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Niedersachsen Hannoversche Initiative gewinnt Integrationspreis
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08:12 11.10.2011
Von Marina Kormbaki
Ausgezeichnet: Sozialarbeiterin Aicha Fadla Chouza (von links), Auszubildende Ebru mit Ministerin Özkan und Moderatorin Hayali. Quelle: Simon Peters
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Hannover

Manchmal ist es besser, wenn Träume nicht in Erfüllung gehen. Jedenfalls hat Ebru diese Erfahrung gemacht. Bürokauffrau wollte sie mal werden, eine in schickem Kostüm. Drei Jahre ist das nun her. Die junge Hannoveranerin hatte da gerade ihren Realschulabschluss in der Tasche, keinen richtig guten, aber immerhin. Also schickte sie Bewerbungen, eine nach der anderen, bis es irgendwann 50 waren und die Hoffnung schwand.

Aber Ebru war nicht allein, „zum Glück“, sagt die heute 18-Jährige. Sie wusste Aicha Fadla Chouza und Rita Przybilla an ihrer Seite, Mitarbeiterinnen der Gesellschaft zur Förderung ausländischer Jugendlicher (GFA) in Hannover-Linden. Gemeinsam übten sie das Schreiben von Bewerbungen, Vorstellungsgespräche, Einstellungstests, „einfach alles“, sagt Ebru. Auch Ausdauer und Geduld. Bis es vor wenigen Monaten mit dem Ausbildungsplatz geklappt hat – nicht als Bürokauffrau; aber Schreibtischarbeit, sagt Ebru, wäre ohnehin nicht ihr Ding gewesen. Das hat sie in all den Übungen mit Fadla Chouza erkannt. Gut, dass dieser Traum also ausgeträumt ist. Jetzt hat sie ihre Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau beim Schuhhändler Deichmann begonnen. Und sie ist sehr glücklich damit.

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Ebrus Erfolgsgeschichte ist für Sozialministerin Aygül Özkan Grund genug, die GFA mit dem Integrationspreis des Landes auszuzeichnen. Am Montagabend haben Fadla Chouza und Ebru 9000 Euro Preisgeld entgegengenommen. Landesweit wurden sechs vorbildliche Projekte geehrt, die Jugendlichen mit Migrationshintergrund den Übergang von der Schule in eine Ausbildung erleichtern sollen. Von den 17 eingesandten Bewerbungen haben die Hannoveraner den ersten Platz belegt. Die Leute von der GFA sind nun mal gut im Bewerbungenschreiben.

Aber eben nicht nur darin. In seiner Laudatio hob Peter Engelen vom Vorstand der TUI AG den langen Atem der vier Mitarbeiter der hauptsächlich von der Stadt Hannover finanzierten Initiative hervor. „Die Jugendlichen werden von dem Verein über mehrere Jahre fast wie in einer Familie betreut, sodass jederzeit eine passgenaue Unterstützung angeboten werden kann“, sagte Engelen. Wie eine Familie, so sagt es auch Ebru. Sie war erst in der dritten Klasse, als sie zum ersten Mal die Räume der GFA in Hannover-Linden aufsuchte – um Freundinnen zu treffen und Hausaufgaben zu machen. Jahrelang ging das so, die Tür der GFA stand immer offen, und als es dann ernst wurde und die junge Hannoveranerin Hilfe bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz benötigte, musste sie keine große Hemmschwelle mehr überwinden. „Ich kannte die Betreuer ja schon, und sie kannten mich“, sagt Ebru.

Seit 1984 schon, also seit einer Zeit, in der noch niemand das Merkmal „Migrationshintergrund“ erfunden hatte, begleiten die Lehrer und Sozialpädagogen der GFA Kinder und Jugendliche über lange Zeit hinweg. Zurzeit sind es rund 50 Jugendliche, die in Aus- oder Fortbildung vermittelt werden sollen. „Dabei haben wir ihre komplette Lebenssituation im Blick“, sagt Fadla Chouza. Nach vielen Jahren in der Erziehungsarbeit ist sie zu dem Schluss gelangt: „Jugendliche haben es heute nicht leicht bei der Stellensuche – erst recht nicht, wenn ihr Name ausländisch klingt.“

Es ärgert die Sozialpädagogin, wenn sie irgendwo mal wieder von der „mangelnden Ausbildungsreife“ Jugendlicher liest. „Viele von denen, die dies behaupten, haben selbst einen niedrigen Schulabschluss – früher konnte man eben mit Abschlüssen aller Schulformen eine Ausbildung beginnen.“ Heute aber müssten die Jugendlichen kleine Experten im Umgang mit Scanner, Drucker und Computer sein, um überhaupt die Anforderungen an Bewerbungsschreiben zu erfüllen. Und Hilfe von den Eltern könne nicht jeder erwarten. „Gut, dass viele von ihnen den Weg zu uns finden.“