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Niedersachsen Familie sperrte 16-Jährige monatelang ein
Nachrichten Politik Niedersachsen Familie sperrte 16-Jährige monatelang ein
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21:36 06.11.2009
Von Hannah Suppa
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Nach Angaben der Staatsanwaltschaft in Braunschweig durfte das Mädchen die Wohnung im Landkreis Goslar nicht alleine verlassen und auch nicht mit Freunden oder der Familie telefonieren. Die 16-Jährige soll Medienberichten zufolge außerdem von dem 20-jährigen Sohn der Familie vergewaltigt und geschwängert worden sein. Der 16-Jährigen war es erst nach Monaten gelungen, ihre Eltern in der Eifel zu informieren. „Die verständigten dann die Polizei“, sagte ein Sprecher der Polizei in Goslar.

Die Befreiung des Mädchens hat bereits im Dezember 2007 stattgefunden. Der Fall kam aber erst jetzt durch einen Prozess vor dem Jugendschöffengericht in Goslar an die Öffentlichkeit. „Wir haben das damals nicht für ausreichend brisant gehalten, um es öffentlich zu machen“, sagt Silke Grimsel von der Staatsanwaltschaft in Braunschweig. Zudem habe man den Fall zurückgehalten, um das Opfer zu schützen. Vergleiche zu dem Fall Josef Fritzl oder zu der über acht Jahre lang entführten und missbrauchten Natascha Kampusch seien jedoch nicht angebracht, betonte Grimsel. Denn die 16-Jährige sei nicht vollständig isoliert worden und habe stets Zugang zu medizinischer Versorgung gehabt.

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Das heute 18-jährige Opfer sagte am Donnerstag vor dem stark bewachten Amtsgericht in Goslar über mehrere Stunden aus. Den beschuldigten Haupttäter habe sie demnach über Bekannte in der Eifel kennengelernt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sei sie zunächst freiwillig im Sommer 2007 mit dem vorbestraften jungen Mann zu ihm nach Bad Harzburg gekommen.

„Man hat sie dann aber nicht gehen lassen“, sagt Staatsanwältin Grimsel. So habe man ihr das Handy weggenommen und auch die SIM-Karte mit ihren gespeicherten Telefonnummern entfernt. Sie habe unter ständiger Beobachtung der Familie des damals 20-Jährigen gestanden. Medienberichten zufolge sei es täglich zu erzwungenen sexuellen Handlungen gekommen, dabei sei sie von dem mutmaßlichen Haupttäter geschwängert worden.

„Die junge Frau durfte nicht mehr weggehen, sie wurde gezwungen, zur Familie dazuzugehören“, sagt Detlev Rust, Direktor des Amtsgerichts Goslar. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft war sie in der Öffentlichkeit als Ehefrau des Sohnes präsentiert worden. Vor dem Jugendschöffengericht ist zunächst nur die in Montenegro geborene 38-jährige Mutter des mutmaßlichen Vergewaltigers angeklagt. Ihr wird die Mittäterschaft zur Bedrohung und Freiheitsberaubung vorgeworfen. Der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs ist kein Punkt in der Anklage gegen die Mutter, könnte aber Gegenstand einer weiteren Verhandlung gegen den Sohn werden.

Doch von dem fehlt derzeit jede Spur. Der Mann ist nach Angaben des Amtsgerichts Goslar auf der Flucht, möglicherweise befinde er sich im Ausland. Er wird mit Haftbefehl gesucht. Bereits 2006 stand der Gesuchte in einem ähnlichen Fall vor dem Amtsgericht Goslar. Er wurde damals zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und sechs Monaten wegen mehrfacher Freiheitsberaubung und Körperverletzung verurteilt.

Die Familie des Opfers hatte ihre Tochter 2007 als vermisst gemeldet. Die Polizei habe damals auch Ermittlungen aufgenommen. Der Familie war der Kontakt ihrer Tochter zu dem Bad Harzburger aber nicht bekannt gewesen, daher habe es auch keine Ermittlungen in diese Richtung gegeben. Die beiden kannten sich erst kurze Zeit. Nach Angaben der Braunschweiger Staatsanwaltschaft sei das Verhältnis der Familie zur jugendlichen Tochter zu der Zeit auch nicht sonderlich gut gewesen. Die Mutter des Haupttäters verweigerte am Donnerstag vor dem Jugendschöffengericht in Goslar die Aussage. Ihr Rechtsanwalt strebt einen Freispruch an. Das Verfahren wird am 20. November fortgesetzt, mit einem Urteil gegen die Mutter rechnet das Amtsgericht möglicherweise am 1. Dezember.