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Niedersachsen Groß angelegte Razzia gegen Neonazis
Nachrichten Politik Niedersachsen Groß angelegte Razzia gegen Neonazis
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20:19 15.03.2009
Von Klaus von der Brelie
Archivbild Quelle: Jens-Ulrich Koch/ddp
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Im Westen und Norden gibt es keine Nachbarn, hier stehen die Sperrschilder eines Truppenübungsplatzes. Im Süden und Südwesten ebenfalls „Durchfahrt verboten“: Eine große Teichlandschaft ist als Naturschutzgebiet ausgewiesen; im Osten mooriges Gelände mit einem Trainingsplatz für Fallschirmspringer; im Nordosten ist es durch den Wald nur ein Katzensprung bis zur größten KZ-Gedenkstätte in Niedersachsen.

Meißendorf ist wahrlich keine bevorzugte Wohngegend, obwohl es in dem einstigen Bauerndorf fast keinen Durchgangsverkehr gibt und die Grundstückspreise dort so niedrig sind wie fast nirgendwo im Landkreis Celle. Meißendorf hat ein Problem. Es ist zwar seit Jahrzehnten für jedermann deutlich sichtbar, wird aber von den allermeisten Dorfbewohnern am liebsten ausgeblendet: Meißendorf ist immer wieder einmal ein Tummelplatz für Neonazis und Wehrsportgruppen. Dass die Meißendorfer dagegen aufbegehrten, ist bisher nicht bekannt geworden. „Die tun uns doch nichts“, ist gängige Meinung im Ort. „Das sind doch immer dieselben Spinner.“ Polizeieinsätze gegen die Rechtsradikalen, wie in der vergangenen Woche, werden in Meißendorf zwar zur Kenntnis genommen, hinter vorgehaltener Hand aber auch schon einmal als „überzogen“ abgetan. Dabei spricht das Ergebnis der Razzia für sich: Etwa 20 Schusswaffen wurden beschlagnahmt, nicht nur Softair-Pistolen, Schreckschussrevolver und Luftgewehre, auch Langwaffen, mit denen scharf geschossen wurde. Rund 50 Polizisten waren im Einsatz, Verfassungsschutz und Militärischer Abschirmdienst wie auch die britische Militärpolizei. Sieben Wohnungen wurden in Meißendorf durchsucht.

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Oberstaatsanwalt Roland Kazimierski weiß seither ziemlich genau, was von der Gruppe zu halten ist. Sie nennt sich „Division 88“, schmückt sich mit dem Totenkopf-Emblem der SS sowie einer Schlange und hat sich die Bekämpfung muslimischer Terroristen zum Ziel gesetzt. Die zwischen 17 und 26 Jahre alten Männer in Meißendorf stehen im Verdacht, eine bewaffnete Gruppe aufgebaut, gegen das Waffen- und Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen und Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen verwendet zu haben.

Die Razzia in Meißendorf am 11. März war nicht die erste. Bereits im Dezember waren Polizei und Justiz aktiv geworden und hatten bei dem mutmaßlichen Anführer der Gruppe, einem 27-Jährigen, ein früher von der Bundeswehr genutztes Sturmgewehr vom Typ G 3 sichergestellt. Die jüngste Durchsuchung erstreckte sich auch auf eine Bundeswehrkaserne in Wilhelmshaven. Dort wurde im Spind eines Soldaten aus Meißendorf, der sich zu der Gruppe bekennt, offenbar gestohlene Leuchtspurmunition gefunden.

Warum sich die Gruppe „Division 88“ nennt, ist den Strafverfolgern inzwischen klar. Der achte Buchstabe im Alphabet ist das H, 88 ist die verschleierte Abkürzung von „Heil Hitler“.

Das Milieu, in dem sich die „Division 88“ bisher nahezu unbehelligt bewegte, hat eine unrühmliche Vergangenheit. Vor rund 30 Jahren hatte ein rechtsradikaler Arzt aus Bergen in Meißendorf die „Nothilfetechnische Übungs- und Bereitschaftsstaffel (NÜB)“ aufgebaut – eine Wehrsportgruppe, die mit bis zu zwei Dutzend alten Militärfahrzeugen illegal auf den Nato-Schießplätzen in der Heide trainierte und in Meißendorf bei Neonazis tatkräftige Unterstützer fand. Die NÜB pflegte Kontakte zur rechtsradikalen Wiking-Jugend und hatte auch bekannte Hamburger Neonazis an ihrer Seite.

Auch wenn es Anfang der neunziger Jahre still wurde um die NÜB – ihr Anführer zog sich nach Fürstenberg in Brandenburg zurück – so behielt doch Meißendorf sein Image als „kleines braunes Nest“. Dazu trugen vor allem die Wahlergebnisse bei. Republikaner schnitten hier meist besser ab als anderswo in der Südheide. Noch heute sitzt ein Rechtsextremist aus Meißendorf im dortigen Ortsrat und zugleich im Celler Kreistag.

Inzwischen hat Meißendorf in der Literatur einen braunen Stempel aufgedrückt bekommen. Krimiautor Andree Hesse, der sich in Meißendorf sehr gut auskennt, hat die dortige Neonazi-Szene in einem Schlüsselroman beschrieben. Der Titel des Bestsellers: „Der Judaslohn.“
Auch in Meißendorf hat das Buch viele Leser gefunden. Ansporn, das hässliche Image des Dorfes zu ändern, war das Werk aber nicht. Immerhin, die Razzia in der vergangenen Woche hat einige im Dorf nachdenklich gemacht: „Vielleicht müssen wir den Jugendlichen hier noch mehr anbieten“, sagt Gertrud Truffel, die die Grünen im Ortsrat vertritt, aber „eigentlich ist das Dorfleben ganz normal.“