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Niedersachsen Hälfte der Antibiotika kommen nach Niedersachsen
Nachrichten Politik Niedersachsen Hälfte der Antibiotika kommen nach Niedersachsen
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19:58 13.11.2013
Von Karl Doeleke
Foto: Gedrängt stehen Schweine am Futtertrog im Stall eines Mastbetriebes.
Gedrängt stehen Schweine am Futtertrog im Stall eines Mastbetriebes. Quelle: dpa
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Hannover

„Es ist höchste Zeit, den Einsatz in der Nutztierhaltung deutlich zu reduzieren“, sagte der Grünen-Politiker der HAZ. „Jede Gabe von Antibiotika erzeugt Resistenzen bei Bakterien“, sagt der hannoversche Epidemiologe Thomas Blaha. Nach Schätzungen sind solche Keime jährlich für 25 000 Todesopfer in Europa verantwortlich.

Nach Angaben des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit haben pharmazeutische Unternehmen und Großhändler im vergangenen Jahr 1619 Tonnen Antibiotika an deutsche Tierärzte ausgeliefert. Aus den Zahlen geht auch hervor, dass mit etwa 700 Tonnen fast die Hälfte der Medikamente nach Niedersachsen geliefert wurde. Der allergrößte Teil davon ging mit mehr als 500 Tonnen in den Westen des Landes, wo im Postleitzahlbereich 49 besonders viele Tiere gehalten werden.

Das Land will den Verbrauch in den kommenden fünf Jahren um mindestens die Hälfte reduzieren – zur Not auch mit scharfen Sanktionen. „Wir werden Betriebe mit zu hohem Verbrauch zur Veränderung ihrer krankmachenden Haltungsbedingungen auffordern“, kündigte Meyer an. Die Tierhalter sollen beraten werden. Fruchtet diese nicht, kann das laut Meyer schwerwiegende Konsequenzen haben: „bis hin zur Betriebsstilllegung“. Die härtere Gangart soll vom kommenden Jahr an greifen. Dann ermöglicht ein neues Arzneimittelgesetz, den Einsatz der Antibiotika stallgenau und getrennt nach Tierart sowie Wirkstoff zu erfassen.

Bisher ist das nicht möglich. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit registriert nur, welche Mengen an Tierärzte mit einer bestimmten Postleitzahl geliefert werden. Nach Einschätzung von Blaha, der an der Tierärztlichen Hochschule in Hannover lehrt, sagen die allgemeinen Verbrauchsdaten darum auch nur wenig über einen missbräuchlichen Einsatz in Tierbeständen aus.

Blaha verweist aber auf Zahlen der European Medicines Agency. Die EMA hat den Antibiotika-Verbrauch in der Tiermedizin in 25 europäischen Ländern verglichen: In Deutschland werden 211 Milligramm Wirkstoff pro Kilogramm produzierten Fleisches verabreicht – nur zypriotische, italienische und spanische Tierärzte verordnen mehr. Dänische Bauern kommen dagegen mit nur 43 Milligramm aus. „Und trotzdem ist die Tiergesundheit dort nicht schlechter als bei uns“, sagt Blaha.

Der Veterinär kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass vier Fünftel der Antibiotika von nur etwa einem Fünftel der Landwirte verbraucht werden. „Wir müssen das Bewusstsein wecken, dass Antibiotika nicht zum Kaschieren von Haltungsmängeln eingesetzt werden dürfen.“