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17:04 20.04.2011
Neben Videos von Tierschützern über gequälte Mastputen hatte insbesondere der Skandal über mit Dioxin verseuchtes Tierfutter europaweit für Schlagzeilen.
Neben Videos von Tierschützern über gequälte Mastputen hatte insbesondere der Skandal über mit Dioxin verseuchtes Tierfutter europaweit für Schlagzeilen. Quelle: dpa
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Schnabelkürzen, Kastrationen ohne Narkose, entzündete Fußballen, Qualzuchten, Hornamputationen ohne Betäubungen, millionenfache Tötung von männlichen Eintagskücken. Die Liste der Kritikpunkte an den Haltungsformen bei Nutztieren in Deutschland ist lang. Mit einem neuen Tierschutzplan will Niedersachsens Agrarminister Gert Lindemann (CDU) die Lebensbedingungen von Hühnern, Puten, Schweinen, Enten und Rindern zu verbessern. Bis 2018 - so der offizielle Zeitplan - sollen insgesamt 38 Maßnahmen zu umstrittenen Praktiken überprüft und schrittweise umgesetzt werden. "Mit diesem Ziel bin ich angetreten und ich bin fest entschlossen, dies auch zu realisieren", sagte der CDU-Politiker am Mittwoch in Hannover.

Der Plan sieht unter anderem vor, bei Puten bis 2018 auf das umstrittene Schnabelkürzen zu verzichten. Auch sollen die Ställe sowie die vielfach feststellbaren Skelettdeformierungen und Fußballenerkrankungen bei den sogenannten Qualzuchten möglichst bald der Vergangenheit angehören. Tierquälereien in der Putenhaltung waren in den vergangenen Monaten aufgrund von veröffentlichten Filmaufnahmen von Tierschützern immer wieder in die Schlagzeilen geraten. "Dies sind die weitreichendsten Tierschutzmaßnahmen, die es in der Nutztierhaltung in Deutschland bislang gegeben hat", sagte Lindemann. Zwar könne Niedersachsen den anderen Bundesländern oder der EU seine Vorschriften nicht vorgeben, bislang habe er aber die Erfahrung gemacht, dass Maßnahmen aus Niedersachsen schnell von anderen Ländern übernommen werden.

Die Kosten für die neuen Tierschutzmaßnahmen konnte Lindemann noch nicht benennen. "Ich bin aber bereit dafür auch finanzielle Umschichtungen in meinem Haus vorzunehmen." Tierquälerei - wie zuletzt Anfang der Woche in einem Mastbetrieb in Cloppenburg bekanntgeworden - würden sich durch solche Maßnahmen jedoch nicht verhindern lassen. "Dies ist nicht das Ergebnis eines Fehlers im System, sondern von Defiziten im Management." Zudem verwehrte Lindemann sich gegen wiederholte Kritik, sein Haus trage eine Mitschuld für die Quälereien. Lindemann hofft seinem Maßnahmenkatalog auch das Vertrauen der Verbraucher in den wichtigen Industriezweig zu stärken. In den vergangenen Monaten hatten im Agrarland Nummer eins immer wieder unterschiedliche Skandale die Landwirtschaft erschüttert.

Neben Videos von Tierschützern über gequälte Mastputen hatte insbesondere der Skandal über mit Dioxin verseuchtes Tierfutter europaweit für Schlagzeilen und besorgte Verbraucher gesorgt. Auch bei den Legehennen sieht der Plan diverse Maßnahmen vor. Bis 2016 sollen hier unter anderem Schnabelkürzungen verboten sein. Lindemann betonte, die angegebenen Zeiten seien bei allen Maßnahmen maximale Vorgaben. Schnellere Umsetzungen seien denkbar, aber nur sofern sie auch realistisch umsetzbar sind. So müsse etwa die Kürzung der Schnäbel zunächst in einem Pilotprojekt auf einem Hof im Landkreis Osnabrück getestet werden. Wenn mit den spitzen Schnäbeln Kannibalismus und Verletzungen unter den Tieren zunehmen würden, müsste eventuell die Zuchtlinie verändert werden, so der Minister. Dies gehe nicht von heute auf morgen. "Jeder der behauptet, die Ziele könnten schneller erreicht werden, streut der Öffentlichkeit Sand in die Augen." Für Lindemanns Kritiker ist der Zeitrahmen des Tierschutzplanes zu großzügig bemessen.

So bezeichneten die Grünen im Landtag den Plan als "enttäuschendes Sammelsurium von wortreichen Ankündigungen, Forschungsaufträgen und langfristigen Verschiebungen konkreter Umsetzungsschritte". Für die Linke ist das Maßnahmenpaket gar nur ein "Placebo-Plan". Die SPD lobte zwar das grundsätzliche Engagement, sieht bei der Umsetzung aber zu große Zeitverzögerungen. Viele der Maßnahmen seien ohne Zeitverzögerung sofort umsetzbar.

dpa