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Niedersachsen Goslar will den Harz aufmotzen
Nachrichten Politik Niedersachsen Goslar will den Harz aufmotzen
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23:13 02.11.2009
Von Hannah Suppa
Quelle: ddp (Archivbild)
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In einer sogenannten Perspektivplanung für die nächsten Jahre, die jetzt den Ausschüssen vorgelegt worden ist, formuliert der Kreis seine Absicht, die touristische Nutzung im Harz stark auszubauen.

Konkret heißt das: Schon jetzt formuliert die Verwaltung Tourismusideen für insgesamt 16 potenzielle Flächen für die ferne Zukunft. Noch gibt es keine Investoren, doch die Standorte sollen schon von Gutachtern geprüft und damit die Genehmigungsverfahren später beschleunigt werden. Dafür nimmt der Landkreis sogar eine Änderung der Landschaftsschutzgebietsverordnung in Kauf. Umweltschützer im Harz warnen vor einer massiven Beeinträchtigung der Natur.

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Landrat Stephan Manke (SPD) verteidigt die Pläne der Verwaltung: „Wir dürfen uns von der Konkurrenz nicht abhängen lassen und müssen eine touristische Entwicklung im Harz ermöglichen.“

In den Papieren listet der Landkreis zahlreiche potenzielle neue Projekte an verschiedenen Standorten auf: Darunter eine Sommerrodelbahn am Bocksberg, eine Tauchplattform an der Okertalsperre oder eine Tubing-Anlage (das Rodeln mit Reifen) in Altenau. Falls der Kreistag Mitte November zustimmt, könnte die Untersuchung der Standorte durch Gutachter bald beginnen. Insgesamt 50 000 Euro sollen bereitgestellt werden, um die Pläne zu prüfen. Die erforderliche Änderung der Landschaftsschutzgebietsverordnung erwartet Landrat Manke in etwa einem Jahr.

Die Naturschützer im Harz sind entsetzt. „Das ist ein Generalangriff auf das Landschaftsschutzgebiet“, sagt Friedhart Knolle, der für den Nationalpark-Förderverein in der Arbeitsgemeinschaft Goslarer Umweltverbände mitarbeitet. Besonders die angestrebte Änderung der Verordnung wird von den Umweltschützern scharf kritisiert: „So eine Verordnung gibt es ja, um die Landschaft als solche zu erhalten und eben nicht zuzubauen“, sagt Knolle. Die Vertreter der insgesamt sieben Umweltverbände befürchten vor allem, dass geringere Hürden für Investoren zu unnötigen Projekten führen könnten – „die dann später keiner mehr haben will“, glaubt Knolle. Besonders die Vorschläge für eine Sommerlanglaufanlage am Sonnenberg in St. Andreasberg wirkten wie eine Provokation, da es sich hier um ein Nationalparkgebiet handele, das besonders geschützt sei.

Der Landkreis teilt die Bedenken nicht. „Wir stehen in engem Kontakt mit den Umweltverbänden und beziehen sie auch in die Planungen mit ein“, sagt Landrat Manke.Die angestrebte Lockerung der Verfahren durch weiter gefasste Naturschutzbestimmungen sei nötig, um zukunftsfähig zu bleiben. „Mögliche Investoren rudern doch zurück, wenn das Genehmigungsverfahren sechs Monate lang dauert“, sagt Manke.

Auch der Harzer Verkehrsverband findet es wichtig, sich gegenüber Konkurrenzgebieten wie dem Erzgebirge, dem Schwarzwald oder auch den Alpen besser aufzustellen. „Es ist gut, im Vorfeld Stolpersteine aus dem Weg zu räumen, das geschieht ja auch nicht ohne Bedacht“, sagt die Geschäftsführerin des Verbandes, Carola Schmidt.

Landesfonds zum Klimawandel gefordert
Beim Klimawandel wird es in Niedersachsen Gewinner und Verlierer geben, sagt Prof. Uwe Schneidewind, Vorsitzender der niedersächsischen Regierungskommission zum Klimaschutz. Der Harz werde eher zu den Verlierern gehören, weil künftig im Winter immer weniger Schnee fallen werde, während die globale Erwärmung dem Tourismus an der Nordseeküste zugutekomme. Der 43-Jährige, der bis 2008 Präsident der Universität Oldenburg war, hat die Vision eines Klimafonds, aus dem Nachteile ausgeglichen werden könnten: „Warum soll es das, was es auf globaler Ebene geben soll, auch nicht für Niedersachsen geben?“ Beim gestrigen Umweltsymposium der Versicherungsgruppe Hannover (VGH) fordert Schneidewind vor rund 200 Teilnehmern zudem eine Landesinitiative zur Altbausanierung. Immobilienbesitzer müssten motiviert werden, in Wärmedämmung und andere Maßnahmen zu investieren, auch wenn die sinkenden Energiekosten möglicherweise nicht ihnen direkt, sondern den Mietern zugute kämen. Die gut 40-köpfige Regierungskommission, der Vertreter von Gewerkschaften, Kirchen, aber auch Energieversorgern und Umweltverbänden angehören, sehe in der Altbausanierung ein großes Potential, die das Land ökologisch und ökonomisch voranbringe. Gerade Häuser aus den siebziger und achtziger Jahren hätten großen Nachholbedarf in puncto Energieeinsparung.

von Saskia Döhner