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15:01 22.11.2011
Zur guten Bildung trägt nicht nur fleißiges Büffeln, sondern auch soziales Engagement bei. Quelle: dpa
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Hannover

Nachwuchssorgen kennt Jörg Schleese nicht. „Wer kommt, der bleibt“, sagt der Ortsbrandmeister aus Gartow im Landkreis Lüchow-Dannenberg. „Wir sind seit Jahren gut bestückt.“ 50 erwachsene aktive Mitglieder zählt die freiwillige Feuerwehr Gartow, in der Jugendwehr engagieren sich rund 20 Jugendliche. Zwei Brandbekämpfer besuchen regelmäßig Kindergärten und Schulen, das Interesse sei stets riesig, vermehrt auch bei den Mädchen. „Bei der Feuerwehr zählt die Gemeinschaft“, sagt Schleese. „Das ist mehr wert als der einzelne sportliche Erfolg.“

Im Kreis Lüchow-Dannenberg gibt es nicht nur überdurchschnittlich viele freiwillige Feuerwehrleute – die Wendländer sind überhaupt besonders engagiert. Nach der jüngsten Bildungsstudie der Bertelsmann-Stiftung ist jeder zweite Bürger in Wohlfahrtsverbänden, Sportvereinen oder anderen Gruppen organisiert. Dass ausgerechnet dieser Landkreis im „Lernatlas 2011“ passabel abschneidet, dass er beim sozialen Lernen sogar zu Deutschlands stärksten Regionen gehört, könnte erst einmal irritieren. Die Schulen sind dort nicht besser ausgestattet als anderswo in Niedersachsen. Die berufliche Bildung leidet – abgesehen vom SKF-Werk in Lüchow, in dem Kegelrollen- und Radlager hergestellt werden – unterm Mangel an großen Arbeitgebern. Theater gibt es im Landkreis nicht, in Lüchow ist immerhin ein kleines Kino.

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Aber jenseits staatlicher Bildungs- und Kulturangebote gibt es ein reges gesellschaftliches Leben. „Die Menschen sind sich einfach näher“, sagt der parteilose Landrat Jürgen Schulz. Die Bereitschaft zum Engagement für Alte und Junge, in Parteien, Vereinen oder eben der freiwilligen Feuerwehr, die Internetnutzung oder auch die Mitgliedschaft in Sport- und Schützenvereinen sind höher als im niedersächsischen und auch als im Bundesdurchschnitt.

All dies sind Orte sozialen Lernens, und dass der Lernatlas sie erfasst, macht den Reiz dieser Studie aus. Bislang kranken Bildungsvergleiche meist daran, dass sie nur schulische und berufliche Bildung betrachten. Dass solche Studien das Gefälle zwischen den Ländern oft nur reproduzieren, ergibt sich nicht zuletzt daraus, dass reiche Länder wie Baden-Württemberg und Bayern mehr Geld in Bildung und Kultur stecken können.

Umso spannender sind die Ergebnisse zu sozialem und persönlichem Lernen, die der Bildungsatlas gesondert ausweist. Zwar führt das Reichtumsgefälle dazu, dass die Siegerregionen in allen einzelnen Vergleichsklassen in Bayern liegen. Aber nicht etwa die wohlhabende Metropole München, sondern ausgerechnet der ländliche Raum Main-Spessart zwischen Frankfurt und Würzburg ist nach der Studie der Sieger aller Vergleichsklassen. Was ist am Kreissitz Karlstadt oder in der Kleinstadt Lohr am Main anders als in anderen deutschen Provinzen?

„Der Wohlstand ist spürbar, die Leute sind sehr offen und gastfreundlich“, sagt der aus Hannover stammende Jonas Gößling. „Lohr kommt einem wie ein Dorf vor – aber eben mit einem Unternehmen von Weltbedeutung.“ Der Berliner Student hat in dem 15.000-Einwohner-Ort seine Abschlussarbeit im Fach Wirtschaftsingenieurwesen geschrieben – beim Technologieunternehmen Bosch-Rexroth, das weltweit 35.000 Mitarbeiter hat, davon allein in Lohr 6100. Zwar sei Lohr selbst keine kulturelle Hochburg. Aber das Unternehmen biete seinen Mitarbeitern und damit praktisch dem ganzen Ort eine reiche Vielfalt an Aktivitäten an.

Diese Eindrücke decken sich mit den Erkenntnissen aus dem Lernatlas: Nicht die staatlichen Instanzen von Kultur und Bildung machen vielerorts den Unterschied, sondern das private Engagement einzelner Menschen und Unternehmen. Wie dem Wendland attestiert die Bertelsmann-Studie auch dem Main-Spessart-Kreis überdurchschnittliche Werte bei den Chancen für soziales Lernen. Am Main kommen freilich eine günstigere Wirtschaftsstruktur und die Nähe von Großstädten wie Frankfurt und Würzburg hinzu – da kann die Randlage des Wendlands nicht mithalten.

„Wo lebenslang gelernt wird, sind die Menschen glücklicher, ist das Zusammenleben sozial gerechter und die Gesellschaft wohlhabender“, fasst Bertelsmann-Stiftungsvorstand Jörg Dräger die Studie zusammen. Auch wenn diese Trendaussage zutrifft: Allzu ernst sollte man nicht jede einzelne Wertung im Lernatlas nehmen. Denn mit seiner so präzise scheinenden Skala von Null bis 60 präsentiert er nicht neue Forschungsergebnisse, er führt nur vorhandene Daten neu zusammen. So basiert der Atlas für Schulisches Lernen etwa auf alten Pisa-Studien, die keine regionale Differenzierung zulassen. Und der Atlas für persönliches Lernen führt unter anderem Statistiken der Volkshochschulen zusammen, die oft gar nicht nach Landkreisen aufgeschlüsselt sind.

Frauke Heiligenstadt, schulpolitische Sprecherin der SPD im niedersächsischen Landtag, empfindet die Kriterien denn auch als fragwürdig. Die These „Je platter das Land, desto größer der Lernerfolg“ sei jedenfalls zu einfältig. Björn Försterling von der FDP sieht für Niedersachsen „in allen Bereichen Luft nach oben“, die Opposition nennt das „Nachholbedarf“. Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) will sich die Ergebnisse genau ansehen, verweist aber darauf, dass Vergleichsstudien immer differenziert zu betrachten seien.

Saskia Döhner und Daniel Alexander Schacht

21.11.2011
Saskia Döhner 21.11.2011
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