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Niedersachsen Leuschner gegen Schröder-Köpf
Nachrichten Politik Niedersachsen Leuschner gegen Schröder-Köpf
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12:20 19.01.2012
Von Gunnar Menkens
Sigrid Leuschner kämpft um ihren Platz im niedersächsischen Landtag. Quelle: Martin Seiner
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Hannover

Man kann sich aus guten Gründen fragen, ob Angelo Alter als Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Döhren-Wülfel eine besondere Wirkung anstrebte, als er vor Kurzem ein Bilddokument an die Redaktionen verschickte. An seiner Seite blickt eine heitere Doris Schröder-Köpf den unbekannten Fotografen an, während sich die Landtagsabgeordnete Sigrid Leuschner zu einem Lächeln nicht entschließen mag. Eher steht ein Erschrecken in ihrem Gesicht. Keine Frage, wer hier sympathisch rüberkommt – obwohl das wahrscheinlich vom Ortsvereinschef gar nicht gewollt war.

Sigrid Leuschner hat allerdings auch wenig Grund, gute Miene zu markieren. Seit sich Doris Schröder-Köpf, 48, entschlossen hat, Politik zum Beruf zu machen, hat die etablierte Landtagsabgeordnete plötzlich eine Konkurrentin bekommen. Man kann es auch so sagen: Die Frau von Exkanzler Gerhard Schröder will Leuschners Job. Und die sieht sich nun mit einer Situation konfrontiert, die manchem Arbeitnehmer im höheren Alter bekannt sein dürfte: Ohne großartige Kärrnerarbeit geleistet zu haben, fordert jemand gleich einen Platz ganz oben. Die Abgeordnete ist routiniert genug, auf das Begehren der jüngeren Konkurrentin mit der üblichen Floskel zu reagieren. „Es ist ihr legitimes Recht“, sagt die Abgeordnete zum selbstverständlich legitimen Recht der Kontrahentin, sich einer demokratischen Wahl zu stellen. Nur ein Nachsatz noch: „Ich war überrascht.“

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Es scheint etwas nachzuhängen. Von ihrem Schreibtisch im Landtagsbüro blickt Sigrid Leuschner auf ein Poster mit historischen Wahlkampfplakaten. Brandt, Schmidt, Schröder. Sie hat alle Höhen und Tiefen mitgemacht. Schon als 18-Jährige trat die gebürtige Hannoveranerin der SPD bei, damals war für engagierte junge Leute eigentlich die radikale APO Mode. Die Sozialdemokratin ist nun 60 Jahre alt, fast zwei Jahrzehnte davon arbeitet Leuschner als Landtagsabgeordnete, und immer wurde die Gewerkschafterin vom Ortsverein Döhren-Wülfel für die jeweils nächste Legislaturperiode nominiert. Sigrid Leuschner hat ihr Leben lang für die Partei gearbeitet. Und die Partei hat es ihr gedankt.

Heute sind in ihrem Wahlkreis Empfänge und Veranstaltungen ohne die Abgeordnete kaum denkbar. Die Sozialdemokratin hat Vorstandsämter inne, sie besuchte wohl Hunderte parteiinterner Sitzungen. Nicht immer ist das ein Spaß. Im Landtag gilt ihr Augenmerk besonders der Sozialpolitik und dem Rechtsextremismus. Als Neonazis durch Kleefeld gezogen waren, organisierte Leuschner später einen Informationsabend. Neulich schlenderte sie mit Oberbürgermeister Stephan Weil in Döhren über den Markt. Sie sei eben vor Ort, sagt die Abgeordnete, und alles in allem komme sie wohl auf 50 bis 55 Stunden Arbeit in der Woche. „Wenn irgendwo drei Leute zusammenstehen, ist Sigrid Leuschner dabei“, scherzt ein Genosse. Das ist überzogen, aber er versteht seine Bemerkung durchaus als Lob.

Alle Verdienste aber haben nicht verhindern können, dass Sigrid Leuschner erst in letzter Sekunde von der gefährlichen neuen Lage erfahren hat. Gerade kam sie von einer Reise zurück nach Hannover, als sie nachmittags vom Vorsitzenden der SPD in Kleefeld-Heideviertel am Telefon erfuhr, dass schon am Abend Doris Schröder-Köpf im Vorstand erwartet werde. Es gehe um eine Landtagskandidatur. Wenig später habe dann Schröder-Köpf selbst angerufen, um Leuschner zu informieren. Da musste Leuschner auch zum Vorstand, und kaum in guter Stimmung. Die Abgeordnete hält das für keinen guten Stil – und sagt das auch. „Ich denke, dass hätte man mir früher sagen müssen. Zu einer Kandidatur entscheidet man sich ja nicht spontan.“

Am Montag beginnen die Vorstellungsrunden durch fünf Mitgliederversammlungen. Doris Schröder-Köpf gegen Sigrid Leuschner. Am 21. März bestimmen dann 40 Delegierte, wer zur Landtagswahl im Januar 2013 in Döhren-Wülfel für die SPD antritt. Die 60-Jährige ist entschlossen, ihre Erfahrung ins Spiel bringen. Gute Kontakte zu Bürgern und Vereinen, „ich bin viel vor Ort“, zweimal konnte sie den Wahlkreis direkt gewinnen. Manche in der SPD fragen sich allerdings, ob Leuschner unbedingt noch eine fünfte Wahlperiode im Landtag sitzen muss, wo es doch um Existenzsicherung nicht mehr geht. 60 Jahre, da könne man ja auch mal Platz machen für Jüngere. Die Landtagsabgeordnete will den Spieß umdrehen. Es müsse, sagt sie, „auch Lebensältere im Landtag geben“.

In der SPD wagt dieser Tage kaum jemand eine Einschätzung, ob unter den Delegierten am Ende Leuschners Routine und Parteiverbundenheit zählen oder der Glanz einer Kanzlergattin. Das Alte oder das Neue. Nicht wenige Sozialdemokraten vermuten, dass die Verwurzelung der 60-jährigen Leuschner an der Basis den Ausschlag gibt. Eine Stimme wie diese: „Für Ältere in der Partei ist das wichtig. Da spielt eben eine Rolle, wer mehr Plakate geklebt hat.“ Aber ist es denkbar, dass Hannovers Sozialdemokraten die Frau des hannoverschen Altkanzlers geschlagen nach Hause schicken? Kann passieren, meint ein Genosse. „Hier jubeln nicht alle, wenn sie den Namen Schröder hören.“ In der SPD haben etliche nicht vergessen, was seine rot-grüne Regierung auf den Weg gebracht hat. Die Agenda 2010, die Rente mit 67, das hielt die Sozialdemokratie nur schwer aus. Der Promi-Bonus für Doris Schröder-Köpf, er existiert womöglich gar nicht.

Für Sigrid Leuschner bleibt die Gefahr, das Mandat zu verlieren. Plötzlich raus zu sein. Geschlagen, weil zu viele Parteifreunde eine Bewerberin vorziehen könnten, die sich für die SPD vor Ort, in Döhren und Wülfel, längst nicht so engagiert hat. Möglichkeiten zum Engagement hätte es ja genug gegeben, sagt Leuschner ein wenig spitz. Kinder – die Schröders haben zwei kleine Adoptivkinder zu Hause – hält sie für kein Hindernis, überall werde ja Betreuung angeboten. Hat sie den Eindruck, dass eine Konkurrentin auf der Überholspur in den Landtag will? Sigrid Leuschner beantwortet diese Frage, indem sie eine direkte Antwort verweigert. Nur dies noch: „Dazu äußere ich mich nicht.“