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Niedersachsen Landwirte halten sich mit Bau von Geflügelställen zurück
Nachrichten Politik Niedersachsen Landwirte halten sich mit Bau von Geflügelställen zurück
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08:33 10.01.2011
Von Gabriele Schulte
Im emsländischen Haren verarbeitet die Firma Rothkötter Frischfleisch. Quelle: dpa
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Geflügelfirmen wie Wiesenhof und Rothkötter konnten für ihre Produkte zwar sofort Entwarnung geben. Der Emsländer Franz-Josef Rothkötter dürfte es in der aktuellen Krise aber noch schwerer haben als zuvor schon, Vertragspartner für seine neue Hähnchenschlachthof in Wietze (Kreis Celle) zu finden.

Die Proteste gegen den Ausbau der Geflügelmast in Niedersachsen hatten bereits vor dem Dioxin-Vorfall offenbar Wirkung gezeigt. Der im Zusammenhang mit dem Wietzer Großschlachthof erwartete Bauboom bei Hähnchenställen ist ausgeblieben. Während das von hohem Sicherheitszaun umgebene Schlachthofgebäude im Gewerbegebiet wächst, sucht Betreiber Rothkötter weiter nach Vertragspartnern. Nach der Vorstellung der Pläne vor gut einem Jahr war von bis zu 400 Mastställen im Umkreis von 100 Kilometern die Rede gewesen, doch danach sieht es nun nicht mehr aus. „Wir werden hier kein Mekka der Geflügelzucht“, sagt der Celler Kreislandwirt Jürgen Mente. Nur fünf Landwirte im Landkreis hätten sich für den Bau von Hähnchenställen entschieden.

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Mente führt dies unter anderem auf den gewachsenen Widerstand in der Bevölkerung zurück. „Der Druck der Öffentlichkeit ist enorm“, sagte er. Überall wo Stallbaupläne bekannt würden, entstehe eine Bürgerinitiative. In Sprötze (Kreis Harburg) sei ein bauwilliger Landwirt gar Opfer von Brandstiftern geworden. „Da ist manch einer nicht bereit, die nervliche Belastung auf sich zu nehmen.“ Zudem könnten derzeit auch im Ackerbau und mit Biogasanlagen gute Geschäfte gemacht werden.

Bei der Hähnchenmast gilt dies mittlerweile als weniger wahrscheinlich als noch vor einem Jahr, als die Landwirte zu Hunderten zu den Informationsveranstaltungen verschiedener Schlachthofbetreiber strömten. Im vergangenen Herbst warnte der Geflügelfachmann Prof. Hans-Wilhelm Windhorst von der Universität Vechta vor der wachsenden Konkurrenz auf dem Geflügelmarkt, die Landwirte angesichts sehr hoher Investitionskosten in den Ruin treiben könnten.

Für die emsländische Firma Rothkötter gestaltet sich die Suche weit schwieriger als erwartet. Einem Bericht der örtlichen Zeitung zufolge soll deshalb schon ein Großinvestor versucht haben, Stallflächen einzuwerben. Empört berichtete ein Landwirt aus dem Kreis Celle im November, er habe als „Strohmann“ herhalten sollen. Franz-Josef Rothkötter beteuert indes, dass dies nicht von seiner Firma ausgegangen sei. Über die „Einschüchterung“ der Landwirte sei er keineswegs glücklich, nun müssten notfalls Tiere aus weiter entfernten Regionen nach Wietze gefahren werden. „Wir nehmen in diesem Jahr den Betrieb auf“, sagt Rothkötter. Doch die Erweiterung auf einen Dreischicht-Betrieb mit mehreren Schlachtlinien scheint in weite Ferne gerückt.

„Was machen wir jetzt?“

Auch die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft sieht eine deutliche Wende. Das Bewusstsein in der Öffentlichkeit über nicht tiergerechte Zustände in der Geflügelmast sei schon im vergangenen Jahr deutlich gewachsen, meint Sprecher Eckehard Niemann – zusätzlich wirft der Dioxin-Skandal ein Schlaglicht auf die Agrarbranche. „Dieser Skandal ist in dieser Größenordnung nur möglich, weil nur große Systeme diese Probleme hervorrufen können“, sagt Gabriele Ruschmeier im Namen der Wietzer Bürgerinitiative gegen den Schlachthof. Laut Niemann wird mittlerweile von allen Seiten die Frage diskutiert: „Was machen wir jetzt?“ Im niedersächsischen Landwirtschaftsministerium gebe es ernst zu nehmende Bestrebungen, die Zustände in den Mastställen zu verbessern.

„Infrage kommt zum Beispiel weniger scharfkantige Einstreu“, sagt Niemann. „Speziell zerkleinertes Stroh wäre zwar teurer, könnte aber die Anzahl der Fußballenentzündungen erheblich reduzieren.“ Positive Signale in Richtung „mehr Auslauf“ kämen auch von einzelnen Schlachthofbetreibern sowie aus dem Lebensmittelhandel.

So biete Kaufland neuerdings eine Geflügelmarke an, die längere Lebenszeit und viel Freilauf für die Tiere garantiere – die Tiefkühlprodukte „Label rouge“ müssten allerdings aus Frankreich importiert werden.

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