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Niedersachsen Mögliche oberirdische Atommüll-Lagerung sorgt für Wirbel
Nachrichten Politik Niedersachsen Mögliche oberirdische Atommüll-Lagerung sorgt für Wirbel
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14:43 12.05.2011
Von Karl Doeleke
Schon jetzt wird Atommüll oberirdisch gelagert. Quelle: dpa (Archiv)
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In Gorleben über dem Versuchsendlager stehen 91 Castoren, im emsländischen Lingen neben dem Atomkraftwerk 32, in Grohnde, in der Nähe des Meilers im Kreis Hameln, lagern weitere 13 Behälter, und im jüngsten atomaren Zwischenlager am Atomkraftwerk Unterweser (Kreis Wesermarsch) sind nach Angaben des niedersächsischen Umweltministeriums weitere acht Castoren untergebracht. Unterm Strich lagern also in vier Hallen landesweit schon heute 144 Castor-Behälter mit hoch radioaktivem Atommüll über der Erde. Eines Tages sollen sie alle in ein Endlager unter Tage verlegt werden.

Auf 40 Jahre ist die Genehmigung für die Zwischenlager angelegt, und es wäre noch reichlich Platz: Insgesamt dürften laut den Bescheiden des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) 725 Castor-Behälter in den vier Hallen aufbewahrt werden. Warum also nicht, wie es Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander vorgeschlagen hat, die Genehmigung auf 100 bis 150 Jahre verlängern? Das würde zumindest Zeit schaffen, ein Endlager unter Tage zu finden. Eine Sprecherin präzisierte gestern, denkbar wäre ein Bunker neben einem stillgelegten Kraftwerk.

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Bisher ist in Niedersachsen nur das von e.on betriebene Atomkraftwerk in Stade stillgelegt worden. Auch dort gibt es bereits ein atomares Zwischenlager. Allerdings dürfen an der Elbe nur schwach und mittel radioaktive Stoffe gelagert werden, und die Halle dürfte schon ziemlich voll sein. Dort liegen bereits 2500 Tonnen strahlender Stahl aus dem zurückgebauten Reaktorkern. e.on betreibt auch die beiden Zwischenlager Grohnde und Wesermarsch. Eine Sprecherin des Konzerns wollte sich gestern nicht zu dem Sander-Plan äußern. Die Bürgerinitiative Umweltschutz in Lüchow-Danneberg bezeichnete die Idee Sanders, den heißen Müll – die Castoren in Gorleben sind bis zu 400 Grad warm – als Wärmequelle zu nutzen, als absurd. „Aber Absurdität ist ein Markenzeichen Sanders.“

Andere Gegner der Zwischenlager stellen die Frage der Sicherheit – zum Beispiel, ob die Konstruktion der Hallen einem Terrorangriff standhalten würde. Die drei Hallen neben den Kraftwerken sind allesamt nach demselben Konzept gebaut: die Bodenplatte aus Stahlbeton, die Wände 1,2 Meter dick, die Deckenkonstruktion 1,3 Meter stark. Das Zwischenlager in Gorleben ist mit seinen nur einen halben Meter dicken Wänden weniger stabil.

Mit der Frage eines Terrorangriffs auf das Zwischenlager Unterweser befasst sich derzeit das Bundesverwaltungsgericht. Zwei Landwirte aus der Nachbarschaft klagen gegen die Genehmigung des BfS. Als das Zwischenlager Unterweser genehmigt wurde, gab es den „Riesen“-Airbus A 380 noch nicht. Die Kläger halten die Genehmigung daher für unwirksam. Vor dem niedersächsischen Oberverwaltungsgericht (OVG) in Lüneburg waren sie unterlegen: Das BfS hat im Nachhinein ein Gutachten anfertigen lassen, das nach Angaben der Strahlenschutzbehörde besagt, dass die Halle in der Wesermarsch auch einem gezielten Absturz des „Riesen“-Airbus standhalten würde. Gesehen haben die Expertise allerdings nicht einmal die Richter des OVG – sie ist als vertraulich eingestuft. Gegen das Urteil haben die Landwirte Revision eingelegt.