen Tochter Annalena, um den fünf Jahre alten Sohn Linus aus dem Kindergarten abzuholen.

Schon nach 14 Prozesstagen ist Christian Wulff wieder ein wirklich freier Mann. Richter Frank Rosenow, der bereits kurz vor Weihnachten klar erkennen ließ, dass er nicht mehr an die Schuld des Angeklagten glaubte, ermahnt die Medien, nun nicht in Freispruch erster oder zweiter Klasse zu unterscheiden. „Es gibt nur schuldig oder nicht schuldig“, sagt er. Nichts dazwischen. „Man ist auch nicht ein bisschen schwanger.“ In seiner knapp einstündigen Urteilsbegründung zerpflückt er die Indizienkette der Staatsanwaltschaft so, dass einer der beiden Wulff-Verteidiger später sagen wird, dies sei ein Urteil „wie in Stahl gegossen“.

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Zwei Jahre nach dem Rücktritt als Staatsoberhaupt wurde Christian Wulff vom Vorwurf der Vorteilsannahme entlastet. Das Landgericht sprach ihn Ende Februar frei. Der letzte Prozesstag in Bildern.

Ob der Anwalt Bernd Müssig damit recht behalten wird? Bei der Staatsanwaltschaft ist keineswegs entschieden, ob sie nicht doch Rechtsmittel einlegen wird. Denn Richter Rosenows fast rhetorische Frage, ob es wirklich vorstellbar sei, „dass sich ein Ministerpräsident für Peanuts kaufen lässt“, wurde von der Staatsanwaltschaft bislang mit einem klaren Ja beantwortet. Sie fanden, dass Wulffs enge Kontakte zum Filmfinanzier David Groenewold schon den bösen Anschein möglicher Käuflichkeit erwecken konnten. Oberstaatsanwalt Clemens Eimterbäumer und seine Kollegin Anna Tafelski lassen sich an diesem Tag nicht in die Karten schauen, wie sie auf den Freispruch reagieren wollen. Regungslos verfolgen sie die Urteilsverkündung. Auch die Spitze des Richters, er habe noch nie erlebt, dass eine Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer auf einen Strafantrag verzichtet habe, nehmen sie regungslos auf.

Draußen vor dem Landgericht brandet unter den zahlreichen Zuschauern Beifall auf, als Wulff ins Freie tritt. Ein Aktionskünstler, der sich „Cosmo du Mont“ nennt und in einer Phantasieuniform auftritt, bietet mit Deutschlandfahnen gespickte Pferdeäpfel an – „für den Mist, den die Staatsanwaltschaft verursacht“. Deren Vertreter lehnen die stinkende Gabe ab. Wen wundert’s.

Es ist gut möglich, dass das gestern zum zweiten Mal binnen gut zwei Jahren ein Tag für Wulff war, der sein Leben in ein Davor und ein Danach trennt. Doch wie kann das Danach aussehen? Wo ist der Platz eines so jungen Altbundespräsidenten nach einem Rücktritt? Und was ist ein Freispruch wert, wenn viele mit dem Freigesprochenen vor allem doch das verbinden, was ihm vorgeworfen wurde?

„Als moralischer Mahner, wie andere Altbundespräsidenten, kann Wulff schlecht auftreten“, sagt der Politikberater Michael Spreng. Das Strafrecht sei nur eine Seite der Medaille: „Ansehen lässt sich nicht auf Knopfdruck wiederherstellen. Man kann es nur Schritt für Schritt wiedergewinnen.“ Der Weg zurück in eine wie auch immer geartete öffentliche Rolle werde für Wulff nicht leicht, prophezeit Spreng. Zu groß sei seine Fallhöhe gewesen, zu tief sein Sturz. Und wie soll eine soziale Rehabilitation auch aussehen, wenn jemand das höchste Staatsamt verloren hat? Wenn zur Karriere noch die Ehe ruiniert und das Haus verkauft ist?

„Wulff muss die Chance bekommen, eine Aufgabe zu erfüllen, bei der er seine Qualifikationen einbringen kann“, sagt Prälat Felix Bernard, der Leiter des Katholischen Büros Niedersachsen. Der Priester aus Osnabrück kannte Wulff schon, als dieser dort noch im Stadtrat saß. „Jetzt sind alle gefragt, die ihn in die dunkle Ecke gestellt haben“, sagt er. „Sie sind jetzt auch dafür mitverantwortlich, ihn wieder herauszuholen und ihm eine Lebensperspektive zu geben.“

Finanziell dürfte Wulff dank seines Ehrensolds von rund 200 000 Euro abgesichert sein. Doch einen Lebensinhalt schafft das Geld nicht, und es repariert auch einen Ruf nicht. Politikberater Spreng empfiehlt Wulff ein Engagement im sozialen Bereich: „Vielleicht kann er ja an das anknüpfen, was von seiner Amtszeit bleiben wird – an den Satz, dass der Islam zu Deutschland gehört“, sagt Spreng. Wulffs Anwalt dementierte gestern allerdings, dass Wulff künftig in einer großen Wirtschaftskanzlei anheuern und sich um türkische und arabische Klienten kümmern könnte. Gleichwohl wünschen sich viele Migranten ein Comeback Wulffs.

Von der Inanspruchnahme eines günstigen Privatkredits über kostenlose Urlaube bei Unternehmern bis zur staatlichen Mitfinanzierung einer umstrittenen Lobby-Veranstaltung: Bundespräsident Christian Wulff wurde vielen Vorwürfen ausgesetzt. Geblieben ist wenig.

