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22:17 19.03.2014
Von Klaus Wallbaum
Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) hat eine Entscheidung über das Turbo-Abitur getroffen. Quelle: dpa
Hannover

Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) will die Ausbildung an den Gymnasien entkrampfen: Wenn von August 2015 an die Schulzeit zum Abitur schrittweise wieder von derzeit zwölf auf 13 Jahre erhöht wird, sollen zugleich mehrere Stressfaktoren im Schulalltag abgeschafft werden. So werden die Stundenverpflichtungen an Gymnasien der Klassen fünf bis zehn gesenkt, es sollen in der Oberstufe weniger Klassenarbeiten geschrieben werden, und die Orientierung auf Berufswahl oder Studium soll verstärkt werden. „Das wird entlastend sein – auch für die Lehrer“, sagte Heiligenstadt gestern in Hannover.

Das Kultusministerium bereitet nun einen Gesetzentwurf vor, der zum 1. August 2015 gelten soll. „Wir wollen nicht zurück zu den alten Lehrplänen, sondern einen modernen Weg zum Abitur schaffen“, sagte Heiligenstadt. Alle Schüler an Gymnasien, die derzeit in den Klassen sieben, sechs und fünf sind, kommen in den Genuss der Neuregelungen. Das heißt, sie haben regulär wieder 13 Jahre bis zum Abitur zurückzulegen. Für die Schüler, die derzeit in den Klassen sieben, acht, neun und zehn sind, gilt weiter die alte Regel mit zwölf Jahren. „Für diejenigen, die heute in Klasse sieben sind, überlegen wir aber besondere Entlastungen“, betonte die Ministerin. Besonders lernstarke Kinder, die schneller zum Abitur kommen wollen, können ein Jahr überspringen. Ob sie besondere Förderung oder Unterstützung erhalten sollen, ist noch offen.

Heiligenstadt sieht Folgen für die gesamte gymnasiale Schulzeit, nicht nur für die Oberstufe. In den Klassen sieben bis zehn haben die Schüler derzeit eine besonders hohe Belastung, die Wochenstunden liegen zwischen 32 und 34. Angepeilt wird nun, dass 30 Stunden nicht überschritten werden. In der Oberstufe müssen die Schüler für die Ermittlung der Abiturnote bisher 36 Halbjahresergebnisse einbringen. Künftig sollen 32 reichen. Außerdem soll nicht mehr gelten, dass alle fünf Abiturprüfungsfächer in der Woche vier Stunden unterrichtet werden. Es soll demnächst unterschieden werden zwischen Prüfungsfächern mit erhöhtem Anforderungsniveau, die fünf Stunden unterrichtet werden, und solchen mit grundlegendem Niveau, für die drei Stunden reichen sollen.

Heiligenstadt betonte, dass das eine Jahr mehr Schulzeit nicht dazu führen dürfe, noch mehr Unterrichtsstoff in der Schule zu vermitteln. „Wir wollen mehr Zeit zum Lernen und Leben bieten.“ Die Schulen sollen sich verstärkt bemühen, Hilfen bei der Berufswahl oder der Studienentscheidung zu bieten.

Für die Reformvorschläge der Ministerin zeichnet sich eine breite politische Mehrheit ab – SPD und Grüne, CDU und FDP unterstützten den Kurs prinzipiell.

Die wichtigsten Fragen zum neuen Abitur

Wie wird der Prüfungsdruck verringert?
Die Expertenkommission aus Kultusbeamten und Verbandsvertretern hat empfohlen, in der Oberstufe die Zahl der Klausuren zu verringern – dafür aber, je näher die Abiturprüfung rückt, die Arbeiten komplexer und umfänglicher auszugestalten. Dies soll der besseren Vorbereitung auf das Abitur dienen. Der Philologenverband, der viele Gymnasiallehrer vertritt, sieht die Verringerung von Prüfungen skeptisch.

Soll es weniger Prüfungsfächer bei der Abiturprüfung geben?
Die Gewerkschaft GEW hat vorgeschlagen, wieder zu vier Prüfungsfächern (anstelle von bisher fünf) zurückzukehren. Wenn man die Profilbildung der Schüler in der Oberstufe abschaffe, kämen seltene Prüfungsfächer wie Chemie oder Kunst häufiger zum Tragen, sagt GEW-Chef Eberhard Brandt. Doch die Experten im Kultusministerium sehen das nicht so. Die Kultusministerkonferenz habe vorgegeben, dass Deutsch, Mathe und eine Fremdsprache zwingend Prüfungsfächer sein müssen. Wenn die Schüler nur noch eines statt zwei weitere Fächer als Prüfungsfächer hinzuwählen könnten, schränke das ihre Möglichkeiten zu stark ein. Denkbar wäre aber, die Prüfung in einem Fach nicht als schriftliche Arbeit zu verlangen, sondern nur als mündlichen Vortrag. Dies könnte die Lehrer entlasten.

■ Wie werden lernstarke Schüler unterstützt und gefördert?
Wenn Kinder besonders schnell und leistungsstark sind, sollen sie auch ein Jahr überspringen und somit schneller zum Abitur kommen können. Allerdings schlägt das Kultusministerium vor, dass dies in Einzelfällen geschieht. Die CDU sieht das kritisch und bringt sogenannte Turboklassen ins Gespräch, in denen alle lernstarken Schüler zusammengefasst werden können. Dies sei für die Betroffenen besser, weil sie dann nicht als Einzelgänger agieren, sondern im Klassenverband auftreten können. Das Ministerium ist aber auch deshalb eher skeptisch, weil solche „Turboklassen“ einen hohen organisatorischen (und wohl auch finanziellen) Aufwand bedeuten.

■ Was kostet die Reform?
Da erst 2021 der erste 13. Jahrgang in der Abiturprüfung steht, vorher aber die Leistungsanforderungen im Gymnasium gesenkt werden, braucht das Land zunächst weniger Lehrer: 40 im Schuljahr 2015/2016, bis zum Jahr 2020 sogar rund 1400. Dann aber, zur ersten Abiturprüfung im neuen Stil, benötige man auf einen Schlag 1530 zusätzliche Lehrerstellen. Das Kultusministerium sagt, von jetzt auf gleich könne man diese zusätzlichen Pädagogen nicht einstellen, daher solle der Personalbestand allmählich wachsen. Mit anderen Worten: Die wegen der Reform frei werdenden Lehrerstellen sollen zunächst nicht gestrichen werden, sondern im System bleiben. Kultusministerin Frauke Heiligenstadt kündigte das indirekt auch an: Zusätzliche Unterrichtsstunden könnten für die Förderung der Kinder in den Klassen fünf und sechs, oder aber für die Schwerpunktbildung in den zehnten Klassen eingesetzt werden. Dies war noch kein Versprechen, aber eine Andeutung. Ein Festhalten an den Stellen hatten auch Björn Försterling (FDP) und Kai Seefried (CDU) von der Ministerin nachdrücklich gefordert.

■ Wie reagieren die Verbände?
Beim „Dialogforum“ zeigten sich gestern die meisten Verbände einig im Ziel, zum Abitur nach 13 Jahren zurückzukehren. Unterschiede gibt es nur bei den „Turboklassen“, bei der Zahl der Prüfungsfächer und bei der Forderung, die Klassenarbeiten zu reduzieren. Bei den Landtagsfraktionen zeichnet sich eine grundsätzliche Einigkeit ab.

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