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Hochschulen: Wie der Forscher Reinhard Jahn die Uni Göttingen aus der Krise führen will

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21:30 08.01.2020
Hilft aus als Präsident der Uni Göttingen: Wissenschaftler Reinhard Jahn. Quelle: Christoph Mischke/Uni Göttingen
Göttingen

Die altehrwürdige Universität Göttingen hat ein turbulentes und schwieriges Jahr hinter sich. Erst räumte Uni-Präsidentin Ulrike Beisiegel vorzeitig ihren Posten und zog damit die Konsequenz aus der anhaltenden Kritik an ihrer Amtsführung. Dann wurde im Juni 2019 der Lüneburger Uni-Präsident Sascha Spoun zu ihrem Nachfolger gewählt – doch auch dies trug nicht zur Beruhigung der Lage bei. Im Gegenteil: Die Entscheidung für Spoun stieß bei einem Teil der Professorenschaft auf heftige Kritik, ein Mitbewerber reichte eine Konkurrentenklage ein. Als sich abzeichnete, dass das Wahlverfahren rechtlich angreifbar und ein neues Auswahlverfahren unausweichlich war, erklärte Spoun, dass er für das Amt in Göttingen nicht mehr zur Verfügung stehe. Daraufhin trat der Vorsitzende des Stiftungsrates, Wilhelm Krull, zurück.

Sie musste gehen, nachdem es massive Kritik an ihrer Amtsführung gegeben hatte: Professorin Ulrike Beisiegel Quelle: Markus Hartwig

Forschung an Nervenzellen

Seit dem 1. Dezember leitet nun der Göttinger Zell- und Neurobiologe Reinhard Jahn die Universität – die Gremien haben ihn zum Interimspräsidenten bestimmt, bis ein neuer Präsident oder eine Präsidentin gewählt ist. Jahn kann auf eine beeindruckende wissenschaftliche Karriere zurückblicken: Er hat viele Jahre an renommierten Universitäten in den USA geforscht, war danach mehr als 20 Jahre lang bis zu seiner Emeritierung Direktor am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen. Gemeinsam mit seinem Team hat er untersucht, wie Nervenzellen miteinander kommunizieren, und dafür viele hochkarätige Forschungspreise bekommen.

Schlechte Stimmung verflogen

Das mögen keine schlechten Voraussetzungen sein, um die Lage an einer Hochschule zu beruhigen, an der die Nerven zuletzt blank lagen und die nach Orientierung sucht. In seiner neuen Rolle hat Jahn erst einmal das Gespräch gesucht – auch mit jenen, die während der Querelen um die vorherige Präsidentenwahl als Kritiker aufgetreten waren. „Dass sich Kollegen kritisch geäußert haben, finde ich nicht schlimm“, sagt er. „Wir haben Meinungsfreiheit, es ist ihre Universität, und sie haben Probleme mit dem Wahlverfahren gehabt, weil sie sich nicht eingebunden gefühlt haben.“ Die schlechte Stimmung sei inzwischen verflogen, meint Jahn: „Ich habe eine enorme Aufbruchstimmung und Bereitschaft gespürt, sich für die Universität einzusetzen – auch in den Kreisen, die sich vorher sehr kritisch geäußert hatten. Gerade diese Kolleginnen und Kollegen sind jetzt vorne dabei, wollen die Ärmel aufkrempeln und sich einbringen. Das finde ich toll.“

Er zog seine Bewerbung als Uni-Präsident für Göttingen zurück, nachdem es Kritik am Auswahlverfahren gegeben hatte: Sascha Spoun, Präsident der Universität in Lüneburg. Quelle: Philipp Schul/dpa

Der Minister musste betteln

Jahn kann als Moderator auftreten, weil die Entscheidung für ihn als Interimspräsidenten auf breite Zustimmung gestoßen war. Dabei hat sich der Wissenschaftler, der gerade 69 Jahre alt geworden ist, um die neue Aufgabe nicht gerissen. „Ich habe auch schon früher mehrfach ähnliche Ämter angeboten bekommen, diese aber immer abgelehnt“, sagt Jahn. Ihm war stets die Forschung wichtiger. Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) habe „sehr harte Überzeugungsarbeit“ leisten müssen, bis er sich vorstellen konnte, dieses Amt zu übernehmen, erzählt Jahn. Dass er sich schließlich doch darauf eingelassen hat, habe vor allem einen Grund: „Die Georg-August-Universität ist meine akademische Heimat“, sagt Jahn. Er habe in Göttingen studiert und promoviert und fühle sich der Universität immer noch sehr verbunden. „Deshalb möchte ich sie in einer schwierigen Situation unterstützen.“

Göttingen soll wieder exzellent werden

Die Universität hat ihm bereits jetzt Einiges zu verdanken, sie hat vor allem von seinem Engagement für die Nachwuchsförderung profitiert. Jahn initiierte die erste „International Max Planck Research School for Molecular Biology“ und war für die Konzeption der Göttinger Graduiertenschule für Neurowissenschaften, Biophysik und molekulare Biowissenschaften (GGNB) verantwortlich, die maßgeblichen Anteil am einstigen Göttinger Erfolg als Exzellenz-Uni hatte.

Mit dem Ruf der Uni Göttingen stand es nicht allzu gut im vergangenen Jahr: Aula am Wilhelmsplatz. Quelle: dpa

  Bei der jüngsten Exzellenzrunde ging Göttingen allerdings leer aus. Jahn will mit dafür sorgen, dass die Universität beim nächsten Mal wieder vorne mit dabei ist: „Wir müssen uns jetzt möglichst rasch strategisch neu aufstellen.“ Dies sei ein Hauptgrund, warum er vorübergehend das Präsidentenamt übernommen habe. „Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren, sondern müssen die nötigen Prozesse anschieben und die Schwerpunktthemen identifizieren, mit denen wir uns bei der Exzellenzstrategie profilieren können.“

„Einzigartig in Deutschland

Jahn sieht dafür gute Chancen: „Göttingen ist nach wie vor eine der leistungsstärksten Universitäten in Deutschland, viele hervorragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler forschen und lehren hier. Ich bin deshalb sehr zuversichtlich, dass wir, wenn wir unsere Karten richtig ausspielen, nächstes Mal wieder dabei sind.“ Ein besonderes Plus sei die enge Kooperation mit den Max-Planck-Instituten und sonstigen außeruniversitären Forschungseinrichtungen, die in Göttingen ansässig sind: „Diese Zusammenarbeit am Göttingen Campus ist einzigartig in Deutschland.“

Nur für kurze Zeit Präsident?

Neben seiner Führungsrolle ist Jahn weiterhin als Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie tätig. Im vergangenen Jahr erhielt er einen mit 2,5 Millionen Euro dotierten ERC Advanced Grant des Europäischen Forschungsrats. Die EU zeichnet damit Spitzenforscher aus, die bahnbrechende wissenschaftliche Erfolge erzielt haben und ein neues Projekt auf ihrem Gebiet angehen möchten. Er habe sich ausbedungen, dass er einen Tag pro Woche am Institut arbeiten könne, sagt Jahn. „Das geht auch nur, weil ich hoffe, dass meine Präsidentschaft möglichst kurz ist. Ich gehe davon aus, dass die Präsidentenwahl bis spätestens Ende dieses Jahres zum erfolgreichen Abschluss gebracht wird.“

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