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Niedersachsen Hamelns Ex-Landrat Tjark Bartels: „Ich wäre zerbrochen“
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Erstes Interview nach Rücktritt: Hamelns Ex-Landrat Tjark Bartels: "Ich wäre zerbrochen"

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11:26 08.01.2020
„Als wäre man selbst ein Akteur in der Missbrauchsaffäre“: Hamelns ehemaliger Landrat Tjark Bartels war wegen der Vorfälle auf einem Campingplatz in Lügde schweren Anfeindungen ausgesetzt. Quelle: Michael B. Berger
Hannover

Als Landrat von Hameln ist Tjark Bartels vor einigen Monaten zurückgetreten, auch weil er die persönlichen Vorwürfe nicht mehr ertragen konnte, die ihm im Zuge der Missbrauchsaffäre auf einem Campingplatz im benachbarten Lügde gemacht wurden.

Herr Bartels, wie war das damals?

Ich bin erkrankt, weil es schwer auszuhalten war, in Teilen der Öffentlichkeit gleichsam als Täter dazustehen, obwohl ich mich als Landrat um die Aufklärung der Vorwürfe bemüht habe – auch um mögliche Versäumnisse der eigenen Behörden. Ich wollte mich nicht verstecken, das hätte ich als schäbig empfunden. Aber die Art der Auseinandersetzung und die Massivität der Vorwürfe waren irgendwann so gewaltig, dass ich es nicht mehr aushalten konnte und krank geworden bin.

Was hat Sie an der Auseinandersetzung krank gemacht?

Belastend war bereits die Affäre selbst, aber das gehört zum Job. Belastend war, als Landrat plötzlich persönlich am Pranger zu stehen, als wäre man selbst ein Akteur in der Missbrauchsaffäre. Die Vorwürfe kamen nie von den etablierten Medien, aber diese haben für eine ausgeleuchtete Bühne gesorgt, dass die sozialen Medien mich zum Symbol und Angriffspunkt der Lügder Missbrauchsaffäre gemacht haben. Das geschah in einem Ausmaß und in einer Schnelligkeit, wie ich es in den Jahren zuvor bei anderen kommunalpolitischen Konflikten nicht erlebt habe – bis hin zu Morddrohungen. Das war irgendwann einfach viel zu viel, eine furchtbare Zeit.

Wie kamen diese Morddrohungen zu Ihnen?

Über Facebook und andere Medien. Der Grad der Beschimpfungen war unerträglich.

Lesen Sie auch: Burn-out: Landrat Bartels kündigt Rücktritt an

Sie sind ein sehr politischer Landrat gewesen, der Kontroversen gewohnt war und auch nicht gescheut hat, etwa über die Ausgestaltung des Bückebergs, einer früheren NS-Kultstätte, zu einem Dokumentationsort über die NS-Propaganda. Was war zuletzt anders?

Da hat es auch viele Diskussionen und Streit gegeben, der aber stets auszuhalten war, weil ich als die Person angegriffen wurde, die ich war. Ich habe auch andere Konflikte in der Kommunalpolitik etwa bei der Flüchtlingspolitik oder der Erdverkabelung erlebt, wo es hoch herging. Aber hier war es völlig anders. Plötzlich war ich der Sündenbock und wurde dem allgemeinen Pranger ausgeliefert. Das war nicht mehr auszuhalten. Heute bin ich meinem Körper dankbar, dass er die Notbremse gezogen hat. Ich wäre sonst daran zerbrochen.

Bereuen Sie den Schritt, nach sechs Jahren an der Spitze des Hamelner Landkreises den Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen eingereicht zu haben?

Nein. Dazu gab es keine Alternative. Sie können in so einem Amt, das einen Politiker mit Haut und Haaren fordert, nicht monatelang oder noch länger aussetzen. Ich habe diesen Schritt nach ärztlichem Rat tun müssen, für mich persönlich, für meine Gesundheit und für meine Familie.

