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Niedersachsen Heim oder Familie - ein schwieriger Fall aus Hameln
Nachrichten Politik Niedersachsen Heim oder Familie - ein schwieriger Fall aus Hameln
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12:22 01.11.2010
Von Jutta Rinas
Familie M. im Wohnzimmer ihres Wohnhauses in Hameln. Den Eltern wurde vom Jugendamt das Sorgerecht für ihre Tochter Viktoria entzogen. Quelle: Christian Burkert
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Jenen Tag im April 2010 wird Marita M. wohl nie vergessen. Es war der Tag, an dem das Jugendamt Hameln – für die Mutter völlig überraschend – ihre Tochter wegen akuter Kindeswohlgefährdung von der Schule weg in ein Heim brachte.

Die zwölfjährige Viktoria blieb fast ein halbes Jahr im Heim, bis sie nach einem Treffen mit dem Vater nicht mehr dorthin zurückkehrte. Jetzt lebt sie wieder in ihrer Familie – in einem rechtlichen Schwebezustand. Denn das Jugendamt duldet nach Angaben des Anwalts der Eltern, Rudolf von Bracken, den Aufenthalt des Mädchens zu Hause nur, weil es „Gewalt anwenden müsste“, um Viktoria dort wieder herauszuholen. „Das Kind wollte nie weg von der Familie und will es auch jetzt nicht“, sagt von Bracken. Das Jugendamt Hameln handele „krass rechtswidrig“, indem es den Willen des Kindes bei der Frage, wo es leben wolle, übergehe. Das Jugendamt Hameln wollte zu dem Fall keine Stellung nehmen.

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Kevin, zwei Jahre alt, 2006 in Hamburg zu Tode gequält, Lea-Sophie, fünf Jahre alt, 2008 in Schwerin im Haus der Eltern verhungert, Julian, fünf Jahre alt, 2010 vom Stiefvater im niedersächsischen Delligsen misshandelt und getötet. Es sind solche extremen Fälle von Kindeswohlgefährdung, die die Jugendämter alarmiert haben, schneller zu handeln. Immer häufiger greifen sie ein – und nehmen Kinder auch aus der Familie. Der Anstieg der sogenannten Inobhutnahmen verlief so drastisch – von 2004 bis heute bundesweit um fast ein Drittel –, dass Ursula von der Leyen schon 2009, damals noch als Bundesfamilienministerin, die Jugendämter mahnte, Kinder nur nach genauer Fehleranalyse aus den Familien zu nehmen.

Im Fall der Familie M. wirft der Anwalt der Eltern dem Jugendamt vor, genau jene Fehleranalyse sträflich vernachlässigt zu haben. „Es hat einmal eine Entscheidung getroffen und ist nicht bereit, die Sache zu revidieren“, sagt von Bracken.

Die „Sache“ begann, als die zwölfjährige Viktoria im Frühjahr dieses Jahres zu Hause dagegen rebellierte, dass die Eltern ihr den Kontakt zu ihrer besten Freundin wegen Schulschwierigkeiten verboten hatten. Viktoria dagegen wollte die Freundin sogar noch öfter sehen, mit ihr tagsüber in der Stadt herumbummeln, auch mal bei ihr übernachten, statt zu pauken. Mit einem drastischen Mittel versuchte das pubertierende Mädchen, sein Ziel zu erreichen.

Am 16. April 2010 tauchte sie mitsamt Freundin bei einer Polizeidienststelle in Hameln auf und behauptete, von den Eltern geschlagen zu werden und deshalb sogar blaue Flecken zu haben. Sie müsse zudem bis spät in die Nacht der Mutter helfen, die Katzen im Haus zu versorgen und schlafe in der Schule vor lauter Müdigkeit deshalb manchmal sogar ein. Sie wolle raus aus der Familie, sagte das Mädchen.

Die Polizei meldete den Fall dem Jugendamt. Mehr passierte nicht. Denn den Beamten blieb unklar, wie schwerwiegend die Vorwürfe Viktorias tatsächlich waren. „Blaue Flecken konnten nicht festgestellt werden“, heißt es in dem Bericht und weiter: „Viktoria machte nicht den Eindruck, dass sie sehr betroffen von ihrer Situation war, sondern war ständig am Herumkichern.“

Das mittlerweile 13-jährige Mädchen brachte mit ihrem Auftritt aber eine Lawine ins Rollen, die jetzt nur noch schwer zu stoppen ist. Angesprochen auf ihre Probleme in der Schule – mit Mitschülern und bei den Noten – wiederholte sie die bei der Polizei gemachten Vorwürfe in Bezug auf die Eltern gegenüber einer Lehrerin und einem Schulsozialarbeiter. Jetzt handelte das Jugendamt sofort und steckte Viktoria ins Heim. Begründung: Das Kind werde von den Eltern geschlagen und wolle die Familie zudem nicht mehr wiedersehen.

Was die Behörde nach Angaben der Eltern jedoch verschwieg, war, dass das Kind die Eltern mitnichten nicht mehr sehen wollte. Im Gegenteil: In Briefen an ihren gesetzlich bestellten Vormund und eine Amtsrichterin, die ihren Fall zu verhandeln hatte, beteuerte sie immer wieder, dass sie zurück nach Hause will. „Meine Geschichte war eine ausgedachte Geschichte. Ich wollte nur, dass jemand mit meinen Eltern spricht, damit ich meine Freundin behalten kann“, heißt es an einer Stelle.

Das Jugendamt hält jedoch an der Ursprungsversion fest und argumentiert mit Kindeswohlgefährdung wegen der schon in dem Polizeibericht und auch später in der Schule geäußerten Vorwürfen. Den vielfach beteuerten Sinneswandel der Tochter kommentiert die Behörde in einer Akte mit den Worten: „Das derzeitige Meinungsbild des Kindes stellt sich aufgrund der Einflussnahme der Kindeseltern anders dar.“

Am Montag muss das Oberlandesgericht über den Fall entscheiden.