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Niedersachsen Göttinger AStA bietet Ausstiegshilfe für Burschenschaftler
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12:22 24.05.2011
Burschenschaftler in Göttingen bekommen jetzt Hilfe beim Ausstieg. Der AStA der Universität bietet eine Beratung für Mitglieder von Studentenverbindungen an. Quelle: dpa (Symbolbild)
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Bislang gab es zwischen dem Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) der Universität Göttingen und den Mitgliedern der knapp 50 Studentenverbindungen in Göttingen nur wenig Berührungspunkte. Jetzt will sich die Studentenvertretung auch um diese Klientel kümmern – mit einem speziellen Hilfsangebot: Unter dem Motto „Falsch verbunden“ bietet der AStA ab der kommenden Woche eine spezielle Telefonberatung für Burschenschaftler an, die Probleme mit den Strukturen und Gepflogenheiten in ihrer Korporation haben oder ganz aus dieser männerbündischen Gemeinschaft aussteigen möchten.

Die Idee zu dem Projekt stamme von einer studentischen Gruppe, die sich seit Längerem mit Burschenschaften auseinandersetze, sagte am Montag der Öffentlichkeitsreferent des Göttinger AStA, Patrick Michaelis. Vorbild sei ein Aussteigerprogramm an der Universität Leipzig. Dort bietet der „StudentInnenrat“ unter dem Titel „Presence“ bereits seit 2007 ein Beratungs- und Hilfsprogramm für Angehörige von Burschenschaften an. In Göttingen können sich hilfesuchende Korporierte künftig montags von 11 bis 12 Uhr an das Beratungstelefon unter der Nummer (0551) 392 22 68 wenden.

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Man wisse aus Gesprächen mit Studenten, dass es Aussteigewillige gebe, die ihre Verbindungen verlassen möchten, sagte Projektbetreuer Erik Angermann. Die Betroffenen hätten sich von den günstigen Wohnangeboten locken lassen, ohne zu wissen, in welche hierarchischen Strukturen sie sich dort begeben.

Nach Ansicht der Initiatoren können Leistungsdruck, elitäre Anforderungen, Schwulenfeindlichkeit, Alkoholismus und Rituale der Unterordnung, wie sie in manchen Verbindungen gepflegt werden, zu einem Wandel der Persönlichkeit sowie zu psychischen und physischen Problemen führen. Auf den Flugzetteln, die sie auf dem Campus verteilen wollen, sprechen sie diese Aspekte direkt an. „Siehst du dich von deinen Verbandsbrüdern unter Druck gesetzt oder wirst sogar bedroht?“, „Stören dich patriarchale Frauenbilder und nationalistische Parolen in deiner Umgebung?“, „Leidest du unter straffen Hierarchien und fragwürdigen Ritualen?“, wird dort gefragt.

Man wolle mit der Telefonberatung ein niedrigschwelliges Angebot machen, berichtete Projektmitarbeiterin Svenja von Jan. Die speziell geschulten Berater geben nicht nur psychologische Unterstützung, sondern helfen auch bei der Suche nach kostengünstigem Wohnraum. Bei gravierenden Problemen und akuten Krisen vermitteln sie die Hilfesuchenden an die psychosoziale Beratung des Studentenwerks, Rechtsberatungsstellen und Psychologen. In vielen Fällen sei es nicht so leicht, aus einer Studentenverbindung wieder herauszukommen, sagte AStA-Sprecher Patrick Michaelis. Häufig werde auf die Betroffenen ein erheblicher sozialer Druck ausgeübt.

Nach Schätzungen des AStA sind in Göttingen rund 800 Studierende in Burschenschaften organisiert. Einige von ihnen seien stark rechtslastig. Daneben gibt es auch konfessionelle und liberale Burschenschaften. Zu ihnen gehört die Brunsviga Göttingen. Diese war 1995 aus Protest gegen die Rechtslastigkeit der Deutschen Burschenschaft aus dem Dachverband ausgetreten und hatte gemeinsam mit anderen Verbindungen die Neue Deutsche Burschenschaft mit Sitz in Hannover gegründet. Der damalige Streit hatte sich unter anderem an der Frage entzündet, ob Burschenschaften auch Zivildienstleistende als Mitglieder aufnehmen dürfen.

Heidi Niemann