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Niedersachsen Jubel bei Siegern und Verlierern
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00:18 16.10.2017
Stephan Weil (links) und Bernd Althusmann wurden auf den Wahlpartys ihrer Parteien jubelnd empfangen.
Stephan Weil (links) und Bernd Althusmann wurden auf den Wahlpartys ihrer Parteien jubelnd empfangen. Quelle: HAZ-Collage
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Hannover

Es gibt diesen einen Moment am Wahlabend, da setzt sich unter den CDU-Anhängern die Erkenntnis durch, dass die Niederlage noch viel schlimmer sein könnte als gedacht. Das ist der Moment, in dem die Hochrechnungen eine Einstimmen-Mehrheit für SPD und Grüne prognostizieren. Wieder. Trotz allem. Nicht zu fassen.

Jubel bei der SPD, große Enttäuschung bei den Linken und mäßige Stimmung bei CDU, FDP und Grünen: So feiern die Parteien in Hannover.

Auch wenn es letztlich nichts wird mit Rot-Grün: In dem Moment kommt bei den Christdemokraten der Unmut hoch – auf den Bundestrend. Und auf „die Twesten-Nummer“. Man hätte die Grünen-Abgeordnete nicht so schnell in die Fraktion aufnehmen dürfen, heißt es. Stephan Weil habe recht gehabt, als er sagte, diese Sache werde der CDU „wie ein Mühlstein um den Hals“ hängen.

Derweil gleicht das Alte Rathaus in Hannover, wo die SPD ihren Wahlsieg feiert, einem Hexenkessel. „So sehen Sieger aus“, skandiert die Menge, als Weil von seinem Interviewmarathon auf dem Messegelände zurück ist, wohin alle Spitzenpolitiker fahren mussten, weil in dem im Umbau befindlichen Landtag noch nicht genug Platz für Fernsehstudios ist. Zwar weiß der bisherige und mutmaßlich neue Ministerpräsident zu diesem Zeitpunkt noch nicht, welche Mehrheit er hat. Aber dass er der Mann des Abends ist, ist glasklar.

Der Saal vibriert

„So eine Stimmung hätte ich mir gestern im Stadion gewünscht“, sagt der 96-Fan Weil. Der Saal vibriert. Aber Weil hat im Gegensatz zu seinem Verein keine Heimniederlage erlitten, sondern einen Sieg, der in seinen Augen vor allem eines zeigt: „Wir lagen noch vor Wochen 12 Prozent hinter der CDU, jetzt 4 Prozent vor ihr – dieser Tag zeigt, dass die SPD in Deutschland Wahlen gewinnen kann.“ Weils Worte gehen im Jubel unter. Kurze Pause mit Ehefrau Rosemarie, dann geht es weiter. Die „Tagesthemen“ und das „Heute-Journal“ warten. Einmal steht Weil im Fernsehen da und macht die Raute wie Angela Merkel. So sehen Sieger ja auch aus.

SPD-Mitglieder verfolgen den Wahlabend im Alten Rathaus.

Boris Pistorius, Innenminister, sagt: „Wir haben uns nicht ins Bockshorn jagen lassen. Das war einer der Gründe für den Wahlsieg. Und die Menschen sind eben klug und unterscheiden zwischen Bundestags- und Landtagswahl.“
Davon war die SPD bereits kurz nach 18 Uhr überzeugt. Wie einen Triumphator empfingen die Gäste der SPD-Landtagsfraktion den alten und voraussichtlich auch neuen Ministerpräsidenten. Schon da glaubte niemand mehr, die CDU könnte noch an der SPD vorbeiziehen. Erstmals seit 1998 wird sie wieder stärkste Fraktion im Landtag sein, seit jenem Jahr, als Gerhard Schröder die Landtagswahl zu einem Plebiszit über seine Kanzlerkandidatur gemacht hatte.

Weil hat über Jahre langen Atem bewiesen

Weils Erfolg kommt nicht von ungefähr. Denn der Marathonläufer hat über die Jahre langen Atem bewiesen, ist schon früh und intensiv in alle Ecken seines großen Bundeslandes gereist und hat sich bekannt gemacht. Und er hat, was für die SPD noch wichtiger ist, seiner nach der Schröder-Zeit doch einigermaßen zerstrittenen SPD wieder innerparteilichen Frieden beschert.

Die Zeit der Bezirks- und Grabenkämpfe ist seit etlichen Jahren Geschichte – auch durch die Allianzen Weils mit dem Friesländer Olaf Lies und der Ostfriesin Johanne Modder, die im Landtag die Fraktionsvorsitzende ist. „Die Partei stand nach diesem so ernüchternden und beschämenden Bundestagswahlergebnis in einer Entschlossenheit im Wahlkampf, wie ich es selten erlebt habe“, sagt Grant Hendrik Tonne, bisher Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion. Er selbst hat seinen Wahlkreis in Nienburg/Schaumburg an den CDU-Kandidaten Karsten Heineking verloren. Nichtsdestotrotz bescheinigt Tonne Weils CDU-Herausforderer Bernd Althusmann, ein hervorragender Wahlhelfer für Weil gewesen zu sein: „Der hat alles verkehrt gemacht, was man verkehrt machen kann.“

"Erfolg erstmal sacken lassen"

Aber mit wem regieren? Rot-Grün erscheint erst unmöglich, dann doch im Bereich des Realistischen, dann wieder nicht. Ampel? Große Koalition? Auf die letzte Option reagieren alle Sozialdemokraten, die über den Turnaround der Wähler jubeln, doch deutlich reserviert. „Diesen Erfolg müssen wir doch erst einmal sacken lassen“, sagt die ebenso mütterliche wie resolute Fraktionsvorsitzende Modder. „Jetzt feiern wir erst einmal einen wunderschönen Wahlerfolg.“ Die Union als mögliche Koalitionspartnerin mögen sich die meisten Sozialdemokraten im Fraktionsraum der SPD überhaupt nicht vorstellen. Die viereinhalbjährigen, zum Teil doch sehr giftigen Ausein­andersetzungen im Landtag haben Spuren hinterlassen.

