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Niedersachsen Nguyens fühlten sich in Vietnam wie Ausländer
Nachrichten Politik Niedersachsen Nguyens fühlten sich in Vietnam wie Ausländer
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15:29 10.02.2012
Von Stefanie Nickel
Endlich wieder Alltag: Walter Schmidt, ein Freund der Nguyens (links), bastelt mit André und Ngoc Lan in der Wohnung der Familie. Quelle: dpa
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Hoya

Minh Tuong streift seine schwarze Winterjacke über, lässt den Motor seines grauen VW Passat an und steuert den Kombi an den rot verklinkerten Häusern entlang, die die Deichstraße in seiner Wahlheimat Hoya säumen. Zuerst fährt er zum Kindergarten, in dem sein Sohn, der sechsjährige André, seit drei Tagen wieder mit seinen Freunden spielen kann. Dann hält der Kombi vor der Hoyaer Grundschule, wo die neunjährige Esther wieder die dritte Klasse besucht. Als die drei nach Hause zurückkehren, steht das Mittagessen auf dem Tisch. Es ist halb zwei Uhr. Es gibt Frühlingsrollen und Glasnudeln. Im Hause Nguyen ist wieder ein wenig Alltag eingezogen – Normalität, die die Familie monatelang herbeigesehnt hatte.

Drei nervenaufreibende Monate liegen hinter der fünfköpfigen Familie, die am 8. November aus Hoya im Landkreis Nienburg ins vietnamesische Hanoi abgeschoben worden war. „Das Schlimmste war die Ungewissheit“, sagt Vater Minh Tuong. Innenminister Uwe Schünemann (CDU) hatte zwar rasch auf die massive Kritik an seiner Flüchlingspolitik reagiert und sich für die Wiedereinreise der Familie eingesetzt. Doch bis die vietnamesischen Behörden den Nguyens die für die Visa-Erteilung erforderlichen Reisepässe ausstellten, vergingen weitere zwei Monate, die die Familie in beengten Verhältnissen bei Verwandten in Vietnam überbrücken musste. Es hätte noch länger dauern können. „Die vietnamesischen Behörden haben immer wieder viel Geld verlangt“, sagt die Kirchenvorstandsvorsitzende Renate Paul, die seit vielen Jahren zum engen Unterstützerkreis der Familie gehört. „Wir haben gezahlt.“

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Erst am 19. Januar kam die erlösende Nachricht. „Ich halte die Pässe in der Hand“, habe ihre Mutter ihr am Telefon unter Tränen erzählt, sagt die 20-jährige Ngoc Lan, die als Einzige in Hoya bleiben durfte. Zwölf Tage später konnte sie ihre Familie am Flughafen Hannover-Langenhagen endlich wieder in die Arme schließen.

Die Familie sehnt sich nun vor allem nach Routine und Alltag. In der kommenden Woche will Vater Minh Tuong wieder in der Baumschule arbeiten. Mutter Thi San wird noch eine Weile zu Hause bleiben, sie will den Haushalt in Ordnung bringen. Ob Esther weiter mit ihren Freundinnen, die sie vor einer Woche mit selbst gemalten Willkommensplakaten am Flughafen abgeholt hatten, in der Klasse 3a bleiben kann, ist noch unklar. „Wir müssen sehen, ob Esther das packt“, sagt Renate Paul. „Wir wollen sie nicht überfordern. Sie hat viel erlebt.“

Für Esther und André war die plötzliche Abschiebung besonders hart. Sie kannten Vietnam nur aus Erzählungen, die Sprache beherrschten sie kaum. „Für meine Kinder war es eine sehr schwere Zeit“, sagt Minh Tuong. „Sie haben ihre Freunde vermisst, Esther wollte in die Schule gehen und André in den Kindergarten.“ Fast täglich ist Minh Tuong mit dem Moped in das 20 Kilometer entfernte Hanoi gefahren, um Butter, Milch und Brot für die Kinder zu kaufen. Doch es nützte nichts: „Den Kindern hat es einfach nicht geschmeckt, sie haben nur Reis mit Maggi und Nudeln gegessen“, sagt er.

Auch Minh Tuong und Thi San fanden sich kaum in dem Ort zurecht, der früher einmal ein kleines Dorf in der Nähe von Hanoi war und mittlerweile von der Großstadt geschluckt wurde. „Wir haben uns im eigenen Land gefühlt wie Ausländer“, sagt der 45-jährige Minh Tuong. Früher hätten die Leute im Ort in kleinen Hütten mit Strohdächern gelebt. Heute stünden überall Hochhäuser.

Mutter Thi San erzählt aber auch von erheiternden Momenten in Vietnam. Sie erzählt von ihrem Sohn André, der glaubte, alle Vietnamesen seien die Geschwister seines Vaters „Er hat noch nie so viele Menschen gesehen, die uns so ähnlich sehen“, sagt sie. Sie erzählt von einer Supermarktangestellten, die das Vietnamesisch ihrer Kinder nicht verstand. „Ich habe ihr dann gesagt, sie sprechen plattes Vietnamesisch.“ Und sie erzählt davon, dass sie mit ihrem Mann nur Hand in Hand über die Straße ging – weil sie den dichten Straßenverkehr fürchtete. Erst als die Sprache auf ihre 80-jährige Mutter kommt, die alt und gebrechlich ist, hält sie inne. „Ich weiß nicht, ob ich sie noch einmal wiedersehen werde“, sagt Thi San und trocknet sich dabei die feuchten Augen mit einem Taschentuch.

Später beim Andachtsgottesdienst für die Familie und deren Unterstützer sagt Vater Ming Tuong in der Martin-Luther-Kirche: „Ich danke Gott und allen Leuten, die uns geholfen haben.“ Es ist ein gewichtiger Ort, an dem Tuong seine kleine Ansprache hält. Hier hat vor sechs Jahren mit einem Kirchenasyl der Kampf einer breiten Unterstützerschar für ein Aufenthaltsrecht begonnen. Die Familie hat es nun offiziell beantragt. Es ist ein vorläufiges. Wenn alles gut geht, wird es in sieben Jahren entfristet.

In seiner Predigt sagte Pastor Andreas Ruh: „Nur ein Wunder konnte uns zuletzt noch helfen. Und es ist geschehen. Doch so erlösend dieses Wunder auch für die Familie war und für uns. Ich möchte eigentlich gerne auf solche Wunder verzichten: Ich möchte, dass ein humanes Bleiberecht nicht ein Wunder ist.“