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Niedersachsen Heister-Neumann kämpft an vielen Fronten
Nachrichten Politik Niedersachsen Heister-Neumann kämpft an vielen Fronten
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23:39 30.03.2009
Von Saskia Döhner
Niedersachsens Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU). Quelle: Rainer Surrey
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Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) ist angeschlagen. Gegen ihr Maßnahmenpaket zur Sicherung der Unterrichtsversorgung laufen seit Wochen fast alle Seiten Sturm. Vor der Radikallösung, die Zahl der Pflichtstunden zu erhöhen, schreckt das Kabinett zurück, obwohl es vielleicht die effektivste wäre. Denn zum einen weiß die Landesregierung, dass sie den Lehrern durch die Reformen der vergangenen fünf Jahre schon genug zugemutet hat. Zum anderen fürchten die Verantwortlichen im Kultusministerium die pädagogische Einheitsfront vom Mai 2008, als die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und Philologenverband Seite an Seite gegen die verspätete Rückvergütung der Arbeitszeitkonten kämpften. Diese Probleme hat die Ministerin:

Problem Vertrauen: Die Stimmung an den Schulen ist so schlecht wie nie. Es heißt, die Lehrer fühlten sich in ihrer Arbeit nicht ernst genommen und wertgeschätzt. Das Vertrauen in die Kultusbürokratie ist nach dem Hin und Her um den Ausgleich der Überstunden und dem Streit um die Genehmigung der Teilzeitanträge auf dem Tiefpunkt.

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Problem Teilzeit: Schon junge Lehrer sehen sich den Anforderungen des Jobs oft nicht gewachsen und reduzieren ihre Unterrichtsstunden, auch wenn sie keine Kinder oder pflegebedürftigen Eltern zu betreuen haben. Wer überlastet ist, kann bislang aus „arbeitsmarktpolitischen Gründen“ Teilzeit arbeiten. Rund 10#000 Lehrer machen landesweit davon Gebrauch. Zur Sicherung der Unterrichtsversorgung will die Landesregierung diese Teilzeitlehrer für die nächsten zwei Jahre in die Pflicht nehmen. Wer ein Mangelfach wie Mathematik, Physik oder Musik unterrichtet, soll Vollzeit arbeiten.

Problem Schulleitung: Die Schulleiter sollen beurteilen, ob es die Unterrichtsversorgung an der jeweiligen Schule zulässt, dass ein Kollege seine Stundenzahl reduziert. Die Landesschulbehörde prüft jeden Fall noch einmal und entscheidet. Die Schulleiter fürchten Unfrieden im Kollegium, wenn beispielsweise der Deutschlehrer weniger arbeiten darf, aber der Mathelehrer nicht. Die Einführung der Eigenverantwortlichen Schule ziehe zudem immense Verwaltungsarbeit nach sich, klagen die Schulleiter. Mehr als 300 Überlastungsanzeigen sollen im Kultusministerium vorliegen. Für frei werdende Stellen gerade an kleinen Grundschulen finden sich kaum Bewerber.

Problem Gesamtschulen: Der Plan, auch an Gesamtschulen das verkürzte Abitur einzuführen, hat heftige Proteste bei Lehrerverbänden und Eltern ausgelöst. Heister-Neumann will von diesem Entschluss aber nicht abrücken. Umstritten bleibt auch die Vorgabe, dass neue Integrierte Gesamtschulen mindestens fünfzügig sein müssen. Gerade kleinere Kommunen klagen, dass Neugründungen dadurch nahezu unmöglich seien.

Problem Referendare: Referendare sollen künftig mehr unterrichten können. Sie könnten die Unterrichtsstunden von derzeit acht in der Woche bis auf 14 aufstocken. Doch die Bereitschaft dafür scheint gering. Gerade einmal 20 Referendare haben bislang Interesse bekundet. Vielleicht auch, weil sie sich um ihre Noten sorgen. Leiter an den Studienseminaren warnen, dass die Ausbildung leide, wenn die Nachwuchskräfte zu viel unterrichteten.

Problem kleinere Klassen: Weitere Entlastungen für Lehrkräfte sollen nach dem Willen der CDU- und FDP-Fraktionen mittelfristig ermöglicht werden, etwa durch kleinere Klassen. „Das ist viel zu vage“, kritisiert der Philologenverband. „Wir bauchen jetzt einen konkreten Stufenplan zu Verkleinerung der Klassen wie in Baden-Württemberg.“ Kleinere Klassen mit maximal 25 Schülern fordern seit Langem Lehrerverbände, Eltern- und Schülervertreter. Auch die Landesregierung hat die schrittweise Senkung der Klassenobergrenze als Ziel in ihren Koalitionsvertrag geschrieben, allerdings ohne konkrete Zeitangabe.

Problem Landesschulbehörde: Die Behörde, die all diese Reformen umsetzen soll, hat selbst Riesenprobleme. Das Bild vom Patienten, der auf der Intensivstation liege, stimme immer noch, sagt der Präsident Ulrich Dempwolf. Viele der 728 Beschäftigten klagen über eine Aufgabenflut, mindestens 52 Mitarbeiter haben eine Überlastungsanzeige eingereicht.