Weil selbst geht wie ein Strahlemann durch diesen Abend. Kein Wunder, noch vor zehn Wochen schien er fast abgeschrieben, seine Regierung dümpelte herum, verstrickte sich in kleinen Krisen. Doch nun ist er einer der starken Männer in der SPD. Bereits beim allerletzten Wahlkampfauftritt Weils am Sonnabend in Hildesheim wirkte der Bundesvorsitzende Martin Schulz wie ein Stichwortgeber eines starken Ministerpräsidenten: „Stephan pflegt immer zu sagen ...“

In die Hose gegangen

Bei der CDU geht es immer wieder und immer noch um Elke Twesten, die frühere Grünen-Abgeordnete, die die ganze vorgezogenen Landtagswahl ausgelöst hat. Als sie am 4. August ihren Wechsel zur CDU verkündete, da konnten sich die Unionsspitzen das Grinsen nicht verkneifen. In dem Moment war es der perfekte Coup: Bruch von Rot-Grün, die Chance, die Landtagswahlen näher an die Bundestagswahlen zu rücken und ein wenig Rückenwind von der beliebten CDU-Kanzlerin Angela Merkel zu bekommen. Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass dieser Coup gewaltig in die Hose gegangen ist.

"Ich hätte mir natürlich ein besseres Ergebnis für die CDU in Niedersachsen gewünscht", sagt Spitzenkandidat Bernd Althusmann bei der Wahlparty der CDU. Dennoch jubeln die Christdemokraten, nach ersten Prognosen zweitstärkste Kraft im Landtag.

Denn auch, wenn ein schmutziger Deal zwischen der CDU und Elke Twesten nie nachgewiesen werden konnte und es ein Jobangebot wohl wirklich nicht gab, hing dem Wechsel doch immer der Ruch des Verrats und der Intrige an. Lange noch konnte sich die Union damit trösten, dass der Effekt nicht so schlimm werden würde, schließlich blieben die Umfragen stabil.

Von jetzt auf gleich im Wahlkampfmodus

Doch der Twesten-Wechsel ermöglichte es Ministerpräsident Weil, seine Partei von jetzt auf gleich in den Wahlkampfmodus zu versetzen. Ein Zustand, mit dem sich CDU-Spitzenkandidat Althusmann bis zuletzt schwertat. „Hinterher ist man immer klüger“, sagt CDU-Fraktionschef Björn Thümler.

Um 18.22 Uhr, als Althusmann die Bühne im Fraktionssaal betritt, begleitet ihn großer Jubel. Befeuert wird der Beifall vor allem von der Jungen Union. Sie hat eine weitere Lektion von der SPD gelernt: Wenn du die Wahl verlierst, freu dich noch lauter. Aber auch später am Abend wird deutlich: Niemand ist sauer auf den Spitzenkandidaten. Auf den Punkt bringt es Hannovers CDU-Chef Dirk Toepffer, der Althusmann ankündigt und sich dabei schon mal auf dessen weiteren politischen Werdegang festlegt: „Begrüßen Sie den Mann, der uns bis hierher gut geführt hat und uns auch in den nächsten Jahren weiter führen wird – Bernd Althusmann.“ Und Althusmann genießt den Zuspruch.

Bereits vor den ersten Zahlen waren sich viele im Raum einig, dass es nicht an dem Spitzenkandidaten gelegen habe, sondern am ungeschickten Agieren und der miesen Stimmung in der Bundesspitze der Union. „Hier wird keiner über den anderen herfallen“, hatte ein hochrangiger Vertreter der Partei schon vor 18 Uhr erklärt.

Nach dem Wechsel von Elke Twesten zur CDU haben die Niedersachsen am Sonntag einen neuen Landtag gewählt. Das sind die Bilder des Tages.

Althusmann wirkt eher erleichtert

Althusmann wirkt tatsächlich eher erleichtert als tief enttäuscht, als er dann zu den Gästen spricht. Er gratuliert „dem Ministerpräsidenten und den Sozialdemokraten für das offenbar gute Ergebnis“. Sicher: „Es wäre schöner gewesen, wenn wir stärkste Kraft geworden wären. Sind wir nicht, und das müssen wir noch analysieren und darüber sprechen.“

CDU-Spitzenkandidat will sich nicht zurückziehen

Zweimal verhaspelt er sich, als er von der CDU als stärkste statt der zweitstärksten Kraft im Landtag spricht – das ist jetzt wohl noch etwas ungewohnt. Aber dann wiederholt Althusmann seine Sätze, dass man nicht „in Sack und Asche gehen“ müsse und durchaus einen Gestaltungsauftrag habe. Und dafür gibt es mehr als höflichen Applaus. Auch wenn die Wahlkampfslogans an der Wand („Auftakt für den Wechsel“) jetzt hohl wirken.
Erst lässt Althusmann es offen, ob die CDU als Opposition oder in einer Großen Koalition im Landtag mitarbeiten wird. Dann setzt er offenbar doch auf eine Große Koalition: „Wir als Union tragen politische Verantwortung für die Menschen in Niedersachsen.“ Das Wahlergebnis sei „auch für die CDU ein klarer Gestaltungsauftrag“.

Der gescheiterte Spitzenkandidat will sich nicht zurückziehen: Am Dienstag wird er sich in der CDU-Fraktion um das Amt des Vorsitzenden bewerben.

Von Michael B. Berger und Heiko Randermann

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