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Niedersachsen Erbitterter Kampf um Straßen und Gleise im Wendland
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17:11 26.11.2011
Von Heinrich Thies
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Wendland

Metzingen ist eigentlich ein beschauliches Rundlingsdorf. Nicht mehr als 100 Einwohner wohnen in den Häusern, die sich dicht an dicht im Kreis aneinanderschmiegen. Während der Castor-Transporte aber verwandelt sich der Ort in der Nähe von Hitzacker regelmäßig in ein „Widerstandsnest“. Auch diesmal. Weit über tausend Atomkraftgegner haben allein Quartier auf dem Hof von Bauer Peter Timme bezogen. Wie eine Festung ist das Gelände mit Suppenküche und Zirkuszelt nach allen Seiten vor Polizeiangriffen geschützt – mit Eggen, Anhängern und anderem Agrargerät. „Wir müssen draußen bleiben“, steht auf einem Transparent, das einen Polizisten darstellt.

Trotzdem haben die Castor-Gegner in ihrem „Widerstandsnest“ in der Nacht zum Sonnabend Polizeibesuch bekommen. Sie rückten an mit Wasserwerfern, Räumfahrzeugen und einer Hundertschaft, machten Gebrauch von Schlagstöcken und Pfefferspray. „Wir haben ganz friedlich am Feuer gesessen, da sind sie auch schon mit ihren Wasserwerfern auf uns zugefahren und haben uns eingekesselt“, erzählt Kai (17) am Morgen danach. „Klar, dass danach von unserer Seite Flaschen und Steine geflogen sind.“ Der Gymnasiast kommt mit einer Gruppe aus Hamburg, die sich autonom nennt – für die Polizei ein Reizwort, das besonders in Metzingen mit etlichen Krawallen verbunden ist und daher erhöhte Alarmbereitschaft auslöst. In der Nacht habe man eine Straßenblockade verhindern wollen, heißt es. Die Atomkraftgegner bestreiten das.

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Kai ist bei dem Einsatz auf jeden Fall sehr nass geworden. So ging es auch anderen. „Wir haben getrieft vor Nässe. Zum Glück konnten wir unsere Sachen hier in den Häusern trocknen“, sagt der Schüler. „Die Leute sind alle sehr nett.“ In der Tat werden die angereisten Atomkraftgegner mit offenen Armen aufgenommen. Bauer Timme versorgt sie mit Brötchen, Kartoffeln und Gemüse und überlässt ihnen Scheunen und Schuppen. „Wir kämpfen gemeinsam um unsere Lebensgrundlagen“, sagt der Landwirt. In der Nacht allerdings habe er Angst bekommen. „Da haben sich vor unserem Haus Szenen wie im Bürgerkrieg abgespielt.“

Hoch her ging es auch in der Nachbarschaft. Als Polizisten in den Garten vordrangen, stellte sich der 17-jährige Jonathan Seide in den Weg. Ein Polizist habe ihm daraufhin Reizgas ins Gesicht gesprüht, berichtet seine empörte Mutter. „Ich habe gezittert vor Wut und Angst und bei der Polizei angerufen, um mich über diese Polizisten zu beschweren“, erzählt Maren Seide. Die Antwort: „Bleiben Sie im Haus.“

Für alle ist spürbar, dass die Polizei wesentlich schneller eingreift und rabiater vorgeht als in früheren Jahren. Selbst Pressevertreter bekamen dies zu spüren. Ein Journalist wurde von einem Hund gebissen, Kameraleute mit Schlagstöcken vertrieben.

Die harte Line zeigt sich auch am Sonnnabendnachmittag. Überall in den Wäldern entlang der Bahntransportstrecke zwischen Lüneburg und Dannenberg werden Atomkraftgegner eingekesselt, von berittenen Polizisten verfolgt und rüde zurückgedrängt. Denn aus ihrem Ziel machen sie kein Hehl: Sie wollen die Schienen besetzen und die elf Castoren stoppen, die unterwegs ins Zwischenlager Gorleben sind. Ausgerüstet mit Strohsäcken und warmer Kleidung haben sie sich schon am Morgen auf dem Weg gemacht – über Felder und Schleichwege. Zur gleichen Zeit kreisen Hubschrauber am Himmel, fahren Wasserwerfer auf, beziehen Hundertschaften Stellung.

Rund 15 Kilometer weiter auf einem großen Acker bei Dannenberg strömen unterdessen mehr als 25.000 Menschen zu einer Großkundgebung zusammen – unterstützt von 450 Treckern der „Bäuerlichen Notgemeinschaft“ mit Fahnen, Transparenten und großen gelben Anti-Atomkreuzen. „Alles Lüge“, ruft Wolfgang Ehmke, Sprecher der Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz, der johlenden Menge zu. Und der Anti-Atom-Veteran stellt noch einmal klar, dass der Atomausstieg der Bundesregierung aus seiner Sicht völlig unglaubwürdig ist und bei dem aktuellen Atommülltransport alle Bedenken und rechtlichen Vorgaben vernachlässigt wurden. In dieses Horn stößt auch die BI-Vorsitzende Kerstin Rudek: „Wir haben es bei diesem Atommüll mit der 44-fachen Strahlenbelastung von Fukushima zu tun“, sagt die sechsfache Mutter. „Dieser Castor-Transport ist illegal. Wo Recht zu Unrecht wird, ist Widerstand Pflicht.“ Applaus. Neben dem BUND-Bundesvorsitzenden Hubert Weiger („Gorleben ist geologisch nicht geeignet und sollte daher aufgegeben werden“) reiht sich auch DGB-Bezirkschef Hartmut Tölle in die Protestredner ein: „Die Menschen sind belogen und betrogen worden. Der Atomlobby scheint jedes Mittel recht zu sein.“

Während auf dem stürmischen Acker noch geredet wird, wird andernorts schon gehandelt. Bei Harlingen gelingt es, sogenannten Schotterern zu den hochgesicherten Gleisen vorzudringen, Steine zu entfernen und einen Schienenstrang zu verbiegen. Von Metzingen und Hitzacker brechen mehrere Tausend in Richtung Schienen auf, blockieren sie zu hunderten und liefern sich heftige Gefechte mit Polizisten. Auf dem Bahnhof Göhrde muss ein brennender Müllcontainer von einem Wasserwerfer gelöscht werden. Und auch die Treckerfahrer beschränken sich nicht aufs Demonstrieren. Im Anschluss an die Großkundgebung blockieren sie in bewährter Manier die Straße. In der Nacht werden vermutlich viele keinen Schlaf finden.

Doch die Organisatoren des Castor-Transports haben in diesem Jahr nicht nur mit den Demonstranten zu kämpfen, sondern auch mit dem Wetter. Ein Sturm droht das Umladen der Castoren auf Sattelschlepper in Dannenberg zu verzögern, so dass mit der Ankunft in Gorleben erst am Montag gerechnet wird.

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