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22:09 28.09.2010
Von Gabriele Schulte
Wissenschaftsministerin Johanna Wanka will weniger Verschulung und Klausuren.
Wissenschaftsministerin Johanna Wanka will weniger Verschulung und Klausuren. Quelle: dpa
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In Bachelor-Studiengängen werde es weniger Pflichtanteile und mehr Wahlfreiheiten als bisher geben. Niedersachsen reagiere so als erstes Bundesland auf die Aufforderung der Kultusministerkonferenz, übermäßige Verschulung vor allem in den Geisteswissenschaften zurückzunehmen. Auslöser waren bundesweite Proteste der Studenten in den vergangenen beiden Jahren gewesen.

Die Entrümpelung der Studiengänge von Überflüssigem werde Teil von Zielvereinbarungen mit den einzelnen Hochschulen, sagte die Ministerin. „Die Hochschulen müssen ihre Bemühungen und Fortschritte dokumentieren.“ Die Zahl der studienbegleitenden Prüfungen in den Bachelor-Studiengängen sollte sogar „von heute auf morgen“ verringert werden, sagte Gerhard Greif, Präsident der Tierärztlichen Hochschule Hannover und Vorsitzender der Hochschulrektoren.

Niedersachsen hatte die Arbeitsgruppe im März eingerichtet, nachdem Studenten mit Hörsaalbesetzungen gegen die Umsetzung des sogenannten Bologna-Prozesses protestiert und die Länder daraufhin eine Überprüfung vereinbart hatten. Die Abfrage der Arbeitsgruppe an Niedersachsens Universitäten ergab, dass in vielen Fächern seit der Bachelor-Einführung mehr als zehn Klausuren pro Semester geschrieben werden, die in die Endnote einfließen, was weit über die auf Vergleichbarkeit zielenden europäischen Bologna-Vorgaben hinausgehe; drei wären genug. „Oft wird pro Modul nach jedem Seminar und Praktikum noch eine Unterklausur verlangt“, erläuterte Susanne Peter, Vertreterin der Studenten. Wanka will jetzt das erste Semester in der Regel ganz von Prüfungen frei halten. Die Klausuren sollen zudem stärker auf Problemlösung als auf Wissensabfrage ausgerichtet sein.

Einige Hochschulen haben bereits Konsequenzen aus den Studentenprotesten gezogen. So sind in Göttingen Anwesenheitspflichten bei Veranstaltungen abgeschafft worden. Diesem Beispiel sollen die anderen Universitäten folgen. Mittelfristig verlangt die Arbeitsgruppe, Pflichtveranstaltungen zugunsten von mehr Wahlmöglichkeiten zurückzunehmen. „Den Studierenden muss wieder etwas zugetraut werden“, sagte Peter. Unnötige Pflichtanteile beim Studium sollen schrittweise zurückgenommen werden – immer wenn die turnusgemäße „Akkreditierung“ ansteht, die Überprüfung der Studiengänge durch externe Gutachter. Die Bologna-Vorgaben würden weiterhin erfüllt, sodass bei Studienortwechsel keine Nachteile entstünden.

Die Linken im Landtag kritisierten, es fehle ein Zeitrahmen zur Umsetzung. Dies bemängelten am Abend auch drei Sprecher der Landes-ASten, die gern mit mehr als nur einer Vertreterin bei der Pressekonferenz der Arbeitsgruppe dabei gewesen wären. „Wir tragen das Ergebnis als Kompromiss zwar mit, hätten uns aber ein Gesetz mit konkreten zeitlichen Vorgaben gewünscht“, sagte Sprecher Andreas Marx und kündigte neue Studentenproteste an. Es sei wieder ein „heißer Herbst“ zu erwarten.