„Ich habe diesen Schritt nach ärztlichem Rat tun müssen, für mich persönlich, für meine Gesundheit und für meine Familie“: Tjark Bartels (SPD) zog sich im Oktober vom Amt des Hamelner Landrats zurück. Quelle: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Zur Person

Tjark Bartels war von 2013 bis zum Oktober 2019 Landrat des Kreises Hameln. Davor war der Jurist Bürgermeister der Gemeinde Wedemark. Im Oktober 2019 trat Bartels nach heftigen Anfeindungen aus gesundheitlichen Gründen in den vorzeitigen Ruhestand. Er hatte sich in der Affäre um den vielfachen Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde zunächst vor seine Mitarbeiter gestellt. Später musste er aber feststellen, dass auch das Hamelner Jugendamt Fehler gemacht hatte. So wurde ein Kind dem Haupttäter zur Pflege übergeben, obwohl es Hinweise auf dessen mögliche Pädophilie gegeben hatte. Der Sozialdemokrat ist verheiratet und hat drei Kinder im Alter zwischen 16 und 21 Jahren. Pläne für seine berufliche Zukunft hat der 50-Jährige noch nicht.

Sie sind nicht der einzige Politiker, der sich plötzlich ungeheurem Hass ausgesetzt sieht und sich auch deshalb zurückzieht. Hat sich da etwas verändert in unserer Gesellschaft?

Ja, hat es. Politiker sind in immer kürzer werdenden Abständen Empörungswellen ausgesetzt, die immer höher werden und unsere Debattenkultur zerstören. Es geht nicht darum, kontrovers diskutierte Probleme sachlich zu lösen, sondern möglichst schnell Sündenböcke für dies oder jenes zu finden, auf denen sich dann eine künstlich und gezielt erzeugte Zorneswelle entladen kann. Dabei hilft diese Empörungskultur – wobei Kultur eigentlich schon ein falscher Begriff ist – gar nicht weiter. Sie lähmt die Gesellschaft und auch die einzelnen Akteure, sie schafft Strukturen, wie man sie vom Mobbing kennt.

Kann man heute Leuten noch empfehlen, sich in der Kommunalpolitik zu engagieren?

Es ist ein schöner Beruf, sich als Bürgermeister oder Landrat zu engagieren. Ich habe das mit Hingabe und politischer Leidenschaft getan, und es tut mir noch weh, es nicht mehr tun zu können. Aber wir müssen daran arbeiten, dass wir wieder zu einer differenzierenden und auch wertschätzenden Kultur kommen.

Haben sich in der Politik die Maßstäbe verschoben, wenn nur noch in Freund- und Feindbetrachtung abgeurteilt wird?

Das ist so, obwohl es nicht neu ist. Die Nationalsozialisten haben ihre Propaganda auf Ausgrenzung aufgebaut, auch davor und danach wird derzeit an vielen Stellen Europas Politik durch Populismus und Ausgrenzung betrieben. Neu ist aber die Schnelligkeit, mit der sich heute binnen Stunden Wutdebatten aufbauen. Fatal wird es, wenn reguläre, etablierte Medien in diese Wutwelt einsteigen, sich an diesen Debatten beteiligen – und auf der Empörungswelle mitreiten.

Haben Sie ein Rezept, wie mit solchen Hasswellen umzugehen ist?

Hätte ich das gehabt, wäre ich jetzt in einer anderen Situation. Ich glaube aber, dass ich aus dem letzten Jahr einiges gelernt habe, etwa im Umgang mit Burn-out-Symptomen oder Depressionen. Aber auf der politischen Ebene brauchen wir schon eine Kontrolle, wer was in das Netz stellt. In meinem persönlichen Fall ist immerhin ein Täter gefasst und auch verurteilt worden wegen Bedrohung. Es darf nicht sein, dass jemand im Internet zum Freiwild erklärt wird. Da müssen Staat und Gesellschaft einsteigen.

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