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Niedersachsen "Lehrer zu Klassenfahrten verpflichten?"
Nachrichten Politik Niedersachsen "Lehrer zu Klassenfahrten verpflichten?"
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00:15 21.10.2014
Von Saskia Döhner
"Können Sie die Lehrer nicht zu Klassenfahrten verpflichten?", fragte eine Mutter Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD). Quelle: dpa/Symbolbild
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Hannover

„Das Klima an unserer Schule wird immer schlechter, die Lehrer sind nicht mehr so motiviert", sagte ein Vater aus Achim bei Bremen am Sonnabend bei der Jahrestagung  des Verbandes der Elternräte der Gymnasien mit rund 150 Teilnehmern in Hannover

Dabei sei das Gros des Kollegiums erst Mitte 30. Eine Elternvertreterin aus Ostfriesland sagte, nicht nur für freiwillige Angebote wie Klassenfahrten und Theaterbesuche fehle den Pädagogen Zeit und Lust, sondern  auch für grundsätzliche Fragen wie die Schulentwicklung. "Können Sie die Lehrer nicht zu Klassenfahrten verpflichten?", fragte eine Mutter Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD). Schließlich würde durch die Fahrten die Klassengemeinschaft gestärkt, und das sei nicht nur für die Fünftklässler wichtig, die neu am Gymnasium seien, sondern auch für die Jahrgänge 7 und 8, "die in der Hochphase der Pubertät" steckten. 

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Für diesjährigen Abiturienten, die dieses Jahr ohne Abschlussfahrt blieben, sei dies ebenfalls sehr bedauerlich, kritisierten die Elternvertreter.

Weil die Landesregierung die Unterrichtsverpflichtung der Gymnasiallehrer zu diesem Schuljahr von 23,5 auf 24,5 Stunden in der Woche erhöht hat und gleichzeitig die ursprünglich zugesagte Altersermäßigung für Pädagogen ab 55 Jahren nicht kommt, ist der Unmut in den Schulen groß. Seit einem Jahr gibt es immer wieder Demonstrationen und Protestaktionen, der Philologenverband klagt vor dem Staatsgerichtshof in Bückeburg gegen die Mehrarbeit an Gymnasien, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bereitet ebenfalls eine Klage vor und hat weiteren Protest angekündigt, notfalls könnten die Lehrer sogar in den Streik treten. Zwei von drei aller Gymnasien in Niedersachsen haben die Klassenfahrten gestrichen. Der Landesschülerrat verlangt seit Monaten die Rücknahme des Boykotts. 

Klaus Plein, scheidender Vorsitzender des Verbandes der Elternräte der Gymnasien, forderte von Ministerin Heiligenstadt, den gordischen Knoten endlich zu zerschlagen.

Doch so einfach sei dies nicht, sagte Heiligenstadt. Klassenfahrten sind ein freiwilliges Angebot der Lehrer, sie können dazu nicht vom Land gezwungen werden. "Wenn ich den Lehrern erst die Unterrichtsverpflichtung erhöhe und sie dann noch verpflichte, Klassenfahrten zu unternehmen, dürfte die Motivation dafür nicht besonders hoch sein", sagte sie. FDP-Bildungsexperte Björn Försterling sagte, die rot-grüne Regierung scheue auch vor dem Zwang zu Klassenfahrten zurück, weil das Land dann komplett die Kosten übernehmen müsse und die Fahrt als Arbeitszeit angerechnet werde müsste. Bislang gibt es für eine fünftägige Klassenfahrt nur fünf Anrechnungsstunden.

Verbeamtete Lehrer dürfen keine Freifahrten des Anbieters annehmen oder sich die Fahrt auch nicht von den Eltern bezahlen lassen, weil sie sich dann der Vorteilsnahme schuldig machen. Försterling mahnte an, dass die Pädagogen nur einen Teil der Kosten erstattet bekommen und viel selbst finanzieren müssten. So würde für ein Einzelzimmer in einer Jugendherberge nur 19 Euro pro Nacht erstattet: "Aber finden Sie zu diesem Preis mal eine Unterkunft!"

Die Kultusministerin und SPD-Schulpolitiker Claus Peter Poppe wiesen darauf, dass es die Entscheidung der Gymnasiallehrer gewesen sei, die Klassenfahrten auszusetzen. Pädagogen an anderen Schulformen mit einer höheren Unterrichtsverpflichtung, etwa Grundschullehrer, die 28 Stunden Pflichtunterricht in der Woche hätten, würden auch Fahrten unternehmen. Für Kai Seefried (CDU) ist dagegen ganz klar das Land in der Pflicht: "Nehmen Sie die Entscheidung zur Mehrarbeit und der Altersermäßigung zurück", forderte er die rot-grüne Regierung auf.

