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Niedersachsen Enercon will mit Sprit sparenden Schiffen Seefahrt revolutionieren
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09:26 06.04.2010
Von Margit Kautenburger
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Mit dem „E-Ship-1“ lässt Enercon-Chef Aloys Wobben das erste wirtschaftlich genutzte Schiff der modernen Zeit bauen, das segeln kann.

Das ungewöhnlichste Schiff an der ostfriesischen Küste hat inzwischen das Dock der Emder Nordseewerke verlassen. Frisch gestrichen liegt es jetzt am Kai der benachbarten Cassens-Werft, wo es mit seiner ungewöhnlichen Antriebstechnik ausgerüstet wurde. Von hier aus soll es demnächst auf Probefahrt Richtung Nordsee gehen.

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E-Ship – das steht sowohl für „Ecology“ (Ökologie) als auch für „Experiment“. „Wir werden mit dem ,E-Ship‘ zeigen, dass sich mit den Segelrotoren im Schiffsverkehr viel Treibstoff einsparen lässt“, schwärmt Wobben. 30 bis 50 Prozent weniger Schiffsdiesel soll der auch äußerlich revolutionäre Frachter verbrauchen. Von Segeln ist an Bord des „E-Ship“ allerdings nichts zu sehen. Stattdessen ragen an Heck und Bug des ungewöhnlichen Gefährts vier 27 Meter hohe Zylinder mit einem Durchmesser von je vier Metern auf.

In den Zylindern versteckt sich eine Technik, die bereits vor etwa hundert Jahren entwickelt worden ist: der Flettner-Antrieb. In den vier Zylindern drehen sich Rotoren, die die Windkraft nutzen. Sie funktionieren nach einem Effekt, den der Physiker Gustav Magnus bereits 1852 nachgewiesen hat und den sich der geniale Erfinder Anton Flettner in den zwanziger Jahren zunutze machte: An den sich um die eigene Achse drehenden Zylindern strömt Seitenwind so geschickt vorbei, dass sich auf der Vorderseite ein Unterdruck aufbaut. Dadurch wird das ganze Schiff vorwärtsgeschoben. Den gleichen Effekt nutzen Fußballer für ihre „Bananenflanken“. Mit Drall geschossen, fälscht der Unterdruck die Flugbahn des rotierenden Balls zur Seite ab.

Das „E-Ship“ sei der modernste Segler der Welt, schwärmt Enercon-Chef Wobben. Warum aber nutzt Enercon nicht einfach große Segel? „Der Vorteil der Flettner-Rotoren ist ihr geringer Platzbedarf“, sagt Uwe Hollenbach, Abteilungsleiter bei der Hamburgischen Schiffsbau-Versuchsanstalt (HSVA). Bei gleicher Segelfläche sei ein Flettner-Schiff achtmal effektiver als ein Segelschiff und brauche erheblich weniger Personal. Aber die Technik hat auch Nachteile. So muss das „E-Ship“ wie ein herkömmliches Segelschiff kreuzen, um voranzukommen, was zeitaufwendig ist. Die Flettner-Rotoren sind daher nur Zusatzantrieb. Zwei konventionelle Dieselmotoren mit 3,5 Megawatt Leistung, die auch die Rotoren selbst zum Laufen bringen, bleiben die Hauptenergielieferanten.

Trotz dieser Einschränkungen findet Schiffbauexperte Hollenbach das Enercon-Experiment interessant. „In der Branche warten viele gespannt auf die Erfahrungen“, sagt der Entwickler. So müsse sich zeigen, ob das „E-Ship“ ebenso zuverlässig wie ein herkömmlicher Frachter sei. Bei der Geschwindigkeit könne es jedenfalls mithalten. Das Flettner-Schiff bringt es auf maximal 17,5 Knoten. Allerdings sei das System nicht für alle Schiffstypen geeignet. Auf Containerschiffen fehle der Platz für die Rotoren, auch auf einem Kreuzfahrtschiff werde man sich die Decks damit wohl nicht verbauen, vermutet Hollenbach. Am ehesten geeignet seien die Rotoren für Tanker oder Massenguttransporter mit freien Decksflächen.

Das letzte Flettner-Schiff in vergleichbarer Größe, die „Buckau“, überquerte 1926 den Atlantik. Doch die sparsame Technologie setzte sich nicht durch. Nur der bekannte französische Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau ließ sich Anfang der achtziger Jahre ein Forschungsschiff mit dem Namen „Alcyone“ bauen, das mit zwei Flettner-Rotoren rund ein Viertel seiner Antriebsenergie aus Wind gewinnen konnte.

Beim heutigen Ölpreisniveau könnte das „E-Ship“-Konzept jedoch Nachahmer finden. Um wirtschaftlich zu sein, müssten sich zusätzliche Segelsysteme in zwei bis drei Jahren amortisieren, sagen Experten. Entwickler von der HSVA sehen gute Chancen für eine Realisierung, wenn die Rohölpreise dauerhaft über 25 Dollar pro Barrel und die Kraftstoffeinsparungen durch die Segelanlagen mindestens bei 20 Prozent liegen. Enercon-Chef Wobben jedenfalls kann mit dem „E-Ship“ gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Er spart nicht nur Treibstoff, sondern kann seine Windanlagen auch recht werbewirksam zu den Kunden in Übersee bringen. Die Jungfernfahrt ist jetzt nach Ostern geplant.

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