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Niedersachsen Geländespiele rund um Gorleben
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07:17 29.11.2011
Von Heinrich Thies
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Gorleben

Das Gelächter ist groß in Schaafhausen. Ein Polizist hat gerade versucht, einen beschlagnahmten Trecker von der Straße zu fahren, dabei aber dummerweise statt der Zündung die Kippvorrichtung für den mitgeführten Mist betätigt. Prompt fällt der Dung den uniformierten Kollegen vor die Füße und auf die Straße, über die möglicherweise bald der Atommülltransport in Richtung Gorleben rollen wird. Die Bauern jubeln.

Der Trecker gehört Heinrich Pothmer, der 1979 bei der großen Demonstration in Hannover vor 100.000 Atomkraftgegnern eine legendäre Rede gehalten hat, die den Kernsatz enthielt: „Wie wütt den Schiet nich herm.“ Am Montagnachmittag ist der Biobauer aus Teichlosen bei Jameln in seinen Widerstandsmöglichkeiten etwas eingeschränkt. Vier seiner Trecker nämlich hat die Polizei bei Blockadeaktionen sichergestellt. „Und einen brauchen wir ja zum Füttern“, sagt der 57-Jährige, der an diesem Tag ganz besonders stolz auf seinen Ältesten ist. Fritz Pothmer, 27, war einer der vier Aktivisten der „Bäuerlichen Notgemeinschaft“, die sich gut 15 Stunden in Hitzacker an eine Betonpyramide anketteten und damit den Castor-Zug stoppten.

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Die Polizei war hilflos, am Ende ließen sich die Bauern von ihren eigenen Leuten aus den Rohrfesseln befreien. „Die Betonpyramide ist konstruiert mit Bauernschläue“, berichtete Pothmer stolz bei einer Pressekonferenz. „Das war ein harter Brocken für die Polizei.“ Angst habe er bei alldem nicht gehabt, sagt der Jungbauer. „Unsere Leute waren ja dabei.“ Auch seine Familie hielt sich in Rufweite: seine Frau, seine Mutter und seine Tante – die Grünen-Bundestagsabgeordnete Brigitte Pothmer. Vater Heinrich war unterdessen schon mit dem Trecker unterwegs, um den Castor andernorts zu bremsen.

Auch am Freitag sind die Antiatomaktivisten der „Bäuerlichen Notgemeinschaft“ damit beschäftigt, ihre Trecker, Mähdrescher, Anhänger und Eggen auf der Transportstrecke zu „parken“, möglichst so ineinander verkeilt, dass es der Polizei nicht leicht fällt, sie aus dem Weg zu räumen. Und wenn der „Castorticker“ der Bürgerinitiative Umweltschutz „schwere Sandverwehungen“ vermeldet, so ist auch dies das Werk der Bauern. Nein, an „kreativen Blockaden“, von denen Polizeipräsident Friedrich Niehörster zuvor gesprochen hat, fehlt es an diesem „Tag X“ nicht.

Als medienwirksam erweist sich auch eine Aktion in Klein Gusborn. In dem Wendland-Dorf auf der Südroute der Castor-Transportstrecke haben zwei „Greenpeace“-Aktivisten sich in einem blauen Kleintransporter festgesetzt – und zwar mit Hilfe eines Betonklotzes, der Transporter und Straße miteinander verbindet. Die Aktivisten – ein Mann und eine Frau – liegen auf dem Bauch, die Arme durch den Autoboden gestreckt. Doch trotz der unbequemen Lage beteuern sie, dass es ihnen gut geht und lassen sich fotografieren. Nach vier Stunden, gegen 15 Uhr, werden sie schließlich von der Polizei „befreit“. Die Straße ist frei.

Am Ortseingang von Gorleben dagegen sitzen zu diesem Zeitpunkt immer noch rund 1500 Atomkraftgegner auf der Straße und blockieren damit die Zufahrt zum Zwischenlager. Sie singen, wärmen sich am Lagerfeuer, haken sich unter und verhöhnen die Räumungsaufforderungen. Julia von Staden ist schon seit 26 Stunden dabei. „Ich habe wunderbar geschlafen“, sagt die 30-jährige Soziologin aus Stuttgart, die wie die meisten mit Stroh- und Schlafsack, Isomatte und warmer Kleidung ausgerüstet ist.

Doch ab 16 Uhr wird es dann doch etwas ungemütlich. Nach der dritten Räumungsaufforderung macht die Polizei ernst. Wer nicht freiwillig geht, wird getragen. Die meisten Beamten tun dies sehr rücksichtsvoll, indem sie die Blockierer zu zweit von der Straße heben. Andere zeigen weniger Geduld. „Viele Polizisten sind sehr ruppig zuwegegegangen“, sagt ein Sprecher von „x-tausendmal-quer“ später. „Manchen haben sie ins Gesicht gegriffen oder mit Schmerzgriffen das Handgelenk verdreht. Einige haben sie einfach über die Absperrung geworfen.“

Zahlreiche Verletzte werden beklagt. Gegen 17 Uhr ist die Zufahrt zum Zwischenlager geräumt. Doch inzwischen sind schon wieder andernorts Blockaden entstanden. In Breese in der Marsch zum Beispiel, gleich hinterm Verladebahnhof in Dannenberg, feiern 60 Atomkraftgegner auf der Straße eine „Geburtstagsparty“ mit Kaffee und Kuchen. Und vor dem Zwischenlager in Gorleben hängen zwei Kletterer von „Robin Wood“ an selbstgespannten Seilen über der Zufahrtsstraße. Doch die Beseitigung dieser Hindernisse bereitet der Polizei keine Probleme.

Etwas brenzlig wird es am Abend in Laase nach einer Mahnwache. Demonstranten lassen brennende Strohballen auf die Castor-Transportstrecke oberhalb der Elbe rollen. Die Polizei setzt daraufhin Wasserwerfer ein. Aber nur um die Strohballen zu löschen. Gleichzeitig machen berittene Polizisten Jagd auf vermeintliche Straftäter. Doch das sind Ausnahmen. Von gewalttätigen Autonomen ist an diesem Tag keine Rede. „Die Proteste sind bunt und friedlich“, sagt ein Polizeisprecher.

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