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Niedersachsen Fischer sehen sich in ihrer Existenz bedroht
Nachrichten Politik Niedersachsen Fischer sehen sich in ihrer Existenz bedroht
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19:02 28.06.2009
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Die Fischer sehen nicht zuversichtlich in die Zukunft. Quelle: Martin Schlüter
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Sie haben gefeiert an vergangenen Wochenende, zu Tausenden. Weltnaturerbe Wattenmeer – was für ein Titel! Von der holländischen Insel Texel bis zur Nordspitze der Insel Sylt, überall hat es Wattenmeerfeste gegeben. Im niedersächsischen Dorum haben sich 400 Jugendliche in ihre orangefarbenen Jugendfeuerwehrklamotten geschmissen, haben im Wattschlamm stehenden den Schriftzug „UNESCO“ geformt. Ein paar hundert Menschen haben drumherum einen symbolischen Wattwurm gebildet.

Die Schleswig-Holsteiner haben sich sogar zu der Behauptung verstiegen, „Wir sind Weltnaturerbe“. So stand es jedenfalls auf dem Banner, dass zur Feier der Unesco-Entscheidung vom Freitag am Leuchttumr Westerhever faltterte.

Gejubelt, so scheint’s, wird allerorten entlang der deutsch-niederländischen Wattenmeerküste. Allerorten? In Cuxhavens Fischereihafen hält sich die Begeisterung über die Aufnahme des Wattenmeeres in das Weltnaturerbe in sehr engen Grenzen. Schlimmer noch: Krabbenfischer Sören Karp empfindet es als regeltrechten Hohn, dass ein Nationalpark, dessentwegen er einen großen Teil seiner Fanggebiete verloren hat, nun auch noch mit den höchsten Weihen der Weltgemeinschaft gesegnet wird. Vom Nationalpark Wattenmeer zum Weltnaturerbe – dass sich daraus keine weiteren Einschränkungen für seinen Berufsstand ergeben sollen, wie behauptet wird, kann er nach seinen bisherigen Erfahrungen nicht glauben.

„Fischer zählen für die doch nicht“, schimpft der 41-jährige Kapitän, während er mit Lehrling Philipp an Bord seiner „Edelweiß“ Netze flickt. Schutz bedrohter Arten? Darüber kann der Mann mit der schwarzen Baseballkappe nur bitter lachen. „Wer schützt uns denn?“, entgegnet Karp. „Wer auf der Strecke bleibt, das sind doch wir Fischer. Seehunde, Seevögel und Grüne gibt’s in Massen, aber wir werden jedes Jahr weniger.“ Nur noch sieben selbstständige Fischer hätten sich in Cuxhaven gehalten. „Früher gab’s dreimal so viel.“ Auch er selbst habe seine Selbstständigkeit eingebüßt, sagt der Cuxhavener, der in der fünften Generation fischt. „Ich musste Insolvenz anmelden, meinen Kutter hat der Holländer übernommen. Mir gehört nichts mehr, ich fisch nur noch für Prozente.“

Und dann entrollt der Krabbenfischer eine fleckige Seekarte und erklärt die Ursachen seiner Misere. „Aus dem Hamburger Nationalpark rund um Neuwerk sind wir schon komplett rausgeflogen, und im niedersächsischen Nationalpark dürfen wir nur noch eingeschränkt fischen“, sagt der stämmige Mann. „Damit haben wir unsere traditionellen Fanggebiete verloren und müssen immer weiter rausfahren.“ Bis zu fünf Stunden sei er unterwegs sein, bevor er seine Netze auswerfen dürfe.

An der Pier hockt Karps 68 Jahre alter Vater und nickt resigniert. „Wir fischen heute nur noch im Elbegebiet, im Fahrwasser und am Rande davon“, sagt Gerhard Karp. „Weil die Strömung durch die Elbvertiefung stärker geworden ist, wird es da für uns Fischer mit unseren kleinen Kuttern immer gefährlicher.“ Fehle nur noch, dass es mal zu einem tödlichen Unfall komme. „Dann verbieten sie uns auch da noch zu fischen, und wir haben gar keine Fanggebiete mehr.“ Trotz seiner 68 Jahre wirft auch Karp-Senior noch die Netze aus. „Nicht weil er will, sondern weil er muss“, erklärt sein Sohn. „Von seiner Rente könnte der nicht leben.“

Christian Abel, Sprecher des niedersächsischen Nationalparks Wattenmeer, kennt die Klagen der Fischer. Abel bestätigt, dass die Hamburger in ihrem Nationalpark rund um Neuwerk ein generelles Fangverbot verfügt haben, betont aber, dass auf niedersächsischer Seite nur die Muschelfischerei stark eingeschränkt ist. Größere Probleme bereite den Fischern die Vertiefung der Fahrwasser und die Konkurrenz durch die Niederländer.

Auf „die Holländer“ ist auch Karsten Lange nicht gut zu sprechen, obwohl er im Unterschied zu Karp noch selbstständig fischt. „Die Holländer diktieren die Preise, die haben den Krabbenhandel hier in der Hand“, sagt der 40-jährige Kapitän auf dem Kutter namens „Hoffnung“. Während die Kosten für Gas und Öl ständig stiegen, seien die Krabbenpreise gesunken – bei stark rückläufigen Fängen. „Nach und nach werden so alle kaputtgemacht“, sagt Fischer Lange. „Am Ende übernehmen dann die Holländer auch unsere letzten Kutter für ‘n Appel und ‘n Ei.“

Kollege Sören Karp führt die Überlegenheit der Niederländer auf die technische Rückständigkeit der Deutschen zurück. „Unsere Flotte ist museumsreif, das Durchschnittsalter der Kutter liegt bei 33 Jahren“, sagt Karp. „Die Holländer fischen mit ihrem hochmodernem, schwerem Gerät alles weg. Da kommen wir nicht gegen an.“ Aus Sicht des Fischers sind die Naturschützer mit dafür verantwortlich, dass die deutschen Fischer den Anschluss verpasst haben. „Jede moderne Fangausrüstung ist doch für die schon ein Verbrechen gegen die Natur.“

Nein, die Fischer sehen keinerlei Grund, in den Jubelchor einzustimmen, der sich in Cuxhaven nach der Aufnahme ins Weltnaturerbe erhob. „Das hätte schon gar kein Nationalpark werden dürfen“, sagt Karp-Junior. „Das Watt ist nicht Natur, sondern durch Menschenhand entstanden, durch Deichbau und Landgewinnung. Und die Leute, die das gemacht haben, hat man als erste rausgeworfen.“