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Niedersachsen Flauger zieht sich aus Landespolitik zurück
Nachrichten Politik Niedersachsen Flauger zieht sich aus Landespolitik zurück
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06:15 26.04.2012
Von Klaus Wallbaum
Kreszentia "Tina" Flauger: Ausstieg aus der Landespolitik. Quelle: dpa
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Hannover

Viel gearbeitet, sagt Kreszentia Flauger, habe sie schon früher. Reichlich Termine habe es auch immer gegeben, und einen vollen Schreibtisch habe sie ebenfalls gehabt. „Das ist alles nicht neu.“ Allerdings sei eine Spitzenposition in der Politik vielleicht doch „eine andere Art von Stress“, meint die Fraktionsvorsitzende der Linken. Dieser Stress hat Flauger offenkundig krank gemacht, sie erlitt jetzt nach 2010 einen zweiten Hörsturz, konnte zeitweilig auf einem Ohr nicht mehr hören. Die 46-Jährige zieht die Reißleine, nimmt ein paar Wochen Auszeit und tritt bei der Landtagswahl in neun Monaten überraschend nicht mehr an. „Dieser Schritt fällt mir nicht leicht“, sagte sie mit ernster Miene. „Aber es muss sein.“

Stress in der Politik - dieses Phänomen war lange tabu im Landesparlament in Hannover. Jahrelang hatten die Politiker stets freundlich, aufnahmebereit und engagiert wirken müssen. Schwächen zu zeigen oder sich gar zurückzuziehen, hatte immer auch geheißen: angreifbar sein, sich den vielen Kritikern, innerhalb und außerhalb des eigenen Lagers, auszusetzen. Das sprichwörtliche „dicke Fell“, das sich Politiker zulegen mussten, ließ manche von ihnen im Laufe der Jahre abstumpfen. Psychischer Druck wurde verdrängt, einige flüchteten sich in Alkohol, bei anderen ging das Privatleben unter dem Druck des immerfort rotierenden Politikbetriebs in die Brüche.

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Bis zum vergangenen Oktober wurde im Landtag über solche Zusammenhänge nicht gesprochen. Dann aber geschah der Selbstmord des Grünen-Politikers Ralf Briese, der in seiner Fraktion besonders stark engagiert war und noch wenige Wochen vor seinem Tod im Parlament leidenschaftliche Reden gehalten hatte. Briese litt an Depressionen, nach Phasen der Tatkraft fiel er in ein tiefes Loch, wusste schließlich keinen Ausweg mehr. Eine Reihe von Abgeordneten kannte Brieses Probleme, kaum jemand konnte ihm helfen - zumal er selbst nach außen immer den Eindruck von großer Tatkraft und starkem Willen vermittelte. Umso unverständlicher war für viele in seiner Umgebung der Freitod. Der Fall Briese hat im vergangenen Herbst den Landtag geschockt, seither vergeht kaum eine Plenarsitzung, in der nicht irgendwo sein Name fällt und an sein Schicksal erinnert wird - verbunden mit der Ermahnung an alle Politiker, den auf ihnen lastenden seelischen Druck nicht zu verschweigen, sondern möglichst offen damit umzugehen. Notfalls solle man dazu öffentlich stehen.

Auch Flauger, die seit vier Jahren die Landtagsfraktion der Linken führt, sprach auf den Fall Briese an. Das „Krankmachende“ an der Landtagsarbeit sei ihr hier bewusst geworden. Die Linken-Fraktionschefin beschreibt diese Dinge so: Die Erwartungshaltung an Politiker sei vielleicht in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Man wolle von ihnen Antworten, und zwar sofort. Ständig müssten sie Auskunft geben, ständig auf der Höhe der Zeit sein und sich umfassend informieren. Die Wähler im Wahlkreis fordern von den Abgeordneten Rechenschaft, die Parteigremien abends und an Wochenenden ebenfalls. Noch dazu müssen die Abgeordneten mit teilweise heftigen Angriffen rechnen, die immer schärfer werden, je negativer und nachteiliger das öffentliche Bild der Politiker gezeichnet wird.

Einige Spitzenpolitiker haben Strategien entwickelt, damit umzugehen. Als Oppositionsführer Stefan Schostok (SPD) einen Todesfall in der Familie verkraften musste, zog er sich für einige Wochen zurück. Dies wurde allseits respektiert. CDU-Fraktionschef Björn Thümler achtet strikt auf ein von der Politik abgegrenztes Privatleben, ist dann manchmal auch nicht erreichbar und schützt damit seinen Rückzugsraum. Flauger steht das jetzt auch bevor, allerdings ohne eine Rückfahrkarte in den Landtag. Im Rat des Städtchens Wildeshausen, sagt sie, wolle sie aber bleiben. Dort ist, im Vergleich zum Landtag, alles sehr gut überschaubar.

dpa

Albrecht Scheuermann 23.04.2012
23.04.2012