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Niedersachsen Erste irakische Flüchtlinge landen in Hannover
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19:42 16.03.2009
Von Marina Kormbaki
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Die gerahmten Bilder an den Wänden von Haus 6 sollen ein Gefühl von Heimat vermitteln. Ein Foto zeigt eine blonde Kleinfamilie, wie sie im idyllischen Siebertal picknickt, auf einem anderen posiert ein Paar auf dem Marktplatz in Osterode. Es ist eine 20 mal 30 Zentimeter große heile Welt, so ganz anders als diejenige, die 2500 irakische Flüchtlinge in diesen Wochen verlassen, um ins Grenzdurchgangslager Friedland zu kommen.

Am 19. März sollen die ersten von ihnen auf dem Flughafen Hannover landen und von dort in den Süden Niedersachsens, nach Friedland, gebracht werden. Mitarbeiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge waren in jordanischen und syrischen Flüchtlingslagern unterwegs, um mit dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR aus 2,5 Millionen Irakern auf der Flucht diejenigen 2500 auszuwählen, die zumindest die nächsten drei Jahre in Deutschland verbringen dürfen.

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Das Grenzdurchgangslager in Friedland wird nur die erste Station der Irak-Flüchtlinge in Deutschland sein. Alle 14 Tage sollen rund 150 Iraker ins Lager kommen, zwei Wochen dort bleiben und anschließend in die ihnen zugewiesenen Kommunen bundesweit gebracht werden. In den langen, niedrigen Häusern 6, 7 und 9 sind die Zimmer bereits aufgeräumt, die Etagenbetten gemacht, und auch die Eimer zur Mülltrennung sind aufgestellt – die Gäste können kommen.

„Wir sind auf die Iraker vorbereitet“, sagt Leiter Heinrich Hörnschemeyer – „so weit es eben geht“, schiebt er hinterher. Denn in den vergangenen Jahren hat das Lager ausschließlich Spätaussiedler und jüdische Zuwanderer aus Gebieten der ehemaligen Sowjetunion aufgenommen. Um den Bedürfnissen der Iraker gerecht zu werden, stehen also einige Veränderungen an: Arabisch sprechende Dolmetscher werden eingestellt, Informationsschreiben an die rechtliche Situation der Iraker angepasst und weitere Integrationskurse eingerichtet.

Vor allem aber müssen die Mitarbeiter wissen, wie sie im Notfall mit kriegstraumatisierten Menschen umgehen. Denn die Menschen, die Asyl erhalten werden, gehören im Irak verfolgten religiösen Minderheiten an. Sie bedürfen besonderer medizinischer Hilfe, viele von ihnen werden alleinerziehende Frauen mit Kindern sein. Das Traumanetzwerk der Malteser Werke und Angehörige des niedersächsischen Flüchtlingsrates haben Helfer der auf dem Gelände tätigen Wohlfahrtsverbände in der Erstbetreuung traumatisierter Flüchtlinge geschult. „Sie sollen Symptome erkennen und den Handlungsbedarf abschätzen können“, sagt Thomas Heek, Leiter der Caritas-Stelle im Lager. In akuten Fällen würden die Flüchtlinge aber an Fachpersonal vermittelt.

Aus seiner Arbeit mit Flüchtlingen weiß Heek, dass sich Symptome eines Belastungssyndroms nicht sofort zeigen. Er vermutet deswegen, dass es bei den Beratungsgesprächen mit den Flüchtlingen vor allem um Formalitäten wie das Ausfüllen von Anträgen gehen wird. Was Heek jedoch Sorge bereitet, ist die Zukunft der Flüchtlinge. „Die Menschen leben teilweise seit Jahren im Exil, sie stellen sich auf ein Leben auf Dauer in Deutschland ein – bekommen allerdings nur eine auf drei Jahre befristete Aufenthaltserlaubnis“, sagt Heek. Was danach mit ihnen geschehe, sei offen.

Kai Weber vom niedersächsischen Flüchtlingsrat teilt diese Kritik und spricht von einem „symbolischen Akt“: „Gemessen an der Not der Flüchtlinge nimmt Deutschland aber zu wenige auf“, sagt Weber. Wer zu den Begünstigten zähle, könne in Friedland immerhin erst einmal zur Ruhe kommen.

Das Grenzdurchgangslager Friedland ist so etwas wie ein Dorf im Dorf. Die Unterkünfte, Kleiderkammern und Schulungsräume sind auf der einen Seite umgeben von einer Tongrube, auf der anderen Seite trennt sie lediglich ein moosbewachsener Jägerzaun von den beschaulichen Einfamilienhäusern Friedlands. Und wie es sich für eine intakte Dorfgemeinschaft gehört, grüßen die Bewohner freundlich, wenn sie einander in den Gassen zwischen den Lagerbauten begegnen. Die derzeit 550 Bewohner des Lagers, von denen 500 während ihres gesamten sechsmonatigen Integrationskurses dort leben, wissen, dass sie ihr „Dorf“ bald mit 150 immer wieder neu zugereisten Irakern teilen werden. „Dagegen hat hier bestimmt keiner etwas“, sagt Leiter Hörnschemeyer.

So werden die Kinder der Spätaussiedler gemeinsam mit irakischen Kindern im Kindergarten spielen, während ihre Eltern ein paar Häuser weiter in den Integrationskursen sitzen. Und zur Mittagszeit begegnen sich alle im großen Speisesaal. Dann wird es wahrscheinlich nicht mehr ganz so häufig Schmand auf hellem Brot geben – das haben die Spätaussiedler gerne auf dem Teller. „Wir sind gerade dabei, einen neuen Speiseplan zusammenzustellen, der auch den Geschmack der Iraker treffen soll“, sagt Hörnschemeyer. Er sieht sich und seine Einrichtung als Dienstleister. „Wir stellen uns so weit wie möglich auf die Wünsche der Flüchtlinge ein“, betont er. Deswegen studieren die Köche des Lagers zurzeit die Vielfalt arabischer Gewürze und die orientalische Art zu kochen.