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Niedersachsen: Der Ausfall von Unterricht bleibt ein Riesenproblem

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10:12 18.01.2020
Eine Lehrerin schreibt an eine Schultafel im Mathematikunterricht. Der Ausfall von Unterricht bleibt in Niedersachsen ein Riesenproblem. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa
Hannover

Niedersachsen bekommt den Unterrichtsausfall an den Schulen trotz aller Bemühungen nicht in den Griff. Die rechnerische Unterrichtsversorgung ist zwar im ersten Halbjahr des Schuljahres 2019/2020 gegenüber dem Vorjahr leicht gestiegen. Im Vergleich zum Jahr 2013 etwa – als es mehr Schüler und weniger Lehrer gab – werden die Zahlen allerdings immer schlechter. Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) nannte als Grund dafür den zusätzlichen Stundenbedarf durch Inklusion, Ganztagsschulen und Sprachförderung. Opposition und Lehrerverbände kritisierten die Schulpolitik der rot-schwarzen Koalition und warnten vor einem Notstand.

Quote liegt bei 99,6 Prozent

Laut Tonne lag die Quote der Unterrichtsversorgung zum Stichtag 29. August 2019 bei 99,6 Prozent, ein Jahr zuvor waren es 99,4 Prozent. Das sei ein „solider Wert“ und ein „weiterer Schritt nach vorne“, sagte der Minister am Freitag. Er führt das vor allem darauf zurück, dass rund 800 Lehrer mehr eingestellt wurden, als in den Ruhestand gingen. Die Unterrichtsversorgung gibt an, zu welchem Prozentsatz der vorgesehene Unterricht und zusätzliche Lehrerstunden abgedeckt werden können.

Zwischen den Schulformen gibt es große Unterschiede. Im landesweiten Durchschnitt sind die Gymnasien mit 102,2 Prozent am besten versorgt. Die Grundschulen kommen auf einen Wert von 101,5  Prozent. Die Gesamtschulen erreichen am Stichtag 99,1 Prozent, die Realschulen 98,1 Prozent, die Hauptschulen 94,3 Prozent; die Oberschulen liegen bei 97,1 und die Förderschulen bei 93,4 Prozent.

Mehr Lehrer, weniger Schüler

Im Jahr 2013 (auch 2014) lag die Unterrichtsversorgung noch bei 101,0 Prozent. Damals besuchten rund 815.000 Schüler die allgemeinbildenden Schulen in Niedersachsen. In diesem Schuljahr sind es nur noch rund 768.000. Die Zahl der Lehrer an diesen Schulen stieg von 2013 bis zum Schuljahr 2018/2019 von rund 67.400 auf mehr als 68.500. Für das im Februar beginnende zweite Schulhalbjahr sind laut Ministerium 80 Prozent der 1350 ausgeschriebenen Stellen besetzt.

Die FDP warf Tonne Realitätsverweigerung vor. „Schüler und Eltern erleben nach wie vor massiven Unterrichtsausfall, Lehrer beklagen die hohe Belastung durch zu wenig Lehrkräfte“, erklärte der FDP-Schulpolitiker Björn Försterling. „Um den Zusatzbedarf zu decken, seien 1250 weitere Vollzeitlehrereinheiten notwendig. „Es droht ein Schulnotstand.“ Die Grünen sprachen von Rechentricks. Angesichts von fehlenden Lehrkräften, Unterrichtsausfall und Überlastung sei es ein Hohn von einer „solider Unterrichtsversorgung“ zu sprechen, kritisierte die Landtagsabgeordnete Julia Willie Hamburg.

CDU fordert Maßnahmen von Tonne

Selbst vom Koalitionspartner CDU gab es keine volle Rückendeckung für Tonne. Fraktionsvize Mareike Wulf nannte die leichte Steigerung der Unterrichtsversorgung zwar ein „erfreuliches Signal“. Damit sei es aber nicht getan. Die CDU erwarte „weitere Maßnahmen vom Kultusminister, um die Unterrichtsversorgung zu sichern.“

Kritik hagelte es von den Lehrerverbänden. Jedes Jahr aufs Neue versuche Tonne mit den Zahlen zu vermitteln, dass es an den Gymnasien keine Probleme mit der Unterrichtsversorgung gebe, erklärte der Vorsitzende des Philologenverbandes, Horst Audritz. Es handele sich um einen rein statistischen Wert, der keine Aussagekraft für die tatsächliche Erteilung des Unterrichts habe. „Die Berichte aus den Schulen sind nach wie vor alarmierend.“

Lehrerverbände beklagen Belastung

Die Landesvorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, Laura Pooth, kritisierte, dass der Durchschnittswert von 99,6 Prozent „die enormen Probleme in ländlichen und sozial problematischen Gegenden sowie an den unterschiedlichen Schulformen“ verdecke. Sie sprach von zum Teil katastrophalen Werten der Unterrichtsversorgung im Grundschulbereich sowie an Haupt-, Real- und Oberschulen. Der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte beklagte, Unterrichtsausfall, fachfremdes Unterrichten und eine hohe dauerhafte Belastung der Lehrkräfte seien „traurige Realität“ an den Schulen.

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