Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Niedersachsen Hühnerkonzern soll systematisch Küken gequält haben
Nachrichten Politik Niedersachsen Hühnerkonzern soll systematisch Küken gequält haben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:03 14.02.2011
Von Gabriele Schulte
Die Cuxhavener Zuchtfirma Lohmann soll massenweise Küken gequält haben. Quelle: dpa
Anzeige

Am Montag will Niedersachsens neuer Agrarminister Gert Lindemann (CDU) der Öffentlichkeit seine Pläne zum Tierschutz vorstellen – im Vorfeld wurden am Wochenende neue Vorwürfe gegen die Praktiken in der Geflügelindustrie im Lande bekannt. Der Cuxhavener Legehennenspezialist Lohmann Tierzucht hat möglicherweise über Jahre gegen das Tierschutzgesetz verstoßen. Das berichtete „Spiegel Online“ und berief sich auf entsprechende Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft in Stade.

Demnach wurden im Rahmen der Zucht Küken massenhaft Kämme und Zehen amputiert, um die Tiere in der in der Massentierhaltung üblichen Enge weniger anfällig für Verletzungen zu machen. Fachleute vom Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) in Oldenburg stellten in einem Gutachten klar, dass dafür keine Ausnahmegenehmigung vorlag. Die Firmengruppe Lohmann Tierzucht gehört zum deutschen Geflügelzuchttmarktführer Erich Wesjohann. Die Erich-Wesjohann-Gruppe ist trotz enger verwandtschaftlicher und geschäftlicher Beziehungen nicht identisch mit der in der Geflügelmast führenden Paul-Heinz-Wesjohann-Gruppe („Wiesenhof“).

Anzeige

Ein Lohmann-Firmensprecher bestätigte am Sonntag die Ermittlungen, betonte aber: „Die angesprochenen Praktiken werden nicht mehr durchgeführt.“ Vorgeworfen wird Lohmann auch, männliche Küken zu vergasen und als Müll zu entsorgen. Der Sprecher meinte dazu: „Die Tötung von männlichen Eintagsküken ist im Bereich der Legehennenhaltung in sämtlichen Bio- und konventionellen Haltungsformen weltweit gängige Praxis und erfolgt in Cuxhaven gemäß der Nutztierschlachtverordnung.“ Der in den Ermittlungsakten erhobene Vorwurf, die Firma habe die toten Küken an eine Bremer Entsorgungsfirma geliefert, entbehre dagegen jeder Grundlage.

Gert Hahne, Sprecher des Landwirtschaftsministeriums in Hannover, sagte am Sonntag auf Anfrage, das Vergasen sei eine legale und akzeptierte Methode, wenn die Küken anschließend zu Tierfutter verarbeitet würden. Über die Verstümmelungsvorwürfe sei das Ministerium seit Monaten informiert; das Landesamt für Verbraucherschutz selbst habe bei der Staatsanwaltschaft Stade die Anzeige erstattet. Die Firma Lohmann habe die Amputationen daraufhin im vergangenen Jahr eingestellt.

Die Grünen im Landtag warfen der Landesregierung vor, bei der Kontrolle von Geflügelfirmen offenbar zu lasch vorzugehen. „Es ist kaum vorstellbar, dass die trotz Verbots millionenfach ausgeübte jahrelange Praxis des Amputierens von Zehen und Kämmen von Hühnerküken niemandem aufgefallen ist“, sagte ihr agrarpolitischer Sprecher Christian Meyer, der die neuen Ermittlungen zum Thema im Landtag machen will. Unter anderem gehe es um die Frage, welche Rolle der zuständige Veterinär des Landkreises Cuxhaven spielte. Den Akten zufolge soll der Amtstierarzt die beiden Geschäftsführer der Firma Lohmann Tierzucht dabei unterstützt haben, ärztliche Indikationen für die Amputationen zu konstruieren. Der Veterinär habe die Verstümmelungen der Tiere zwar zunächst für unzulässig erklärt, ihnen dann aber wenig später doch zugestimmt. „Das muss noch geklärt werden, sagte dazu der Sprecher des Landwirtschaftsministeriums.

Die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (ABL) nahm die Ermittlungen gegen Lohmann zum Anlass, erneut eine agrarpolitische Wende hin zu einer artgerechten Haltung aller Nutztiere zu fordern. Sprecher Eckehard Niemann sagte, die bisherigen „Tierschutz-Offensiven“ in Bund und Land seien bloß „halbherzige, kosmetische Änderungen“.

gs