Ute Lange-Kunzmann, Elternvertreterin an der Schillerschule in Hannover, sagte, entscheidend seien keine Verbesserungen an den Gymnasien in ferner Zukunft: "Es geht um unsere Kinder jetzt, für die darf es zumindest keine Verschlechterungen geben."

Zum neuen Vorsitzenden des Elternverbandes wurde am Nachmittag der bisherige Stellvertreter Oliver Gossel aus Soltau gewählt.

Ganztagsschulen in Niedersachsen

Von den rund 260 Gymnasien im Land sind derzeit 186 Ganztagsschulen, die meisten allerdings mit einem offenen Angebot, an dem die Schüler freiwillig teilnehmen können. Allein zwischen 2011 und 2013 wurden 26 Anträge von Gymnasien auf Ganztagsbetrieb genehmigt. Lehrer sollen laut Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) künftig auch verstärkt nachmittags eingesetzt werden, um die Hausaufgaben zu betreuen, den gelernten Stoff zu wiederholen und zu vertiefen oder begabte Schüler besonders zu fördern. Nachmittagsangebote der Lehrer zählen dabei genauso für die Berechnung der Unterrichtsverpflichtung wie Deutsch- oder Mathematikstunden am Vormittag.

"Niedersachsen wird Ganztagsschulland", sagt Heiligenstadt am Sonnabend bei der Jahrestagung des Verbandes der Elternräte der Gymnasien. Pflichtunterricht dürfe nicht mehr das bestimmende Element im Schulleben sein. Bis 2017 will das Land 260 Millionen Euro in den Ausbau der Ganztagsschulen stecken, bis dahin sollen zwei Drittel aller öffentlichen, allgemeinbildenden Schulen auf Ganztagsbetrieb umgestellt sein. Möglich sei es auch, nur einzelne Klassen eines Jahrgangs oder bestimmte Jahrgänge einer Schule auf verpflichtenden Ganztagsbetrieb umzustellen und andere nicht, betonte Heiligenstadt

"Eltern, die lieber eine Halbtagsschule für ihr Kind möchten, wird kein Ganztagsplatz aufgezwungen."

Heike Thies von der Arbeitsgemeinschaft der Schulen in freier Trägerschaft, kritisiert in diesem Zusammenhang, dass das Land kein Finanzierungskonzept für private Ganztagsschulen vorlegt. Dabei seien gerade diese Vorreiter gewesen, etwa die Freien Waldorfschulen. 

Bislang würden die Eltern das Ganztagsangebot über ihr Schulgeld finanzieren.

Schulgesetznovelle

Die rot-grüne Landesregierung will mit einem neuen Schulgesetz an den Gymnasien das Abitur nach neun Jahren wiedereinführen und gleichzeitig Gesamtschulen rechtlich aufwerten. In der Sekundarstufe I, also in den Klassen 5 bis 10, soll nicht mehr als 30 Stunden Unterricht in der Woche Pflicht sein. "Wenn wir Stunden reduzieren wollen, heißt es, es muss gekürzt werden", sagte Kultusministerin Frauke Heiligenstadt

(SPD) beim Treffen der Elternräte der Gymnasien in Hannover. Musik- und Kunstlehrer laufen derzeit Sturm gegen die Pläne, Musik und Kunst in bestimmten Jahrgängen nur noch einstündig zu erteilen. Vor dem Congress Centrum Hannover protestierten Lehrer mit Plakaten, auf denen

stand: "Ist das Kunst oder kann das weg?" Eine Kunstlehrerin sagte, bislang unterrichte sie rund 350 Schüler jeweils zwei Stunden in der Woche, wenn sie nur noch eine Stunde pro Klasse hätte, wären das dann 700 Schüler: "Vor den Elternsprechtage graust es mir dann schon jetzt." Heiligenstadt verwies darauf, dass Informatik vermutlich erstmal doch kein Pflichtfach werde, weil die Fachlehrer dafür fehlten. Kunst und Musik könnten also möglicherweise zweistündige Fächer bleiben.

Bei einem Drittel der Gymnasien, die besondere Profile anbieten, etwa verstärkten Unterricht in den Naturwissenschaften oder eine dritte Fremdsprache anbieten, werden auch künftig nicht 30, sondern mindestens 32 Stunden Unterricht die Regel sein, andernfalls könnten die Profilangebote nicht aufrechterhalten werden. "Das wollen wir weiterhin ermöglichen."

Während für CDU und FDP der Plan, dass Gesamtschulen künftig ersetzende Schulform sein und damit andere Schulen verdrängen können, ein Angriff auf die Bildungsvielfalt im Land ist, betonten SPD und Grüne, es gehe nur um eine Gleichbehandlung der Schulformen. Man wolle Gesamtschulen ermöglichen, nicht aufzwingen.

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