Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Niedersachsen Land prüft Sicherheit von Landesklinik
Nachrichten Politik Niedersachsen Land prüft Sicherheit von Landesklinik
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:52 05.01.2011
Von Marina Kormbaki
Anzeige

Nach der Flucht von drei Männern aus dem Maßregelvollzug des Landeskrankenhauses Brauel (Landkreis Rotenburg) hat die Klinikleitung am Dienstag beim zuständigen Sozialministerium einen Bericht über den Vorfall eingereicht. Daraus gehe hervor, dass die Männer in den frühen Morgenstunden des 1. Januar einen Bolzenschneider entwendet haben, mit dem sie Fenstergitter zersägt und ein Loch in den Absperrzaun des Geländes geschnitten haben, sagte Ministeriumssprecher Thomas Spieker: „Wie die Männer aber an den Bolzenschneider gelangt sind, das ist noch unklar.“ In den nächsten Tagen werde das Ministerium eigene Mitarbeiter nach Brauel schicken: „Sie werden die Sicherheitsstandards vor Ort überprüfen“, sagte Spieker. Die drei Patienten wurden noch am Tag ihrer Flucht wieder dem Maßregelvollzug überführt. Einer stellte sich der Polizei, die beiden anderen wurden in Hameln gefasst.

In den vergangenen Tagen mehrten sich Stimmen von Patienten und ihren Angehörigen, die gegenüber dieser Zeitung und in Internetforen eine „Kollektivbestrafung“ der rund 130 Patienten für die Flucht der drei Männer beklagten. So seien ihnen beispielsweise Hofgänge untersagt worden. „Das war eine vorübergehende Maßnahme“, sagte der Leiter der Klinik für straffällig gewordene Drogenabhängige, Harald Schmidt, am Dienstag. „Solange der Zaun durchschnitten war, konnten wir aus Sicherheitsgründen keine Patienten auf den Hof lassen.“

Anzeige

Nicht erst seit dem jüngsten Vorfall in der Klinik gilt das Verhältnis zwischen Patienten und Personal, aber auch das zwischen dem Pflege- und dem therapeutischen Personal als angespannt. Im vergangenen Jahr wurde die Anzahl der Pfleger um elf erhöht, was bei Therapeuten zu Sorgen um die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze und ihres Budgets geführt hat. „Das sind irrationale Ängste“, sagt Chefarzt Schmidt, „wir haben in absehbarer Zeit nicht vor, therapeutische Stellen abzubauen.“

Um das Arbeitsklima zu verbessern, finden seit einem Jahr mit dem Klinikpersonal verstärkt Mediations- und Supervisionsgespräche statt. Für große Aufregung im Krankenhaus sorgte vor einem Jahr auch die fristlose Kündigung einer Pflegerin, die mit einem Patienten ein Liebesverhältnis eingegangen war. Nach ihrer Kündigung erhob die Frau schwere Vorwürfe gegen die Klinik­leitung, die Staatsanwaltschaft Stade nahm Ermittlungen auf, stellte diese aber bald mangels Beweisen ein.

Das Landeskrankenhaus Brauel weist auch bauliche Mängel auf, die nun aber nach einem mehrjährigen Sanierungsstau behoben werden sollen. Bis zum 1. Januar 2011 gehörten Gelände und Gebäude dem Land Bremen, das Bauanträge aus Niedersachsen zuletzt wiederholt blockiert hatte. Die Bremer fürchteten, sie könnten auf den Kosten sitzen bleiben. Nun hat Niedersachsen die Liegenschaft gekauft und will drei bis vier Millionen Euro unter anderem für ein neues Pfortentor und eine Therapiehalle investieren.

Der Name des Landeskrankenhauses Brauel fiel zuletzt auch im Zusammenhang mit dem Doppelmord von Bodenfelde. Der mutmaßliche Täter Jan O. schloss hier im Frühjahr 2009 eine Drogentherapie ab.