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Niedersachsen Manfred Sohn neuer Chef der niedersächsischen Linkspartei
Nachrichten Politik Niedersachsen Manfred Sohn neuer Chef der niedersächsischen Linkspartei
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11:57 23.11.2010
Manfred Sohn, neuer Landesvorsitzender der niedersächsischen Linken.
Manfred Sohn, neuer Landesvorsitzender der niedersächsischen Linken. Quelle: dpa
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Es geht auf Mitternacht zu, da liegen sie sich in den Armen und tanzen. Die Kommunisten und die Reformkräfte, glühende Befürworter und kompromisslose Gegner einer Beteiligung an Regierungen. Die Linkspartei feiert in Emden. Zwar wirkt die Nordseehalle etwas groß und kühl für die 200 Delegierten und Gäste des Landesparteitags. Aber als die holländische Gruppe Bots ihren Gassenhauer „Was wollen wir trinken, sieben Tage lang“ spielt, kommt das Gefühl der großen Einigkeit auf. Man prostet sich zu.

Soviel Zusammengehörigkeit hatte die Linkspartei in Niedersachsen selten. Ein Mann genießt das in vollen Zügen, er wird später sagen, diese Partei sei „das Wesentliche“, was er im Leben zustande gebracht hat. Diether Dehm, Politiker, Musikmanager und Texter, Erfinder berühmter Hits und auch Autor dieses Bots-Songs, verabschiedet sich auf dem Parteitag nach sieben Jahren im Landesvorsitz. Er hält eine wehmütige Rede, nennt den Verband seine „Heimat“ und sagt zugleich mit Verweis auf einen Satz von Ernst Bloch, dass man nie wirklich dort sein kann, wohin man zurückkommen will.

Auch Dehm kommt zum Abschied nicht richtig an. Der Beifall für ihn bleibt verhalten. Zwar ist das Parteitagsvolk freundlich gestimmt und nicht auf Streit aus, aber ein Dehm-Jubelfest wird es nicht – trotz der ausgelassenen Feier mit den Bots. Zu vielen im Saal ist Dehm, der Unternehmer, Millionär und Frauenheld, in einer von Hartz-IV-Empfängern und Feministinnen geprägten Partei irgendwie fremd geblieben. Aber immerhin: Ein letztes Mal gelingt es ihm, sein Personalkonzept durchzusetzen. Die Richtung der Linken wird nach ihm von einigen seiner Vertrauten bestimmt.

Neuer Parteivorsitzender neben der blassen Giesela Brandes-Steggewentz wird der Sozialist Manfred Sohn, bisher erster Mann der Landtagsfraktion. Neue Landesgeschäftsführerin wird die hannoversche Kreisvorsitzende Maren Kaminski aus dem Reformerlager. Neuer Fraktionschef soll kommenden Dienstag neben Kreszentia Flauger der 60-jährige Anwalt Hans-Henning Adler aus Oldenburg werden, einer der wenigen Landtagsabgeordneten, bei denen es mucksmäuschenstill wird, wenn sie zum Rednerpult gehen und sich äußern. Alle gehören sie zu denen, die von Dehm stets gefördert worden sind.

Wohin die Linke geht, deutet Sohn vor den Delegierten an: Die Mitgliederzahl, seit Jahren auf 3500 gestiegen, soll über 4000 wachsen. Die kommunalen Mandate (bisher 142) sollen sich vervielfachen. Das dürfe schon allein deshalb gelingen, weil die Partei einen stärkeren Unterbau als 2006 hat und bei der Kommunalwahl 2011 mehr Listen aufstellen dürfte. Die engere Kooperation mit SPD und Grünen steht bevor, wobei Dehm rät, intensiv auf die SPD und weniger auf die Grünen zuzugehen. Und dann geht es noch um die Frage, ob die Partei oder die Fraktion den Ton angeben soll. Manfred Sohn, der von der einen zur anderen Seite wechselte, schrieb kürzlich ganz offen, die Partei müsse die Fraktion „aus dem Mittelpunkt des politischen Geschäfts verdrängen“.

Diether Dehm wird das von außen betrachten, dennoch bleibt er weiter im Vorstand der Bundespartei und in der Bundestagsfraktion. Und er treibt Scherze, so auch am Rande des Parteitags. Frage: Warum freut sich Dehm bei jedem Tor des Fußball-Erstligisten Hoffenheim? Antwort: Weil dann immer die Fanfare zu „Was wollen wir trinken“ gespielt wird – und das heißt jedesmal 17 Cent Einnahmen aus Gema-Gebühren für den Liedautor Dehm. Da zahlt sich der Kapitalismus für ihn aus.

Michael B. Berger

Klaus Wallbaum 20.11.2010