„Das schlimmste wäre es, wenn er sich jetzt in die Pose der verfolgten Unschuld werfen oder öffentlich triumphieren würde“, sagt Michael Spreng. Tatsächlich läuft das Comeback von angeschlagenen Politikern ja oft nach der gleichen Choreografie ab: Der Rücktritt geht mit öffentlicher Reue einher, es folgt eine Zeit der Buße, und am Ende kann die Öffentlichkeit Vergebung gewähren und Gestrauchelten eine zweite Chance geben. Das war bei Cem Özdemir so, der 2002 nach einer Bonusmeilen-Affäre als Grünen-Fraktionssprecher zurücktrat und heute Parteichef ist. Und bei Hannovers früherer Landesbischöfin Margot Käßmann, die vier Jahre nach ihrer Trunkenheitsfahrt als Luther-Botschafterin wieder großen Respekt genießt.

Wulff hingegen hat schon im Moment seines Rücktritts gesagt, dass die Klärung der Vorwürfe „zu einer vollständigen Entlastung“ führen werde: Er habe sich stets korrekt verhalten. Über den gesamten Prozess hinweg war er felsenfest überzeugt davon, recht zu haben – und recht bekommen zu müssen. Davon hing für ihn nicht weniger ab als die Deutungshoheit über seine eigene Person.

„Reue? Wofür? Dafür, dass er Dinge nicht getan hat, die ihm ungerechtfertigterweise vorgeworfen werden?“, fragt Diether Dehm. Der streitbare Linken-Politiker lernte Wulff erst näher kennen, als dieser am Boden lag. Im Sommer lud er Wulff mit einigen Sängern und Literaten für ein paar Tage auf sein Anwesen am Lago Maggiore ein. Man trank Rotwein, sang abends gemeinsam zu Klavier und Gitarre, und nach dem Essen wusch auch Wulff mit ab. Die ungleichen Politiker kamen sich näher. Es gehört wohl zu Krisen, dass alte Freundschaften zerbrechen – und sich unter Umständen neue ergeben.

„Er hat sich kritisch über Banken und mutig über den Islam geäußert“, sagt der Linke über den Christdemokraten. Schnell schiebt er nach: „Für CDU-Verhältnisse.“ Wie viele Wulff-Freunde prangert auch Dehm eine „Hexenjagd“ an, eine „Medienkampagne“. An den Fingern zählt er die Vorwürfe auf, die alle nach und nach zerbröselt sind: Sylt-Urlaube, Hauskredit, Bobbycar. „Alles erstunken und erlogen“, schimpft Dehm. Er hat mit Wulff schon im Sommer darüber gesprochen, was dieser nach dem Freispruch tun kann: „Es könnte wohl eine parteiübergreifende ,Initiative für die Unschuldsvermutung‘ rauskommen, die gegen mediale Vorverurteilungen kämpft“, sagt Dehm. „In jedem Fall steht er heute stärker und integrer da als vor dem Rücktritt. Er kann anderen Angegriffenen Mut machen.“

Ein anderer Freund Wulffs ist da weniger optimistisch: „Es wird ein langer Weg, bis er wieder die Anerkennung findet, die er verdient hat“, glaubt der Liedermacher Heinz Rudolf Kunze. „Viele werden sich nicht umstimmen lassen in ihren Vorurteilen.“ Der Sänger ist mit Wulff seit vielen Jahren befreundet: „Ich warte gespannt auf das Buch, das er nun schreiben wird“, sagt Kunze. „Wie ich ihn kenne, findet er genau den richtigen Ton. Und er braucht das auch für sich selbst.“

Was macht ...

... Bettina Wulff? Die Noch-Ehefrau Wulffs hat den Tag des Freispruchs in den Palästinensergebieten verbracht – mit deutschen Jugendlichen, für die Peter-Maffay-Stiftung. Die 40-Jährige, die in letzter Zeit häufiger mit dem Unternehmer Stefan Schaffelhuber gesehen wurde, betreibt heute eine eigene PR-Agentur. Mit ihren Söhnen Leander (10) und Linus (5) lebt sie noch in Großburgwedel.

... Olaf Glaeseker? Gegen den 52-Jährigen läuft noch ein Korruptionsprozess wegen des „Nord-Süd-Dialogs“ – im gleichen Saal, in dem auch Wulff als Angeklagter saß. Der einstige Präsidentensprecher lebt noch von seinem Übergangsgeld als Staatssekretär, er hat noch keinen neuen Beruf in Aussicht. Er will sich darum kümmern, wenn der Prozess abgeschlossen ist.

... das Ehepaar Geerkens? Egon und Edith Geerkens leben nach der Affäre Wulff so wie davor: ohne viel Aufsehen in der Schweiz. Das mit Wulff seit Osnabrücker Zeiten befreundete Paar hatte dem damaligen Ministerpräsidenten das Geld für den Hauskauf in Großburgwedel geliehen. Der als „väterlich“ beschriebene Kontakt Geerkens’ zu Wulff soll nach wie vor eng sein.

... David Groenewold? Der mit Wulff angeklagte Filmmanager ist gestern vom Vorwurf der Vorteilsgewährung freigesprochen worden. Er kann und muss nun sein berufliches Leben wieder aufbauen. Jüngst hatte der 40-jährige Wulff-Freund darüber geklagt, dass es wegen des Prozesses „gewisse Vorbehalte“ bei Geldgebern gebe. Seine Familie müsse ihn finanziell unterstützen.

... Lothar Hagebölling? Seit fast zwei Jahren ist der promovierte Jurist im einstweiligen Ruhestand. Der 61-Jährige tritt als Honorarprofessor an der Universität in Braunschweig auf, engagiert sich in der Stadt ehrenamtlich und ist auch als Gutachter gefragt. So hat er jüngst eine Studie zur Fusion von Wolfsburg und Helmstedt vorgelegt.

Von Michael B. Berger 
und Simon Benne

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